Programm der Kunsthalle Wien politisch, queer und sozial

Der Kunsthallen-Adler ist abgeflogen. Das neue Logo der Kunsthalle Wien umfasst zwei ums Eck gehende Linien, eine etwas kürzere für den kleinen Standort Karlsplatz, eine längere für den Standort Museumsquartier. Das Programm des neuen Leitungsteams WHW erinnert aufs Erste jedoch noch an den Vorgänger Nicolaus Schafhausen: blumige Titel, politische Inhalte.

Ein ganzes Team an Kuratoren und Kunstvermittlern wurde von den Direktorinnen Ivet Curlin, Sabina Sabolovic und Natasa Ilic heute im gemeinsamen Foyer der Kunsthalle mit den Museumsquartier-Hallen E und G nacheinander auf das Podium gebeten, um das erste Jahresprogramm des im März von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) vorgestellten und seit Juni amtierenden Zagreber Leitungs-Trios vorzustellen. Dieses sei vom 20-Jahr-Jubiläum des Kollektivs „What, How & for Whom“ (WHW) geformt, sagte Sabolovic. Viele ihrer bisherigen Methoden seien nun auf Wien angewandt worden. Offenheit und Zusammenarbeit stünden im Zentrum ihrer Annäherung an ihre Arbeit für Wien.

Der wichtigste Punkt hier Fuß zu fassen sei die Arbeit mit lokalen Künstlern, mit denen man sich nicht nur in der „Exhibition Machine“ des früheren Shops austauschen wolle, sondern auch in die Ausstellungen einbezogen werden. „Fast alle unsere Vorhaben sind im Dialog und im Austausch mit Wiener Partnern entstanden. Fast alle Türen, an die wir geklopft haben, wurden aufgemacht“, freute sich Sabolovic. Kooperationspartner im ersten Jahr sind das Burgtheater (dessen bereits gestartetes „Europamaschine“-Programm man mitgestaltet), die Wiener Festwochen (die eine der beiden gemeinsamen Projekte erst Ende Februar bei ihrer eigenen Pressekonferenz bekanntgeben werden), die Viennale (mit der bei einer Schau des serbischen Regisseurs Zelimir Zilnik zusammengearbeitet wird), die Kunstakademie und die Angewandte, der Kunstverein „das weisse haus“ (mit dem ein Residency Programm verwirklicht wird) und die IG Bildende Kunst, deren Kampf um Fairpay man mit aller Kraft unterstützt.

„Die Kunsthalle Wien widmet sich der Kunst und ihrer Rolle in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen“, heißt es in einem schriftlichen programmatischen Statement der neuen Leitung. „Sie produziert Ausstellungen, forscht zu künstlerischen Praxen und unterstützt lokale und internationale Künstler*innen. Sie bemüht sich, ihr Wissen über die internationale Kunst der Gegenwart in und für Wien zu verankern, und macht sich für die Fruchtbarkeit künstlerischer Denkweisen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens stark.“

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Wie schon länger bekannt eröffnet am 8. März, dem Internationalen Frauentag, die erste Ausstellung. „... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden“ wird am Karlsplatz, wo der Eingang in die Kunsthalle verändert und vom Restaurant abgekoppelt werden soll, und im Museumsquartier mehr als 30 künstlerische Positionen zeigen - von Marwa Arsanios über Ines Doujak, Tim Etchells und Oliver Ressler bis zu Daniel Spoerri, Hito Steyerl und Milica Tomic. Der Titel basiert auf dem 2003 erschienenen Buch „Globalization and the Manufacture of Transient Events“ des libanesischen Künstlers und Autors Bilal Khbeiz. Dabei will man das - je nach regionalem Blickwinkel - unterschiedliche Streben nach Glück und gutem Leben betrachten, das sich in den vergangenen zwei Dekaden stark verändert hat. Wachstums- und Kolonialismuskritik, Feminismus und Ökologie sind die gemeinsamen Stichworte dazu.

Die im Titel ein Gedicht der Chilenin Cecilia Vicuna zitierende Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?“ eröffnet am 29. Mai. Rund 35 Künstlerinnen und Künstler werden sich dabei aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten mit den Themen Selbstbestimmung, sozialer und ökologischer Wandel beschäftigen. „Ich bin sicher, dass alle etwas uns zu sagen haben“, so der Kurator Miguel A. Lopez in einer Videobotschaft über diese gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen. Parallel dazu haben in der unteren Halle zwei in Wien lebende Künstler ihre ersten institutionellen Einzelausstellungen in der Stadt. Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kaminski werden mit bereits existierenden sowie neuen Arbeiten traditionelle Blicke und Dominanzen hinterfragen und aktivistische und antirassistische Positionen beziehen, sagte Kuratorin Anne Faucheret: „Die Werke der beiden Künstlerinnen eröffnen queere Räume und Momente.“ Eröffnet wird am 9. Juni.

Ab 7. Juli wird zum dritten Mal ein „Space for Kids“ im Sommer geöffnet. Der am Karlsplatz installierte „innovative Lern- und Begegnungsort“ als „Prototyp eines neuen Ausstellungsformats“ trägt diesmal den Titel „Das Kunst-Natur-Labor oder die wuchernde Wunderkammer“. In Kooperation mit der Viennale gibt „Zelimir Zilnik. Shadow Citizens“ ab 24. Oktober einen Einblick in das radikale Filmschaffen und das umfangreiche Werk des 1942 geborenen serbischen Filmemachers, für Ivet Curlin „eine Schlüsselfigur im Filmschaffen des früheren Jugoslawien“.

Am Karlsplatz werden ab 25. November Arbeiten der beiden Preisträger des Preises der Kunsthalle Wien 2020 gezeigt, am 3. Dezember eröffnet „Cybernetics of the Poor“, kuratiert von Diedrich Diederichsen und Oier Etxberria, für die eine Kerngruppe von vier Künstlern neue Arbeiten entwickeln wird. Die erste Ausstellungs-Etappe wird im März in einem Kulturzentrum in San Sebastian gezeigt. „Die Wiener Version wird in kollektiven Prozessen erst entstehen“, sagte Diederichsen.

Die jährliche Subvention der Stadt Wien wird laut den Leiterinnen für drei Jahre auf 4,1 Mio. Euro angehoben. Und wie gehen WHW mit der immer wieder umstrittenen versteckten Lokalisierung der Kunsthalle im Museumsquartier um? „Wir haben nicht gesagt, dass der Ort ideal ist“, lachte Natasa Ilic. „Es ist nicht leicht den Eingang zu finden. Wir sind neugierig darauf, mit diesen Widersprüchen zu arbeiten. Und es gibt viele Gründe, auf die Geschichte und die Möglichkeiten dieser Institution stolz zu sein.“


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