ÖSV-Sportdirektor Anton Giger: „Brauchen mehr Substanz im Team“

Es läuft nicht rund bei den ÖSV-Alpinen. Das weiß auch Anton Giger. Der ÖSV-Sportdirektor über die Verletztenserie, die durchwachsenen Herren-Leistungen und darüber, was es mit dem Kürzel LACE auf sich hat.

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Der Teufel steckt oft im Detail: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel (links) und Sportdirektor Anton Giger diskutieren gerne und oft.
© gepa steiner

Im Ski-Weltcup vergeht kaum eine Woche ohne neue Kreuzbandrisse. Besorgniserregend? Oder längst Teil des Geschäfts?

Anton Giger: Damit gebe ich mich nicht zufrieden, und wir müssen schauen, dass wir eine Gegenstrategie entwickeln. Gerade unser Präsident (Peter Schröcksnadel, Anm.) stößt diesbezügliche Initiativen immer wieder an. Wir schauen uns die Verletzungen und deren Ursachen ganz genau an, studieren die verschiedenen Muster – mit Ärzten, mit Physiotherapeuten.

Wo kann man konkret die Hebel ansetzen?

Giger: Fakt ist, dass das Material immer aggressiver geworden ist, dass die Kraftübertragung von der Kante über Bindungsplatte, Bindung, Schuh auf den Körper immer direkter geworden ist. In Gröden bin ich mit Vertretern der FIS (Ski-Weltverband) und der Industrie zusammengesessen, wo wir das LACE-Konzept diskutiert haben. LACE steht für Less Aggressive Competition Equipment. Die Fragestellung an Serviceleute und Industrie ist: Bei welchen Verhältnissen, Kurssetzungen, Aufgabenstellungen seid’s ihr der Meinung, dass man mit weniger aggressivem Material schneller ist? Klar ist: Gefahren wird, was am schnellsten ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Giger: Wenn ich im Flachen gerade fahre, wird ein Ski mit stärker hängenden Kanten, also ein weniger aggressiver Ski, schneller sein. Wenn ich dort stärkere Kurven hineinsetzte, werde ich auch aggressiveres Material nehmen. Jetzt gilt es gemeinsam mit FIS, Serviceleuten, Industrie, Trainern und Läufern Rennsituationen zu erarbeiten, in denen man mit weniger aggressivem Material schneller ist. Wenn es uns gelingt, die gewonnenen Erkenntnisse zu einem gesamten Kurs zusammenzusetzen, dann sollte es in eine bessere Richtung gehen.

Das klingt alles theoretisch. Ist das bei einem Freiluftsport und den unterschiedlichsten Streckencharakteristiken überhaupt machbar?

Giger: Der Einwand ist berechtigt. Es kann funktionieren, aber wenn die äußeren Verhältnisse gegen uns spielen, dann wird es nicht klappen. Aber es sollte uns nicht daran hindern, etwas in diese Richtung voranzutreiben. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass die immer engeren und drehenderen Kurse mitgeholfen haben, dass das Material immer aggressiver geworden ist.

Ein anderes Problem: Es scheint zu sein, dass viele Läufer nach Kreuzbandrissen zu schnell wieder in den Rennsport zurückkehren ...

Giger: Die Meinungen darüber, wann ein gerissenes Kreuzband wieder im Wettkampf voll belastbar ist, gehen doch recht weit auseinander. Aus sportlicher Sicht kann ich dazu besser Stellung nehmen. Wenn du koordinativ, technisch noch nicht auf höchstem Niveau bist, dann gerätst du öfter und schneller in Situationen, die gefährlich werden können. Eigentlich gehen allen Kreuzbandrissen Fahrfehler voraus.

Zum nächsten Thema: Wie sehen Sie die Lage der rot-weiß-roten Ski-Nation?

Giger: Mir war schon im Herbst klar, dass das ein schwieriger Winter werden könnte. Und ja, die nächsten Rennen werden zeigen, ob wir im Nationencup an der Schweiz noch vorbeiziehen können. Das ist die Forderung, auch des Präsidiums. Aber man muss auch realistisch sein: Wir sind in Sölden mit nur zwei Top-30-Fahrern in die Riesentorlaufsaison gestartet. Wenn es gerade in dieser Basisdisziplin derart schlecht aussieht, ist klar, dass wir möglichst rasch wieder mehr Substanz reinbekommen müssen. Es geht halt nicht ganz so leicht, weil du dich mit höheren Nummern erst wieder vorne reinfahren musst. Im Slalom fährt Marco Schwarz bärenstark, mit Fabio Gstrein hat ein Junger aufgezeigt, Manu Feller kann nur dosiert trainieren und Michi Matt ist plötzlich in einer Situation, aus der er sich wieder rauskämpfen muss. Einerseits muss er punkten, andererseits möchte er ganz vorne reinfahren. Das hemmt und ist eine Riesenherausforderung. So etwas hat man in den vergangenen Jahrzehnten auch bei anderen Spitzenfahrern immer wieder gesehen.

Woran liegt’s, dass in anderen Nationen mehr Nachwuchs nachdrängt. Ist es in Österreich schwieriger, sich für den Weltcup zu empfehlen?

Giger: Also Plätze sind genug da, daran liegt es derzeit nicht. Ein Mengenproblem haben wir nicht.

Ein Qualitätsproblem?

Giger: Es ist nicht so wichtig, ob ein Läufer mit 20 oder erst mit 22 im Weltcup fährt. Wichtig ist, dass er letztlich aufs Stockerl fährt. Und dieser Entwicklungskorridor ist individuell, auch von der körperlichen Entwicklung. Fabio Gstrein ist auf einem guten Weg, auch ein Patrick Feuerstein. Wir haben die Leute. Und wir bieten ihnen auch einiges, wenn ich da an das Investment mit Mike Pircher und Ferdl Hirscher denke. Wir sind gerade am Dienstag wieder zwei Stunden zusammengesessen und haben uns ausgetauscht, wie wir möglichst rasch wieder mehr Substanz ins Weltcupteam kriegen. Eines ist klar: So schnell werde ich mich nicht zufrieden geben.

Das Gespräch führte Max Ischia


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