Neue Heimat Tirol: „Jeder Neubau muss Passivstandard haben“

Die Neue Heimat Tirol hat erstmals in Österreich Energieeffizienz in die Wettbewerbskriterien für die Planung aufgenommen. Wer das gleich mitdenkt, spart viel.

Energieexperte Harald Malzer und Hannes Gschwentner, Geschäftsführer der Neuen Heimat, erläutern das Rumer Projekt.
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Von Alexandra Plank

Innsbruck –Nur noch zehn Jahre hat sich die Neue Heimat Zeit gegeben, um auch aus Erdgas auszusteigen.

Die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft hat sich schon lange die Energieeffizienz auf die Fahnen geschrieben. 2015 entstand ein Passiv-Plus-Mehrparteienhaus am Vögelebichl in Innsbruck – das erste österreichweit. „Der Unterschied von Passiv und Passiv Plus ist beträchtlich“, erläutert Geschäftsführer Hannes Gschwentner. „Liegt der Verbrauch bei Passiv noch bei 15 Kilowattstunden (kWh) je Quadratmeter, dürfen es bei Passiv Plus nur noch 8 bis 9 kWh je Quadratmeter sein.“

Bis 2022 realisiert die Neue Heimat in Neu-Rum 140 geförderte Mietwohnungen, die TT berichtete. Das Besondere an dem Projekt in der Steinbock­allee erörtert Harald Malzer, Beauftragter für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit der Neuen Heimat: „Erstmals wurde der Architektenwettbewerb so ausgeschrieben, dass ein wesentliches Kriterium war, von vornherein eine hohe Energieeffizienz zu erreichen.“

Schon 2011 hatte die Neue Heimat beschlossen, im Neubau nur noch Passivhäuser zu errichten. Auch jetzt hat man in Tiro­l und, wie Gschwentner sagt, auch „österreichweit“ die Nase vorne, denn „wer schon in der Planung die nötig­e Energieeffizienz mitdenkt, spart sich später enorme Kosten“.

Die Stadt Innsbruck hat nachgezogen und lobt nur noch Architektenwettbewerbe aus, bei denen Passivhausstandards bei Wohnbaugesellschaften berücksichtigt werden müssen (siehe dazu Kasten unten).

Vertikale Gärten wie in der NH sind pflegeintensiv.
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Laut Gschwentner gilt es, auch private Wohnbauträger in die Pflicht zu nehmen: „Wenn wir die ambitionierten Ziele von Tirol 2050 energie­autonom erreichen wollen, muss ab sofort jedes Gebäude in Tirol gemäß Passivstandard gebaut werden.“

Auch hinsichtlich der Sanierung sei viel möglich, ergänzt Malzer. Die Bauten am Lodenareal der Neuen Heimat seien als Erstes als Passivhaus zertifiziert worden, erläutert der Experte, der einst an der Entwicklung dieses Konzeptes an der Universität Innsbruck mitgeforscht hat. „Damals haben wir bei der Dämmung noch 30 Zentimeter Styropor hinaufgepappt und wir waren ewig auf der Suche nach passenden Fenstern.“

Der Rumer Wohnbau wird mit 18 bis 20 Zentimetern Dämmung auskommen. Von vornherein wird genau berechnet, wie die sechs Gebäudekomplexe positioniert werden müssen, damit es zu keiner zu großen Beschattung durch die Berge und umliegende Gebäude kommt.

Photovoltaik-Anlagen finden sich auf den Dächern. An der Speicherung der Energie, die im Sommer, wenn sie weniger gebraucht wird, vermehrt anfällt, wird gearbeitet, erklärt der Experte. Zudem wird das Wohnprojekt mit Fernwärme versorgt. „Wir bestreiten einen Großteil aus Abwärme der Tirol Kliniken. Dort wird eine Anlage gebaut, das unterstützen wir durch einen höheren Abnehmerpreis“, so Gschwentner. Strom habe eben „kein Mascherl“, er werde von unterschiedlichen Quellen eingespeist, je mehr saubere entstehen, umso besser. Malzer ergänzt, dass die Fernwärme in Innsbruck immer noch zu 40 Prozent aus fossilen Gasen bestehe. Hier seien noch größere Anstrengungen nötig.

Andreas Riedmann von Energie Tirol weist darauf hin, dass „die Technologien alle längst vorhanden sind und nur angewandt werden müssen“. Die Energiewende stell­e eine Herausforderung insbesondere für die Architekten dar. Gschwentner schließt: „Energieeffizientes Bauen bringt nicht nur eine bessere Umwelt, sondern auch mehr Komfort, und wir sparen langfristig Geld.“ Kontraproduktiv sei, dass der Klimawandel mit dem Weltuntergang assoziiert werde. Den Untergang vor Augen, sinke offenbar die Motivation, etwas zu verändern.

Daten & Fakten

Wärmewende: Ohne sie gibt es keine Energiewende. Wärme macht mehr als die Hälfte des Energieverbrauches in Österreich aus (plus Industrie) und wird zu knapp 60 % noch von fossiler Energie gedeckt. In der Stromversorgung gibt es 14 % Fossilenergie und 10 % Importe mit hohem Kohle- und Atomkraftanteil. Der Großteil des Energiebedarfs in Gebäuden entfällt auf unsanierten Bestand, v. a. Einfamilienhäuser (Faktenchek 2018/19).

Niedrigstenergiehaus: Der Begriff steht in den Bauvorschriften. Er beschreibt Gebäude mit sehr hoher Gesamtenergieeffizienz. Es braucht hohe Qualität bei der Dämmung der Gebäudehülle und moderne Energiesysteme.

Passivhaus: Die luft- und winddichte Gebäude­hülle soll die Wärmeverluste so reduzieren, dass keine Heizung nötig ist. Das Haus hat eine hocheffiziente Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.


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