Britischer Dirigent Simon Rattle wird 65

Chefdirigent Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker galten als „Dream Team“ trotz der manchmal turbulenten Zusammenarbeit. Als Rattle 2018 nach 16 Jahren in seine Heimat zurückkehrte, um das London Symphony Orchestra zu übernehmen, versprachen sich die Briten davon frische Interpretationen, mutige Ideen und klingelnde Kassen. Am Sonntag feiert Rattle seinen 65. Geburtstag.

Das tut er passenderweise mit dem Taktstock in der Hand: Das London Symphony Orchestra spielt Ludwig van Beethovens „Christus am Ölberge“ und Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ in der Barbican Hall. Typisch für Sir Simon: Interessierte Besucher können dem Meister schon bei der Probe am Vormittag über die Schulter schauen. Seit seinem ersten Posten als Dirigent setzt er sich für Musikerziehung ein. Das Leben eines Orchesters im 21. Jahrhundert drehe sich nicht nur darum, „großartige Konzerte zu geben“, sagte er im „Guardian“-Webchat, sondern auch darum, „als Evangelisten für die Sache zu wirken“.

Der Liverpooler galt als Wunderkind am Dirigentenpult: Partituren las er in öffentlichen Bibliotheken, spielte Schlaginstrumente im National Youth Orchestra und gründete mit 14 Jahren seine eigene Band. Zwei Jahre später studierte er an der renommierten Royal Academy of Music und gewann mit 19 den Posten des Assistenzdirigenten bei einem internationalen Wettbewerb in Bournemouth.

1980 übernahm der 25-Jährige die Leitung des damals dahinsiechenden City of Birmingham Symphony Orchestra. Eine außergewöhnliche Ausgangssituation: „Wir konnten experimentieren und zusammen wachsen“, beschrieb Rattle dem „Telegraph“. „Wie die Übernahme eines wunderbaren Hauses, das nicht gepflegt wurde und viel Pflege und sozusagen Zahnseide brauchte.“ Rattle setzte sich für eine neue Konzerthalle ein, initiierte Musikprojekte für behinderte Kinder und junge Komponisten. Nach 18 Jahren hatte er dem ehemals provinziellen Orchester einen Platz auf der internationalen Bühne erkämpft.

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2002 beerbte der Lockenkopf dann Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Die deutsche Hauptstadt begrüßte er mit der gleichen Komponisten-Kombination, mit der er sich von Birmingham verabschiedet hatte: seinem Favoriten Gustav Mahler und dem Briten Thomas Adès. Das Publikum gewann er mit innovativen Programmen für sich, mit dem Orchester wagte er einen frischen Blick auf das Repertoire - freilich konnte er nicht alle überzeugen. Seine Interpretation vor allem der großen Werke des 19. Jahrhunderts passte einigen nicht, sie vernachlässige den einzigartigen Klang des Orchesters, hieß es.

Doch sein Enthusiasmus sowie seine Fähigkeit, die musikalische Energie der Musiker zu fokussieren, überzeugte viele Zweifler. Der preisgekrönte Film „Rhythm Is It“ dokumentierte sein Bestreben, sozial benachteiligte Berliner Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen mit klassischer Musik vertraut zu machen.

In Österreich war Rattle u.a. als künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele zwischen 2003 und 2012 präsent, bevor dort eine Ära zu Ende ging: Die Berliner Philharmoniker kehrten der Mozartstadt nach 45 Jahren als Orchester in Residence der Osterfestspiele den Rücken.

2013 standen dann auch die Zeichen in Berlin auf Abschied: Rattle gab bekannt, dass er 2018, mit knapp 64 Jahren, die Berliner Philharmoniker verlassen werde. „Als Junge aus Liverpool ist es unmöglich, nicht an die Frage der Beatles zu denken: „Will you still need me ... when I‘m 64?““, zitierte er den Beatles-Song „When I‘m Sixty Four“. Er verabschiedete sich mit einer emotionalen Aufführung von Gustav Mahlers schicksalhafter Sechster Sinfonie und erhielt Ovationen. Seitdem leitet er die Londoner Symphoniker.

Das Gefühl, nach Großbritannien heimzukommen, sei natürlich wichtig, sagte er dem „Guardian“. Doch vor allem die Neugier und der Enthusiasmus des Orchesters hatten es ihm angetan, „ihre rhythmische Präzision und Flexibilität und Energie sind unglaublich.“ Der Wahl-Berliner verbringt mehrere Monate im Jahr in London - seine Familie lebt weiterhin in Berlin.

Auch in London setzt er sich dafür ein, dem Symphonieorchester eine eigene Konzerthalle zu verschaffen. Seit den 80er Jahren ist es im brutalistischen Barbican-Kulturzentrum zu Hause. Doch wie immer gehen Rattles Pläne weit über eine neue Halle hinaus: Er wolle „einen Ort schaffen, der ein Magnet für Menschen aller Altersgruppen ist, um über Musik zu lernen und von diesem hoffentlich unheilbaren Virus infiziert zu werden.“


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