„Little Women“ mit Emma Watson: Keine kleinen Mädchen von gestern

Greta Gerwig hat den Roman „Little Women“ über das Erwachsenwerden von vier Schwestern erfrischend aktualisiert.

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Die vier March-Mädchen emanzipieren sich zu „Little Women“: (v. l.) Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh, Oscar-Nominierung als beste Nebendarstelleri­n), Jo (Saoirse Ronan, nominiert für die beste Hauptrolle) und Beth (Eliza Scanlen).
© imago

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Wenn zu „Littl­e Women“ wie in Innsbruck ein Kino-Strick-Event organisiert wird, ist die vermeintliche Zielgruppe klar. Doch nicht nur die textile Handarbeit erlebt als Hobby eine Renaissance. Auch die Geschichte von vier jugendlichen Schwestern ist in ihrer mindestens sechsten Film-Auflage erfrischend aktualisiert für das Jahr 2020.

Greta Gerwig verweist in ihrer Variante des Erfolgs-Romans von Louisa May Alcot­t auch auf das Heute. Dabei spielt „Little Women“ im 19. Jahrhundert. Doch bei guten Historien-Filmen täuschen die Kostüme einen falschen Anachronismus vor. Am Schnittpunkt zwischen Erwachsenwerden und den Rollenbildern ihrer Protagonistinnen stecken Identifikations­möglichkeiten.

Vor allem Jo March (Saoirse Ronan) ist das selbstbewusst­e Spiegelbild, nicht nur der Romanautorin, sondern auch des heutigen Publikums beiderlei Geschlechts. Sie sei ein verlorener Fall, attestiert ihre strenge, reiche Tante (Meryl Streep). Jo will Schriftstellerin werden und ist bereit, jeden Preis für ihre Unabhängigkeit zu bezahlen.

Ein Verleger ihrer Geschichten ist recht direkt: Kurz und pikant müssen sie sein, und am Ende sollte die Protagonistin heiraten. Gerwig spielt mehrmals raffiniert mit dieser vorgezeichneten Story. Erst aus der Überschreitung des vorgegebenen Weges entspringt die Freiheit ihrer Heldinnen. Doch Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern vor allem die Freiheit, selbst zu entscheiden. Das wird auch im unterschiedlichen Lebensweg der Schwestern klar. Meg (Emma Watson), Amy (Florenc­e Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) sind Kameradinnen und Gegenentwürfe.

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Die künstlerische Freiheit ist dabei die Folie für die Gestaltung des eigenen Lebens. Schriftstellerin, Malerin, Musikerin und Schauspielerin sind die kreativen Ausdrucksformen der vier Teenager, die in einem durchaus liberalen Elternhaus aufwachsen.

Doch der Vater ist abwesend im Bürgerkrieg gegen die Südstaaten. Parallelen zum Kulturkampf im heutigen Amerika lassen sich hinein­interpretieren. Mutter Marmee (Laura Dern) kämpft somit zu Hause ihren eigenen alltäglichen Kampf.

Regisseurin Gerwig springt unchronologisch von den Zukunftsträumen der Mädchen zur gelebten Gegenwart der jungen Frauen und zurück. Die Emanzipation ihrer „Littl­e Women“ ist die Geschichte ihres Erwachsenwerdens.

Sechs Oscar-Nominierungen

Wie schon in Gerwigs fantastischem Regie-Debüt „Lady­bird“ ist die Dynamik zwischen den Figuren bestens gespielt und inszeniert. Diese Energie bei Dialog und Schnitt reißt auch viele zucker­süße Szenen aus dem Kitsch heraus und macht so manches feministisch-moralische Statement zur lebendigen Rollenprosa.

Vor allem Saoirse Ronan und Timothée Chalamet als Jos Verehrer Laurie erschaffen komplexe, glaubwürdige Figuren. Florence Pugh gelingt mit Amy die Gratwanderung einer netten Unsympathlerin. Laura Dern und Meryl Streep glänzen in Nebenrollen.

„Little Women“ ist einer der stärksten Ensemble-Film­e seit Langem. Dafür gab es sechs Oscar-Nominierungen. Greta Gerwig selbst jedoch wurde in der Regie-Kategorie unverdienterweise übergangen. Das katapultiert die Themen des Films zu Benachteiligung und Anerkennung aus dem 19. Jahrhundert direkt in die Hollywood-Gegenwart.


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