Heim-EM für ÖHB-Männer mit viel Licht, aber auch Schatten

Egal wie der letzte Auftritt von Österreichs Handball-Männern bei der Heim-EM am Mittwoch (18.15 Uhr/live ORF 1) ausfällt. Schon jetzt kann der Mannschaft unter dem neuen Coach Ales Pajovic eine klare Weiterentwicklung konstatiert werden. Die Endrunde zeigte aber einmal mehr, dass die mangelnde Breite im Kader gerade in langen Turnieren zum Problem wird.

Auf der Plus-Seite stand sicherlich das souveräne Auftreten in der Vorrunde. Dem Druck, in der nominell leichtesten Gruppe reüssieren zu müssen, hielten Nikola Bilyk und Co. stand. Mit drei Siegen, darunter einem klaren gegen Nordmazedonien, schaffte man den Aufstieg in die Hauptrunde und nahm zwei wichtige Punkte mit. Die Möglichkeit auf Platz sieben bestünde ohne sie wohl gar nicht mehr. „Die Mannschaft hat das Maximum herausgeholt“, zeigte sich ÖHB-Generalsekretär Bernd Rabenseifner mit dem Auftakt zufrieden.

In den folgendenden Partien gegen Titelverteidiger Spanien und Halbfinalist Kroatien lieferte man gute, wenn auch nicht sensationelle Leistungen ab, erst das 22:34 gegen Deutschland am Montag hob sich in negativer Hinsicht klar ab. „In den Top zehn zu sein, ist schon ein großer Erfolg“, stand für Pajovic fest. Das gelang bei einem Großereignis bisher mit Platz neun nur bei der Heim-EM 2010.

Als Nachfolger von Patrekur Johannesson schaffte es Pajovic, der bei der WM 2019 schwer gebeutelten Truppe neues Selbstvertrauen einzuimpfen, der „Kommunikator“ hat für Rabenseifner „großen Anteil“ am Erfolg. „Super, welchen Zugang er zur Mannschaft gefunden hat“, meinte er. Die Verpflichtung habe sich als goldrichtig erwiesen. „Sie hat definitiv den erhofften Impuls bewirkt, er hat die Erwartungen sogar etwas mehr als erfüllt.“

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„Der Teamspirit war unglaublich. Er geht mit den Spielern auf der menschlichen Ebene unglaublich (gut) um“, bestätigte Rückraum-Mitte Gerald Zeiner. Für den Hard-Akteur ist die Steigerung in nur einem Jahr klar am Endergebnis abzulesen. „Wenn man die letzte Katastrophen-WM hernimmt, dann kann man im Großen und Ganzen schon zufrieden sein mit der EM“, meinte er im Rückblick auf den 19. WM-Platz vom Jänner 2019.

Die gute Stimmung mag - ebenso wie das schon Monate vor der Endrunde aufgenommene Individudal-Athletik-Coaching - viel zu den rot-weiß-roten EM-Siegen beigetragen haben. Über die mangelnde Dichte im Kader konnte auch sie aber nicht hinwegtäuschen. Sie ist es, die letztlich den ganz großen Überraschungen entgegensteht - zumal in einem Turnier, in dem sieben Spiele innerhalb von 13 Tagen zu absolvieren sind. „Man sieht dann schon, dass uns ein wenig die Breite fehlt“, bestätigte Rabenseifner.

Auch in der Vergangenheit musste Österreich im Vergleich zu den Topnationen mit einer relativ bescheidenen Kaderbreite auskommen. Die laufende EM allerdings brachte eine ganz besondere Belastung für die rot-weiß-roten Leistungsträger, das lässt sich nicht zuletzt in den Zahlen ablesen. 142 der bisher 169 Treffer gingen auf das Konto der Stamm-Sechs, die fast 71 Prozent der gesamten Spielzeit (Feldspieler) am Feld stand. Gerade die beiden Rückraummänner Janko Bozovic und ein alles überstrahlender Nikola Bilyk waren bei einer Gesamtzeit von 360 Minuten mit 279 bzw. 268 Minuten in ganz besonderem Maß gefordert.

Mit dem 19-jährigen Rückraumakteur Lukas Hutecek und Tormann Thomas Eichberger konnten immerhin zwei etatmäßige Bankspieler bei der EM aufzeigen. Eichberger, der schon im ersten Spiel von Thomas Bauer „übernahm“, hält bei einer Quote gehaltener Bälle von 30 Prozent. Und Hutecek durfte vorerst in der Abwehr zeigen, was er kann. „Ich war begeistert von ihm“, meinte Sportdirektor Patrick Fölser.

Für den langjährigen Teamspieler steht fest, dass es angesichts eines überschaubaren Talentepools „eh fantastisch ist, was wir herauskriegen“. Dennoch will der Verband auf der Suche nach weiteren kleinen Stellschrauben nicht aufgeben. Eine davon soll die Individualförderung von Spitzentalenten sein, die über Jahre hinweg noch intensiver vom Verband betreut würden. Ein Programm, das freilich auch in finanzieller Hinsicht nicht mit links zu stemmen sein wird.

Die andere Hoffnung ruht auf der Verbreiterung des Pools - die Heim-EM soll als Anschub dienen. „Das ist eine Riesenaufgabe und Herausforderung, und da muss natürlich auch vieles von den Vereinen kommen. Wir versuchen, mit Konzepten für Volksschulkinder zu unterstützen“, meinte Rabenseifner. „Ich denke, jetzt bist du in der Öffentlichkeit bekannt, das wird hoffentlich die eine oder andere Türe öffnen, etwa in Schulen.“


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