Klavierabend mit Kirill Gerstein: Drama mit magischen Inseln

Gersteins viriler Zugriff verblüffte eingangs mit Haydns Fantasie in C-Dur, Hob. XVII/4, die er von höfischer Glättung befreite und Haydns so oft unterdrückte Leidenschaft und harmonische Entdeckerfreude einbrachte.

Kirill Gerstein Montagabend am Steinway im Haus der Musik in Innsbruck mit ungewöhnlichem Programm.
© Kern

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Ungarn war das musikalische Zentrum für das Recital von Kirill Gerstein, der zu den führenden, mehr noch, zu den fesselndsten Pianisten gehört. Von Joseph Haydn, der lange Jahre seiner Karriere auf Schloss Eszterháza wirkte, über Franz Liszt reichte im Haus der Musik das Programm, das durchgehend mit Spielarten der Fantasie zu tun hatte, bis zu György Kurtág, dem größten lebenden Komponisten Ungarns. Die „Wandererfantasie“ führte nach Österreich zu Franz Schubert und Johannes Brahms, der ein ungarisches Lied variiert hatte.

Gersteins viriler Zugriff verblüffte eingangs mit Haydns Fantasie in C-Dur, Hob. XVII/4, die er von höfischer Glättung befreite und Haydns so oft unterdrückte Leidenschaft und harmonische Entdeckerfreude einbrachte.

Gerstein bedient keine Erwartungshaltung. Er geht tief in die Werke hinein, zwingt zum Zuhören und bringt Erstaunliches, bislang Ungehörtes hervor. Das Faszinierende dabei ist, dass diese nachdrücklich schürfende, von Pathos und Sentimentalität befreite Rhetorik, die präzise Differenzierung und ungewohnte Erkenntnis so spontan scheinend daherkommen, als entstehe das Werk im Augenblick – und das geschieht im weiteren Sinn auch.

Gerstein horcht die Musik auf seine besondere Weise aus und lässt daran teilhaben. Wer sich darauf einlässt, begegnet auch pianistischer Zauberarbeit. Mit Hilfe des Pedals kann er einzelne Töne im Folgenden nach- und damit mitwirken lassen. Als er eine eigens für ihn arrangierte Berceuse des großartigen britischen Komponisten Thomas Adès beendet hatte, klang eine ganze Klangkaskade nach. Gerstein ist dramatisch, schroff und abgründig, aber auch von hinreißender poetischer Klangsinnlichkeit. Er kann das eine ins andere überführen, das Wilde ins Zarte und umgekehrt. Sein Spiel kennt keine Belanglosigkeit, nur Bedeutung.

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Was im ersten Konzertteil Haydn, Brahms und Schubert betraf, war noch nicht jeder mit Gersteins Wahrheit einig. Von dramaturgischer Bedeutung seine magisch-stillen Inseln mit Kurtág und Adès. Nach dem Liszt-Block mit drei virtuosen Stücken – Ungarischer Geschwindmarsch, Mephisto-Polka, Csárdás obstinée – und der h-Moll-Sonate war die Begeisterung groß, belohnt durch einen Choral von Bach/Busoni.

Gerade die h-Moll-Sonate mit ihrer Mehrsätzigkeit in einem Satz offenbarte Gersteins Ansatz, zu Unrecht Kapriziöses zu schärfen und dem oft Aufgedonnerten die Musik wiederzugeben. Seine immensen pianistischen Fähigkeiten macht er steten Verwandlungen und einer subtilen, rhythmisch feinstrukturierten, farbsprühenden Interpretation dienstbar.


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