„The Cindy Sherman Effect“ im Bank Austria Kunstforum

Die Frage nach Identität und Transformation dominiert derzeit nicht nur (einmal wieder) die Popkultur, sondern dringt tief in gesellschaftliche, politische und mediale Debatten ein. Einer der künstlerischen Vorreiterinnen widmet das Bank Austria Kunstforum nun eine Schau: „The Cindy Sherman Effect“ untersucht anhand von rund 80 Werken den Einfluss der Amerikanerin auf aktuelle Kunstproduktion.

Und so scharen sich um die Originale der 1954 geborenen Künstlerin allerlei Arbeiten von Sarah Lucas und Pipilotti Rist bis Elke Krystufek und Markus Schinwald. Um die dem Thema inhärente Intimität zu verstärken, hat Kuratorin Bettina M. Busse sich entschieden, die Eingangssituation in die Ausstellung, die am Dienstagabend eröffnet wird, zu verändern. Statt vom Foyer direkt in die große, opulente Halle zu stolpern, führt sie den Besucher über die Räumlichkeiten des Museumsshops in den hinteren, schmalen Ausstellungsbereich. Dort wird man vor einer Zwischenwand von einer der frühesten Sherman-Arbeiten begrüßt: Ihr „Untitled Film Still #2“ aus dem Jahr 1977 zeigt die in ein Handtuch gewickelte Künstlerin vor einem Badezimmerspiegel. Eine Situation, wie sie sich in ähnlichem Setting zwei Jahre später wieder auf dem „Untitled Film Still #39“ wiederfinden wird.

Welchen Einfluss Shermans Serie auf ihre gleichaltrigen Kollegen sowie die ihr nachfolgenden Künstlergenerationen hat, zeigt Busse in weiterer Folge mit einem Ritt durch die internationale Kunstszene: Sarah Lucas mit ihrer „Composition with Fried Eggs“ ist ebenso vertreten wie Arbeiten der südafrikanischen Fotografin und Aktivistin Zanele Muholi oder Catherine Opies in den 1990er Jahren entstandene Transgender-Porträts. Das queere Leben in Indien hält die indische Künstlerin Tejal Shah in eindringlichen Fotos fest, die in einer Endlosschleife auf einem Bildschirm wechseln.

Der Frau als Madonna widmet sich Opie auch in dem verstörenden Selbstporträt „Nursing“, dem Cindy Shermans „Untitled #216“ aus dem Jahr 1989 zur Seite gestellt ist, das eine Madonnen-Puppe mit entblößter Kugelbrust zeigt. Apropos entblößt: Zanele Muholi thematisiert in ihrem Foto „ID Crisis“ das Abbinden von Brüsten oder in „Dada“ das Anschnallen eines Plastikpenisses. Eine Plastikpuppe auf allen Vieren, die dem Betrachter ihre offene Scham präsentiert, findet sich bei Sherman in „Untitled #255“ aus dem Jahr 1992. Ein erstaunliches Spiel mit wechselnden Identitäten präsentiert das Kunstforum mit zwei Fotos aus der „Manifesto“-Serie von Julian Rosefeldt aus den Jahren 2015/17, in denen sich Cate Blanchet in Karl Marx verwandelt.

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Stark sind auch die in der Schau vertretenen filmischen Beiträge: Einen eigenen Raum widmet Busse der siebenteiligen Installation „Becoming“ von Candice Breitz aus dem Jahr 2003: Auf den frei im Raum platzierten Bildschirmen flackern zusammengeschnittene Filmszenen aus Streifen mit Stars wie Cameron Diaz, Julia Roberts oder Meg Ryan. Auf der Rückseite sieht man die Reenactments der Künstlerin, die die Dialog-Fetzen in weißem Hemd nachspielt. So entsteht ein skurriler Verfremdungseffekt, der dadurch verstärkt wird, dass man über die Kopfhörer jeweils die Originalstimmen der Schauspielerinnen hört.

Ein eigener Raum ist Pipilotti Rists Videoinstallation „Ever is Over All“ aus dem Jahr 1997 vorbehalten, in dem die Künstlerin mit einer langstieligen Blume bewaffnet Fensterscheiben von Autos einschlägt. Auf die absolute Reizüberflutung setzt schließlich Ryan Trecartins Video „The Re‘Search“ (2010), in dem der Künstler nicht nur die TikTok-Ästhetik von heute vorwegnimmt, sondern auch den permanenten Selbstdarstellungszwang von Influencern künstlerisch verfremdet in den Fokus rückt. Ob Cindy Sherman diese dichte, immersive Auseinandersetzung mit ihrem Werk selbst sehen wird, ist laut Kuratorin Busse noch offen. Das Wiener Publikum hat jedenfalls bis zum 21. Juni Zeit, sich dieser einnehmenden Annäherung auszusetzen.

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