Abschiedsfest in Zell: „Patchwork-Familie“ wird getrennt

Sie kamen als Fremde und gehen als Freunde: die elf unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die aufgrund politischer Beschlüsse ihre Unterkunft in Zell räumen müssen. Freiwillige Helfer luden zum Abschiedsfest.

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Von Angela Dähling

Zell a. Z. –Wiedersehen und Abschied, bleiben dürfen und gehen müssen, Angst und Erleichterung, Freud und Leid. Das Leben ist voller Gegensätze, die oft nah beieinander liegen. Wie nah, das wurde Freitag im Café im Park in Zell am Ziller deutlich. Zeller Bürger, die sich jahrelang ehrenamtlich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in ihrer Gemeinde gekümmert haben, luden ihre Schützlinge zum Abschiedsfest. Ein Wiedersehensfest wurde es zudem mit jenen jungen Flüchtlingen, die inzwischen volljährig sind, Asylstatus haben und daher woanders in Tirol wohnen.

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Das Privathaus in einer Zeller Wohnsiedlung, in dem seit Mai 2016 rund ein Dutzend junge Buben aus Afghanistan und zuletzt auch aus Syrien untergebracht waren, muss jetzt seine Türen für Flüchtlinge schließen. Grund ist der ÖVP/FPÖ-Regierungsbeschluss einer Verstaatlichung der Betreuung von Asylwerbern und deren zentralisierte Unterbringung. Die elf Burschen, die zuletzt in Zell von der ibis acam und von den freiwilligen Helfern aus Zell betreut wurden, werden jetzt auseinandergerissen. „Sie werden in Fulpmes, Telfs und Hall untergebracht“, weiß die ehrenamtliche Helferin Waltraud Streli vom Generationen-Netzwerk Zell am Ziller. Für die jungen Burschen, die zum Teil Analphabeten waren und Traumatisches wie den gewaltsamen Tod von Familienmitgliedern verarbeiten mussten, kein Grund zur Freude. Verlieren sie doch wieder ihr soziales Netz und damit ein Stück Sicherheit und neuer Heimat in Zell. Hinzu kommt die Unsicherheit bei einigen, ob sie nicht doch abgeschoben werden.

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Ein anderer Teil des Mosaiks aus Flüchtlingsschicksalen sind Menschen wie Mohammad Asef Miakhal und Zabiullah Niazi, den alle nur „Zabi“ nennen. Die beiden 18-jährigen Afghanen haben mit Jahresbeginn bei Opbacher Installationen in Fügen einen Lehrplatz bekommen, und eine gemeinsame Betriebswohnung von ihrem Arbeitgeber noch dazu. Die zwei, die sich im Heim in Zell kennen lernten, sind überglücklich darüber. „Als wir vor 3,5 Jahren hier ankamen, konnten wir kein Wort Deutsch. Zuerst war es sehr schwierig für uns“, erzählt Mohammad in fehlerfreiem Deutsch. Nach der Schule haben sie mit den freiwilligen Helfern fleißig Deutsch gelernt, die B1-Deutschprüfung bestanden und eine Woche eine Schnupperlehre bei Opbacher gemacht.

Auch Khalil Almad Khalig hat große Ziele. Der 18-Jährige zog vor zweieinhalb Monaten aus dem Zeller Heim aus und in eine Garçonniere in Bad Häring ein. Er besucht die Bundesfachschule für wirtschaftliche Berufe in Wörgl und hat einen positiven Asylbescheid. „Die Zukunft war dunkel, jetzt gibt es Perspektiven“, sagt er. „Ohne die Menschen hier in Zell, die uns in ihre Häuser luden, uns ihre Kultur näherbrachten, uns halfen, wo sie konnten, und an uns glaubten, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“, zeigt der wissensdurstige, sympathische Afghane große Dankbarkeit. Sein Ziel: „Matura machen, studieren und für die UNO in Wien arbeiten.“ Die zunächst ungewohnte Esskultur in Tirol zu seinem Beruf machen will Amruddin Azizi (20), der im dritten Lehrjahr im Hubertushof in Hippach als Koch arbeitet. „Viel Zeit zum Freunde-Finden habe ich nebenbei nicht. Dass jetzt alle, die ich in Zell gefunden habe, wegmüssen, ist sehr schade“, sagt er.

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Wehmut macht sich auch bei ehemaligen Betreuern und freiwilligen Helfern breit. „Wir haben von euch und eurer Kultur so viel gelernt und Zusammenhalt und Freundschaft erfahren“, sagt Uschi Langesee vom Generationen-Netzwerk beim Fest. So manch anfänglichen (politischen) Unkenrufen zum Trotz hat Zell gezeigt, dass Integration funktioniert.

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