Verpackungs-Selbstversuch: Es fällt trotzdem haufenweise Plastik an

Ist das Plastiksackerl-Verbot etwa nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Als Konsument kann man sich nur schwer der Plastikflut entziehen.

Ein Selbstversuch: Dieser beachtliche Plastikberg häufte sich innerhalb einer Woche bei einer vierköpfigen Familie an.
© strozzi

Von Nicole Strozzi

Innsbruck –Seit Jänner sind Plastiktragetaschen offiziell im österreichischen Handel verboten. Immerhin ein erster Schritt, begrüßen Umwelt- und Konsumentenschützer das Gesetz. „In Österreich fallen jährlich rund 300.000 Tonnen Verpackungsmüll an, davon betrafen etwa 7000 Plastiksackerl“, weiß Christian Kornherr vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Diese Menge wird nun reduziert, aber es ist noch sehr viel zu tun.

Wie viel, das zeigt unser kleines Experiment. Eine Woche lang haben wir den Verpackungsmüll einer vierköpfigen Familie gesammelt. Unser Fazit: Auch wenn man bewusst einkauft und Obst und Gemüse lose wählt, fällt immer noch haufenweise Plastik an. Am meisten in unserem Fall für Tetrapaks. Milchalternativen wie Hafer- oder Mandeldrinks gibt es nämlich nicht in Mehrwegflaschen, sie werden aber für das tägliche Porridge gebraucht. Linsen und Haferflocken sind auch in Kunststoff gehüllt, genauso wie Küchenrollen, Windeln, Joghurt, Tofu, Zahnbürsten oder die Body-Lotion. Manches hätte nicht sein müssen: Zum Beispiel das verpackte Sushi in der Mittagspause oder die Nudeln, die es auch im Karton gegeben hätte.

Ja, es könnte noch viel mehr gehen, sagt auch Umweltexperte Kornherr. Aus Sicht der Konsumentenschützer betrifft dies vor allem Mogelpackungen. „Wir bekommen so viele Meldungen von Konsumenten, dass Verpackungen nur halb gefüllt sind“, berichtet Kornherr. Wäre die Verpackung dem Produkt angepasst, könnte man viel unnötigen Müll sparen. Solcher fällt auch bei Obst und Gemüse aus dem Supermarkt an. Eine VKI-Erhebung im Sommer 2019 ergab, dass viele Produkte, allen voran Karotten, Tomaten, Gurken, Paprika und Äpfel sehr häufig unnötigerweise in Kunststoff verpackt angeboten werden.

Seit Jänner sind auch die gratis Plastiksackerl in der Obst- und Gemüseabteilung passé. Stattdessen findet man dort die leichten Knotenbeutel, die biologisch abgebaut werden und sich zur Eigenkompostierung eignen. Für Robert Tulnik vom Kompost- und Biogasverband Österreich ist dies ein wichtiges Signal. „Ich denke, den größten Effekt des Plastiksackerlverbots werden wir hier sehen.“ 300.000 Tonnen Bioabfall, die jährlich in Österreich im Restmüll landen, sollen so reduziert werden. Viele Konsumenten hätten vorher, so Tulnik, die Plastik-Obstsackerl zum Sammeln von Speiseresten verwendet und dann den Sack in den Restmüll geworfen. Dies soll sich ändern. Die neuen Sackerl entsprechen nun der Norm EN13432 und dem Standard „ok-compost-home“, das heißt der schnellst abbaubaren Stufe. Das Sackerl wird dann laut Tulnik zu Wasser, CO2 und Biomasse, also quasi wie ein Apfel abgebaut. Österreich ist, was die Technologie betrifft, vorne dabei. „TÜV Austria nimmt die internationale Zertifizierung der Biosackerl vor“, nennt Tulnik ein nicht unwesentliches Detail.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Zahlen und Fakten

900.000 Tonnen Plastikmüll fallen in Österreich jährlich an. Rund 300.000 Tonnen sind Verpackungsmüll.

7000 Tonnen machte der jährliche Müll aus Plastiksackerl aus. Diese Menge soll durch das Verbot reduziert werden.

Italien war Vorreiter. Dort gibt es bereits seit 1. Jänner 2011 ein Verbot von Plastiksackerl, in Frankreich seit 1. Jänner 2016.

Bis Ende 2020 gibt es noch eine Übergangsfrist. Bis dahin dürfen noch Restbestände der Taschen abverkauft werden.

Trinkhalme, Wattestäbchen, Einwegbesteck, Rührstäbchen oder Luftballon-Stäbe sollen bis 2021 verboten werden.

450 Jahre braucht Plastik, bis es sich zersetzt. Es zerfällt in immer kleinere Mikroteile. Schadstoffe können sich lösen.

Betrachtet man die Summe an Plastikmüll, machen die Tragetaschen vielleicht nicht viel aus, so Tulnik. Die Bewusstseinsbildung sei aber der erste Meilenstein. „Als wir mit 2015 mit dem Projekt Biosackerl angefangen haben, wurden wir komplett blockiert. Uns wurde gesagt: ,Das bringt doch eh nichts“, erinnert sich der Experte. Doch die Zeiten haben sich geändert und der Konsument will Plastik reduzieren – und Politik und Handel reagieren. Im Jahr 2019 gaben 84 Prozent der befragten Konsumenten einer Online-Erhebung des Linzer Market-Instituts an, bereits Stoffsackerl oder einen Korb beim Einkauf zu verwenden. 38 Prozent erklärten, nur offenes Obst und Gemüse zu kaufen, und 26 Prozent meinten, Getränke ausschließlich in Glasflaschen zu nehmen.

„Glasflaschen sind allerdings nur umweltfreundlich, wenn sie als Mehrwegprodukt angeboten werden“, erklärt VKI-Experte Kornherr. Eine gute Ökobilanz hänge immer davon ab, wie oft ich etwas verwende. Das betrifft das Glas genauso wie das Papier- oder das Plastiksackerl. Die Diskussion darf nicht bei letzterem enden, sondern muss unbedingt weitergeführt werden.


Kommentieren


Schlagworte