Verletzter Paris: „Hatte noch keine Verletzung, die so viel Geduld braucht"

Kitzbühel-Titelverteidiger Dominik Paris wurde mit seinem gestern erlittenen Kreuzbandriss zum tragischen Helden. Mit der TT sprach der Südtiroler im Vorfeld über Kindheit, Vaterrolle und den Tod seines Bruders.

Der tragische Held von Kitzbühel: Im Vorjahr setzte sich der Südtiroler Super-G-Weltmeister und 18-fache Weltcupsieger Dominik Paris vor Beat Feuz (SUI) und dem Österreicher Otmar Striedinger durch.
© GEPA pictures/ Mario Kneisl

Wenn man sich ein wenig über Ihre Heimat, das Ultental in Südtirol, schlau macht, findet man die Ultener Urlärchen, drei Lärchen, die gut 850 Jahre alt sein sollen. Hat dieser Platz eine besondere Bedeutung?

Dominik Paris: Es ist etwas Einzigartiges bei uns im Tal, eine der großen Sehenswürdigkeiten. Aber ganz genau kenne ich die Geschichte nicht, da muss ich noch mal nachschauen (lacht).

Wo liegt Ihr Kraftplatz?

Paris: Schon zuhause bei mir im Ultental. Dort fühle ich mich am wohlsten. Ich bin unheimlich gerne dort, kenne alles – Berge, Landschaft. Dort kann ich am besten abschalten. Ich nutze das ganze Tal, um Energie zu tanken.

Anders gefragt: Hat Dominik Paris als Kind keinen Kraftplatz gebraucht, sondern einen Platz, um Kraft abzulassen?

Paris: Definitiv was zum Kraftablassen (lacht). Ich musste als Kind immer raus, was Körperliches machen. Das hat sich von damals bis heute nicht verändert.

Wie hat das in Ihrer Kindheit ausgesehen?

Paris: Ich habe meinen Großeltern schon als Achtjähriger sehr viel geholfen, beim Holz Herrichten für den Winter oder bei anderen kleinen Arbeiten. Sonst war ich mit den Kollegen am Weg, mit dem Rad oder zu Fuß. Im Winter waren wir den ganzen Tag im Skigebiet, haben Schanzen für Sprünge gebaut. Je höher und weiter es ging, desto besser. Oder wir sind im Tiefschnee gefahren. Kurz gesagt: Ich habe den ganzen Tag draußen vor dem Haus genutzt.

Sind das Dinge, die Sie Ihrem Sohn (Niko, 1,5 Jahre) weitergeben möchten?

Paris: Auf jeden Fall. Es ist mir sehr wichtig, dass meine Kinder draußen sind und ihre Zeit im Freien nutzen. Ich selber bin keiner für Computer oder solche Dinge – ich kann nicht mal länger dasitzen und einfach eine Ruhe geben. Deshalb bin ich froh, dass ich so einen Sport mache.

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Wie hat sich Ihr Leben als Vater verändert?

Paris: Ich nutze die Zeit daheim jetzt viel intensiver. Und ich bin ruhiger geworden. Aber rein vom Skifahren her ist nichts anders.

Sie waren selbst ein rebellischer Jugendlicher, brachen vorzeitig die Schule ab. Damals stand auch der Skisport auf der Kippe.

Paris: Das war die Jugendzeit zwischen 15 und 18 Jahren. Da bin ich rausgekommen aus dem Tal, habe das Leben kennen gelernt. Ich war viel zu viel auf Festivals und Partys. Nur: Ski fahren und ausgehen – beides geht nicht. Irgendwann war ich an dem Punkt, wo ich wusste: Ich muss jetzt etwas ändern, sonst ist es vorbei. Wenn ich meinen Traum verwirklichen will, muss ich was ändern. Dann kam der Wechsel auf die Alm. Und ich bin als anderer Mensch zurückgekommen.

Sie waren damals in der Schweiz einen Sommer als Schafhirte auf einer Alm – was haben Sie dort für sich selbst gelernt?

Paris: Ich bin dort erwachsen geworden. Ich war damals 18 Jahre alt und musste nun plötzlich alles selbst in die Hand nehmen und Verantwortung tragen. Zudem habe ich viel Gewicht verloren. Die Ergebnisse der Saison haben mich dann bestätigt – es war der richtige Weg. Aber dass es noch so weit kommt, hätte ich mir nicht gedacht.

© APA

Klingt so, als hätten Sie alle Ihre Wünsche übertroffen.

Paris: Ja, es ist mehr in Erfüllung gegangen, als ich mir jemals erträumt hätte. Als kleiner Bub schaust du dem Hermann Maier zu, wie der gewinnt. Ich habe damals gar nicht verstanden, was der da macht. Aber ich war so begeistert von ihm. Ich wollte so ein Abfahrer werden wie Hermann Maier. Aber dass es so weit kommt, ist Wahnsinn.

Und heute kann man sagen: Je schwieriger die Strecke, desto lieber ist es Dominik Paris. Wenn andere die Schwierigkeit kritisieren, hört man von Ihnen, dass alles in Ordnung ist.

Paris: Das stimmt. Ich finde die schwierigen Abfahrten die interessantesten. Man darf dort nicht nur Vollgas geben, sondern muss taktisch fahren. Man muss die Strecke studieren, schauen, wo man was machen kann. Deshalb gefallen mir die Abfahrten von Kitzbühel und Bormio so. Bormio musst du mehr angreifen, in Kitzbühel braucht es mehr Taktik. Deshalb komme ich so gut zurecht. Du darfst nicht hirnlos runterfahren und alles geben – du musst intelligent Ski fahren. Das reizt mich auch am meisten am Skifahren.

Gab es nie Momente, in denen Ihnen das Risiko zu groß wurde?

Paris: Doch, es waren Momente dabei, wo ich unsicher wurde. Da musste ich dann einfach rausnehmen. Es ist ein Lernprozess – und genau das ist der angesprochene Reiz: Wo ist die Grenze? Wie kann ich sie erhöhen?

Im Jahr 2013 verunglückte Ihr Bruder bei einem Motorradunfall tödlich. Inwiefern hat das Ihr Verständnis von Risiko und Verlust verändert?

Paris: So etwas bleibt für immer hängen. Mit so einer Tragödie in der Familie ist es nicht leicht umzugehen, ich habe mich damals sicher verändert. Ich habe danach probiert, mit dem Skifahren weiterzumachen. Irgendwann war der Punkt gekommen, wo ich die beiden Dinge trennen konnte. Wenn ich Ski fahren war, war ich frei im Kopf.

Ist die Musik und Ihre Band „Rise of Voltage“ auch etwas, um den Kopf frei zu bekommen?

Paris: Es ist ein Hobby, es gefällt mir. Dabei kann man abschalten, Stress abbauen bei dem ganzen Rummel. Rennen fahren ist ja nicht das Stressige, sondern der Rummel rundherum.

Das Gespräch führte Roman Stelzl


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