Briefe von Kirsch und Wolf: Die Gräben zwischen den Zeilen

Die Briefe der Autorinnen Sarah Kirsch und Christa Wolf erlauben Einblicke in Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR.

Die Freundschaft von Christa Wolf und Sarah Kirsch ging nach der deutschen Wiedervereinigung in die Brüche.
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Innsbruck –Der Titel ist geschickt gewählt – und führt doch ein Stück weit in die Irre: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“, schreibt die große Lyrikerin Sarah Kirsch (1935–2013) 1974 an Christa Wolf (1929–2011). Und beklagt damit das Ausreiseverbot für DDR-Bürger. Kirschs (wieder einmal) neue Liebe hatte ihr von Orten erzählt, die ihr unerreichbar blieben. Und selbst wenn sie „ausnahmsweise“ reisen dürfte, „darf es Frau Meier vom Fließband noch lange nicht“.

Viel und Aufschlussreiches ist im nun erschienenen Briefwechsel von Kirsch und Wolf, die spätestens mit ihren „Kassandra“-Vorlesungen (1983) an der Uni Frankfurt in beiden Teilen Deutschlands zur herausfordernd-hochgeachteten Groß-Intellektuellen wurde, über das Leben und die das Leben dirigierende Bürokratie in der DDR zu erfahren. Über die diktatorischen Strukturen, die vorgaben, wie man zu leben und zu schreiben hatte.

Trotzdem trifft der Titel nur bedingt, weil sich anhand der Briefe vornehmlich Versuche nachzeichnen lassen, sich nicht an die Bedingungen zu gewöhnen. Wobei die Versuche so unterschiedlich sind wie das Temperament der beiden Autorinnen. Wolf und die um sechs Jahre jüngere Sarah Kirsch lernten sich über Wolfs Mann, den im Schriftstellerverband für den Lyriknachwuchs verantwortlichen Lektor Gerhard Wolf kennen. Zu einer Zeit übrigens, als beide Frauen für Texte von offizieller Seite gemaßregelt wurden, Wolf für den Roman „Der geteilte Himmel“ (1962), Kirsch für ihr frühes Gedicht „Quergestreiftes“ (1962), das als Sympathiebekundung fürs Unangepasste verstanden wurde. Kirsch war erzürnt, Wolf riet ihr zur Ruhe. Das Gedicht beurteilte sie als „ordentlich“. Schon hier wird deutlich, was Jahrzehnte später, nach dem Fall der Mauer, abrupt zum endgültigen Bruch führen würde. Während Kirsch das Unmögliche beschwor, blieb Wolf im Rahmen des Möglichen – und nahm dafür auch Arrangements mit der Macht in Kauf. Die unstete Kirsch ging 1978 in den Westen. Wolf setzte auf Sicherheit und blieb, beschwor die sozialistische Utopie – und hoffte auf Reformen.

Sarah Kirsch.
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In ihren Briefen fachsimpeln beide über die Arbeit in den selbstangelegten Gartenidyllen. Ganz so, als gelte es, sich einer großen Gemeinsamkeit zu versichern. Doch nicht nur zwischen den Zeilen öffnen sich Gräben. Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts machen vor keiner Dichterinnen-Freundschaft halt.

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Ergänzt wird „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“ durch einen Anhang, der kontextualisiert, kenntnisreich kommentiert – und manche beredte Leerstelle in der Korrespondenz füllt. (jole)

Briefe Sarah Kirsch/Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“. Herausgegeben von Sabine Wolf. Suhrkamp, 438 Seiten, 32,90 Euro.


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