Holocaust-Gedenken: Jenseits der Vorstellungskraft

Peter Gardosch hat als Jugendlicher den Holocaust überlebt. Der Großteil seiner Familie starb in den Gaskammern. Am 75. Jahrestag der Befreiung kehrt er mit dem deutschen Bundespräsidenten nach Auschwitz zurück.

Bahnzufahrt zum KZ Auschwitz in einer Aufnahme vom Vorjahr. Der Lagerkomplex wurde am Montag vor 75 Jahren befreit. Heute befinden sich dort ein Museum und eine Gedenkstätte.
© AFP

Von Floo Weißmann

Auschwitz –Der Transport von Juden aus Siebenbürgen kam am frühen Morgen des 7. Juni 1944 im Konzentrationslager Auschwitz an. An einer Rampe wurden die Waggontore aufgerissen. „Da sahen wir diese fahle Beleuchtung in unendlich langen Drahtzäunen und die Baracken, die sich bis zum Horizont erstreckten. Das Ganze war von großer Unheimlichkeit. Dieses Bild kann ich nicht vergessen“, sagt Peter Gardosch. Er war damals 13 Jahre alt.

Gardosch und seine Familie hatten keine Ahnung, was sie erwartet. Sie wussten nicht einmal, wo sie waren. Man hatte ihnen erzählt, sie würden zur Arbeit nach Deutschland deportiert. „Dass es Fabriken gibt, Industrieanlagen, um Menschen zu töten, das konnten wir uns nicht vorstellen“, sagt Gardosch.

Erst später sah er „diese riesigen, viereckigen Backstein-Schornsteine (der Krematorien) mit einem Blitzableiter in jeder Ecke, und in der Mitte kamen Rauch und Feuer heraus. Da wurde ich dann von den älteren Häftlingen aufgeklärt.“

Eingang zum KZ Auschwitz.
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Die Nazis entschieden schon an der berüchtigten Rampe über Leben und Tod. Die Geschlechter wurden getrennt, Alte, Kranke und Kinder sofort in die Gaskammern geschickt. Wer arbeitsfähig wirkte, durfte vorerst leben. Dass Gardosch ins Lager kam, verdankt er einer Lüge und einem Trick.

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Er war für seine 13 Jahre groß gewachsen, aber ziemlich dünn, erzählt er. „Meine Großmutter hat mir gesagt, ich solle den Stadtpelz meines Großvaters – außen Stoff und innen Pelz – anziehen.“ Der dicke Mantel, eigentlich zu warm für Juni, ließ ihn fülliger erscheinen. Als ihn ein SS-Offizier nach seinem Alter fragte, antwortete er: 17. „Wenn ich ohne diesen Mantel gewesen wäre, dann könnten wir jetzt nicht mehr telefonieren“, sagte er der TT.

Eine mit Überlebenden nachgestellte Szene in einer Frauenbaracke.
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Auch im Lager war der Tod nahe. Gardoschs Vater und befreundete Ärzte kamen zum Schluss: „Wenn wir bei dieser Verpflegung hier bleiben, ist es nach drei Monaten vorbei. Da haben wir danach getrachtet, so schnell wie möglich wegzukommen.“ Sie meldeten sich freiwillig für einen Arbeitseinsatz. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie bereits, dass Gardoschs Mutter, seine kleine Schwester und die Großmutter vergast worden waren.

Vater und Sohn wurden nach Kaufering in Bayern transportiert, um dort für die Nazis unterirdische Flugzeugfabriken zu bauen. „Die Ideologie war: Liquidieren durch Arbeit“, sagt Gardosch. Viele Häftlinge seien gestorben.

Er selbst hatte erneut Glück. Der Ordonnanzoffizier des Lagerkommandanten machte ihn zu seinem persönlichen Diener. „In dieser Rolle habe ich bis zum Ende (des Krieges) überlebt.“ Als die amerikanischen Kanonen bereits zu hören waren und nach einem Unfall Chaos entstand, gelang den Gardoschs die Flucht.

Nach dem Krieg kehrten Vater und Sohn zunächst zurück in die Heimatstadt Neumarkt am Mieresch in Rumänien. Später ging Gardosch nach Israel und von dort Anfang der Sechzigerjahre nach Deutschland, wo er seitdem lebt. „Ich bin mit deutscher Kultur aufgewachsen. Das war das Land, wo ich hinwollte“, sagte er. „Ich bin Deutscher und fühle mich hier richtig wohl.“

Auschwitz

Der Begriff „Auschwitz“ steht heute als Synonym für den industrialisierten Massenmord der Nazis vor allem an Juden und damit für den Holocaust. Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff einen Lagerkomplex im südlichen Polen. Dazu gehörten das KZ Auschwitz, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau samt Gaskammern und Krematorien sowie das KZ Monowitz und Dutzende Außenlager.

Opfer: Die Nazis ermordeten allein in Auschwitz bis zu 1,5 Millionen Menschen, die aus halb Europa per Bahn herangekarrt worden waren. Etwa 90 Prozent waren Juden. Insgesamt kamen im Holocaust etwa sechs Millionen Menschen um.

Überlebende: Als sowjetische Truppen den Lagerkomplex am 27. Jänner 1945 befreiten, trafen sie etwa 7000 Überlebende an, von denen viele aber bereits tödlich geschwächt waren. Auschwitz überlebt haben auch Menschen, die in ein anderes KZ verlegt wurden oder die einen der so genannten Todesmärsche überstanden, in denen die Nazis kurz vor dem Kriegsende viele Häftlinge nach Westen trieben.

Lagerpersonal: Im Laufe der Jahre haben insgesamt etwa 8000 SS-Mitglieder Dienst in Auschwitz versehen. Etwa 800 von ihnen wurden nach dem Krieg angeklagt, davon 40 vor deutschen Gerichten.

Was es für ihn bedeutet, als Holocaust-Überlebender nahe Berlin zu leben, der einstigen Nazi-Zentrale? – „Ich muss Sie enttäuschen. Sentimental habe ich damit abgeschlossen.“ Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz beobachtet er ein „Kalenderbenehmen“ des Staates und von Medien: „Man guckt in den Kalender und sagt: 27. Januar – oh, da ist ja ein Ereignis, da machen wir was.“

Viel wichtiger ist für Gardosch, dass Schulen den Holocaust thematisieren. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, wie er betont. „Der jungen Generation zu sagen, ihr seid Kinder eines Mördervolkes, das ist kontraproduktiv.“ Er wünscht sich einen „nüchternen, ruhigen, empathischen“ Umgang mit dem Thema. „Wenn alle Überlebenden tot sind und noch ein paar Jahre vorbeigehen, dann wird das ein historisches Ereignis wie Verdun oder Stalingrad“, glaubt er. Zugleich gibt er sich „fest überzeugt, dass sich das nicht wiederholt. So etwas gibt es nicht noch einmal.“

Gardosch selbst wird am Gedenktag am Montag noch einmal nach Auschwitz zurückkehren – und zwar in Begleitung „unseres Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier“, der ihn dazu eingeladen hat. „Ich fühle mich sehr geehrt“, sagt der 90-Jährige. Für ihn bedeutet die Reise auch einen Besuch bei der Verwandtschaft. „Wir haben ja kein Grab sonst.“

Antisemitismus hat wieder zugenommen

Mehr als zwei Generationen nach dem Holocaust und dem Ende der Nazi-Herrschaft nimmt der Antisemitismus in Europa wieder zu. „In zwölf EU-Mitgliedstaaten, in denen es seit Jahrhunderten eine jüdische Bevölkerung gibt, hat in den letzten fünf Jahren mehr als ein Drittel davon erwogen zu emigrieren, weil sie sich als Juden nicht mehr sicher fühlen“, berichtete die EU-Grundrechteagentur 2018.

Für die Erhebung hatte die Agentur mehr als 16.000 Menschen befragt, die sich selbst als jüdisch betrachten. Die Ergebnisse sorgten für Aufsehen. Beispielsweise gaben 89 Prozent der Befragten an, dass der Antisemitismus in ihrem Wohnsitzland zugenommen hat. 39 Prozent berichteten, sie hätten in den fünf Jahren vor der Erhebung eine Form von antisemitischer Belästigung erlebt, drei Prozent erlitten einen körperlichen Angriff.

„Die Zunahme hat mit Feindbildern zu tun, nicht mit Antisemitismus per se“, sagte der Innsbrucker Politologe und Rechtsextremismus-Experte Reinhold Gärtner der TT. „Feindbilder werden immer dann strapaziert, wenn man von anderen Problembereichen ablenken will.“

Reinhold Gärtner unterrichtet an der Uni Innsbruck.
© Robert Parigger

Als Feindbilder sehr präsent seien Ausländer und Muslime, sagt Gärtner, in manchen Ländern auch Sinti und Roma, fallweise Homosexuelle. „Das ist austauschbar, behaupte ich.“ Immer wieder treffe es auch Juden, die sich als kleine Gruppe gut dafür eignen. Zudem gibt es in vielen Ländern eine jahrhundertealte Tradition des Antisemitismus, die leicht abgerufen werden kann.

Zum althergebrachten Antisemitismus in linken, rechten und katholischen Kreisen kommt neuerdings auch jener von Zuwanderern, die in ihren Herkunftsländern antisemitisch sozialisiert wurden. Oft tarnt sich der Antisemitismus unserer Tage als legitime Kritik an der israelischen Politik. „Israel als Staat macht genauso Fehler wie andere Staaten“, sagt Gärtner. „Wenn ich die Kritik aber immer wieder mit dem Hinweis verknüpfe, die Juden müssten es besser wissen, wird es antisemitisch.“

Verschiedene Faktoren nähren Feindbilder. Dazu gehören u. a. wachsende soziale Gegensätze, der Aufstieg von Rechtspopulisten, die laut Gärtner sehr stark mit Feindbildern und gesellschaftlicher Polarisierung arbeiten, sowie soziale Medien. Die vermeintliche Anonymität im Internet mache es leichter, Hassbotschaften abzusetzen. „Man ist dann auch noch in seiner Blase drin und denkt, das sei die Welt“, erklärt Gärtner, der auch mit straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet.

Was man dagegen tun kann? – „Schauen, dass Polarisierung und Ausgrenzung abgebaut werden“, sagt Gärtner. Die Nachwehen der Nazi-Verbrechen seien nach wie vor da; auch damals habe es mit Ausgrenzung begonnen. Seine Schlussfolgerung: Religion und Ethnizität nicht so wichtig nehmen und „nicht Unterschiede zwischen Menschen herausarbeiten, sondern mögliche Gemeinsamkeiten“.


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