„Lindenberg! Mach dein Ding“: Alles klar auf der Andrea Doria

Deutschrocker Udo Lindenberg (73) wird in „Lindenberg! Mach dein Ding“ ein filmisches Denkmal gesetzt. Jan Bülow (23) glänzt in der Titelrolle. Zeitgeist und Look der 70er-Jahre erleben ein flottes Kino-Revival.

© Lunafilm

Von Markus Schramek

Innsbruck –Jüngere Semester kennen Udo Lindenberg, wenn überhaupt, vielleicht nur noch als schrägen, alten Poseur mit Hut und Sonnenbrille. Ältere können seine Texte („Und überhaupt ist heute wieder alles klar – auf der Andrea Doria“) auch in tiefer Nacht auswendig mitgrölen, egal, wie illuminiert.

Für Zugehörige beider Fraktionen läuft am Freitag ein Spielfilm an, der, ob Fan oder nicht, mehr als zwei Stunden lang blendend unterhält. „Lindenberg! Mach dein Ding“ heißt der Streifen von Regisseurin Hermine Huntgeburth im Jargon unserer Nachbarn aus dem Norden. Dort oben, genauer gesagt in den Spelunken von Hamburg, St. Pauli, beginnt Lindenbergs große Karriere Anfang der 70er-Jahre.

Burgschauspieler Jan Bülow, ganz auf den jungen Udo Lindenberg gestylt, überzeugt als dessen filmischer Darsteller – auch sängerisch.
© imago images/Future Image

Im Kiez mit seinen versifften Clubs, schlagfertigen Zuhältern, verträumten Säufern und aufgebrezelten Königinnen der Bordsteinkante bezieht der Sänger (und vormalige Drummer) den Stoff für die tägliche Berauschung – und für Songs, die punktgenau die Sehnsucht beschreiben, auszubrechen aus jener Umgebung, in die man hineingeboren wird. Udo lässt sein heimatliches Kaff in Westfalen weit hinter sich. Er setzt die Segel und landet, sicher nicht zufällig, in der großen Stadt an der Elbe mit Zugang zum offenen Meer.

Der Berliner Jan Bülow, seit Herbst Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater und mit 23 exakt 50 Jahre jünger als Udo heute, gibt im Film den jungen Lindenberg. Er hustet darauf, in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters Gustav (Charly Hübner) zu treten, eines Installateurs mit Hang zu Alkohol und Glücksspiel.

In Rückblenden erfährt man Genaueres aus Udos Kindheit. Er wird vom angetrunkenen Vater zum Aufsagen eines Gedichts vergattert, vor Publikum und als Beweis, dass auch aus den Lindenbergs etwas werden kann.

Trailer:

Viele Jahre später straft der Vater die Musik seines Sohnes mit Verachtung. Viel besser, als in den Fäkalien von Kunden herumzuwühlen, entgegnet der Sänger dem Klempner-Vater. Eine Keilerei unter dem Weihnachtsbaum folgt. Mama Hermine Lindenberg (Julia Jentsch), sieht fassungslos zu, wie ein kleines Stück heile Welt zerbricht.

Kinder der 70er-Jahre wird dieser Film in ihre ureigenen Anfänge zurück-flashen. Denn die Ausstattung der Marke „Biedermann extrem“ wurde mit großer Liebe zum Detail zusammengesammelt: grausliche Tapeten, erdrückend schwere Möbel im Wohnzimmer und überall Qualm. Geraucht (und gesoffen) wird hemmungslos.

Draußen parkt der giftgrüne Porsche von Musikagent Mattheisen (Detlev Buck), der Udo und seinem Panikorchester erste Plattenverträge besorgt. Bei der Songauswahl irrt sich der Herr Experte aber gewaltig. Nicht der verlangte dümmliche Schlagerkäse startet durch, sondern die von Udo favorisierte B-Seite, „Hoch im Norden“, wird zum Hit an der Waterkant.

Es ist die Geburtsstunde des Deutschrock. Ein großer Schritt. Denn die Nazi-Vergangenheit lastet noch schwer auf dem Land. Deutsch ist „die Sprache der Täter“. Rockmusik hat Englisch zu sein. „Dann holen wir uns die Sprache eben zurück“, wirft Udo pragmatisch ein – und behält Recht.

Jan Bülow, der Lindenberg kaum kannte, liefert als dessen filmisches Gegenstück eine sensationelle Leistung. Kaum hat man je das Gefühl, dass hier jemand in die Rolle eines anderen schlüpft. Bülow überzeugt auch sängerisch. Vier Songs singt der Schauspieler selbst mit einer Lässigkeit, wie wir sie vom Original kennen.

Rami Malek hat für die Darstellung von Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ im Vorjahr den Oscar geholt. Ganz so weit wird es eine deutschsprachige Filmbiografie nicht bringen. Sehenswert ist „Lindenberg! Mach dein Ding“ aber mit Sicherheit. Der echte Udo soll bei der Filmpremiere zu Tränen gerührt gewesen sein.


Kommentieren


Schlagworte