Gespaltene Persönlichkeit „Salome“ im Theater an der Wien

Es ist das Kondensat des genauen Blicks, den Nikolaus Habjan auf Richard Straus‘ „Salome“ wirft: Im Theater an der Wien fokussiert der aktuelle Hausregisseur das fiebrige Stück der ausgehenden Fin-de-Siecle-Gesellschaft mit seinem Tableau der überspannten Persönlichkeiten auf die Feinanalyse der Charaktere. Puppen kommen diesmal nur moderat zum Einsatz - Habjan lässt Marlis Petersen die Bühne.

Großteils liegt Nebel über der Szenerie, die in einer Mischung aus Festung und Art-deco-Palast das grauen Passepartout für die Herausarbeitung der im Stück angelegten Kontraste bietet. Petersen, die erst im Vorjahr ihr Rollendebüt in München feierte, ist ganz die Pubertierende, deren manisches Begehr des gefangenen Propheten Jochanaan der Versuch der Emanzipation von ihrem dysfunktionalen Elternhaus und der Frauwerdung ist. Der Blick geht hier nach innen.

Petersen ist dabei mit ihrem leichten Koloratursopran und ihrer grazilen Erscheinung eine Kindfrau, mit der selbst der oftmals in die Binse gehende Schleiertanz unpeinlich als Pas-de-deux der Autoerotik und der Suche nach der eigenen Position glückt. Zugleich setzt Habjan ganz auf die Kontraste, wenn er der leichten Koloraturflatterhaftigkeit Petersens die Gravität eines vom Wager-gestählten Johan Reuter interpretierten Jochanaan entgegenstellt.

Die beiden sind diesesmal die einzigen Charaktere, denen Habjan seine Puppen beiordnet. Bei Salome dient ihre Halbfigur zur Aufspaltung der Rolle in den Innen- und Außenblick. Währen die Puppe für die Projektionen der Außenwelt auf die junge Frau stehen, ist Petersen selbst der reale Kern ihrer Persönlichkeit. Bei Jochanaan hingegen dient die statische Ganzkörperfigur zur Splittung der Figur in Körper und Geist. Reuter ist als grauer Schatten abseits des Verlieses stets präsent.

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Und doch erscheint der Einsatz der sonst oft magische Zusatzebenen eröffnenden Puppen diesesmal weit weniger zwingend, sondern stellt namentlich Petersen in hohen Plateauschuhen auf steiler Treppe zusätzlich vor koordinatorische Herausforderungen. Die Thematik der Persönlichkeitsspaltung bleibt hierbei nur angerissen - was sich am Ende auch in einigen Buhs für die Regie niederschlug. Unbeschwert von Puppenspiel können hingegen John Daszak als Herodes und Wagner-Ikone Michaela Schuster als Herodias bei ihrem Theater-an-der-Wien-Debüt ihre Partien frei ausagieren.

Frei ging es auch im Graben zu. Für den limitierten Orchestergraben des Theaters an der Wien hat Eberhard Kloke eine eigene Orchesterfassung erarbeitet, die das ursprüngliche Strauss-Orchester von über 106 auf 59 Musiker halbiert hat. Und doch hat der 71-jährige Hamburger keine simple Kammermusikfassung konzipiert, sondern eine Eindampfung der Vorlage, in der den Instrumentengruppen Raum gelassen und die Rolle der Bläser gestärkt wird. Bei aller Verschlankung peitscht Leo Hussain das RSO durch Abend und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass auch in dieser Fassung die Dynamik nach oben getrieben werden kann.


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