45 Jahre nach Innsbruck gependelt: Aus dem Leben eines Zugfahrers

Einmal von der Erde zum Mond und wieder retour – so viele Kilometer ist Horst Gritsch in seinem Leben gependelt. In 45 Jahren hat der Silzer so einiges erlebt.

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Pendler Horst Gritsch kommt gerade aus Silz. In der Hand ein Sackerl mit seiner liebsten Bahn-Lektüre: Eisenbahn-Fachzeitschriften.
© Thomas Boehm / TT

Von Nicole Strozzi

Innsbruck, Silz – Um sechs Minuten nach zehn rollt der Zug aus Ötztal am Bahnsteig 2 am Bahnhof Innsbruck ein. Mit an Bord: Horst Gritsch aus Silz, vermutlich einer der treuesten Zugfahrer des Landes. 45 Jahre lang pendelte der 61-Jährige von Silz bzw. Haiming nach Innsbruck und wieder retour. Zuerst zur Schule, später zur Arbeit bei einer Bank. Doch auch für einen Zugprofi ist einiges neu. „Eine Karte aus dem Automaten zu ziehen, war für mich eine Herausforderung, meine Frau musste mir helfen. Früher hat mein Arbeitgeber immer die Jahreskarte organisiert“, lacht der Silzer, der seinen letzten Arbeitstag am 31. Dezember 2019 hatte.

1974/75 begann für Gritsch das große Pendeln in die Schule, damals noch in zweiachsigen, offenen Waggons. Die Sitze aus grünem Plastik, die Waggons in Nichtraucher- und Raucherabteile getrennt und ein Plumpsklo für dringende Bedürfnisse.

Während es auf der Heimfahrt ziemlich laut zuging, weil die Fahrgäste die Gunst der Stunde zum Kartenspielen nutzten, war es in der Früh relativ ruhig. „Die Pendler aus Landeck haben immer die Glühbirnen gelockert, um noch etwas zu schlafen“, erinnert sich Gritsch. Seine Hausübung im Halbdunkeln zu machen, war daher kaum möglich. Auch Klimaanlagen gab es damals noch nicht, „Fenster runter“ lautete die Devise, selbst wenn man in der Zugluft saß. „An besonders heißen Tagen wurde Mineralwasser vor der Fahrt verteilt“, erzählt Gritsch.

Von 1983 bis 2019 pendelte Gritsch zur Arbeit, zuerst von Silz, dann 27 Jahre von Haiming, wo er als Mesner tätig war. Im Laufe der Zeit hat der Familienvater eine ausgeklügelte Pendlertaktik entwickelt. Da der Zug immer recht voll war, stellte er sich stets an die gleiche Stelle, um den ersten und besten Platz zu ergattern. Horst Gritsch gehörte quasi schon zum Inventar. „Da steht der Horst, da sind wir richtig!“, freuten sich die anderen Fahrgäste. „Manche glaubten sogar, ich würde bei der Bahn arbeiten“, lacht Gritsch. Wobei das auch immer sein großer Traum gewesen wäre, der aber aufgrund seiner Augen nicht möglich war. „Mein Opa war schon Eisenbahner und wir haben nahe der Bahn gewohnt“, erzählt Gritsch. Und als er das erste Mal mit sechs Jahren mit seinem Großvater mit dem Zug nach Wien fuhr, war sein Interesse für die Bahn geweckt.

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Gritsch ist auch privat zum passionierten Zugfahrer und Eisenbahnfan geworden. Er ist mittlerweile stolzer Besitzer von 456 Eisenbahn-Fachmagazinen, die er am liebsten während der Fahrt liest. 40.000 Kilometer hat er in Österreichs Bahnen zurückgelegt, darunter auch Routen, die es heute gar nicht mehr gibt, z. B. mit der Gailtalbahn bis Kötschach-Mauthen. „Bevor ich auf die Kanaren fliege, interessiert mich das eigene Land“, sagt der 61-Jährige.

Begleitet wird er auf seinen Reisen meist von einem guten Freund, einem Pendlerkollegen aus Pfaffenhofen, den er in den 90er-Jahren im Zug kennen gelernt hatte. Das war der Anfang einer jahrelangen Reisefreundschaft.

Einen Zug versäumt hat Gritsch übrigens noch nie. „Nur einmal hab’ ich verschlafen und es verpasst, in Haiming auszusteigen, und bin dann von Ötztal zu Fuß zurück“, verrät er. Nur einmal habe er keine Karte dabei gehabt („Aber man kennt sich ja“) und nur dreimal sei er privat mit dem Auto nach Innsbruck gefahren. „Wenn ich dann sehe, dass sie in Zirl schon im Stau stehen, bin ich froh, im Zug zu sein.“ Dort könne er rasten und beo­b­achten. Es falle auf, wenn ein Spaziergänger jeden Tag um dieselbe Zeit mit dem Hund geht. Mit dem Handy sei es stiller geworden im Zug, die meisten haben ihre Kopfhörer auf oder tippen etwas auf dem Smartphone, sagt Gritsch. Geratscht werde nur noch selten. Dafür sind auch die Kaugummireste weniger geworden.

Für Horst Gritsch hat es sich nun ausgependelt. Mit dem Zug wird er aber weiterhin fahren, demnächst mit seiner Frau von Klagenfurt nach Maribor. Und die restliche freie Zeit will er mit seiner Modelleisenbahn verbringen. 250 Loks und 500 Waggons besitzt er. Fad wird ihm sicher nicht.


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