[anich.atmosphären.atlas]: Sterneschauen im Spiel der Mächtigen

In ihrem neuen Gedichtband „[anich.atmosphären.atlas]“ untersucht Barbara Hundegger mit dem Kartographen Peter Anich die Mechaniken der Welt.

Barbara Hundegger
© Murauer

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Das Schöne an Barbara Hundeggers Texten: Sie sind glasklar, quasi durchsichtig. Kein Geschwurbel, kein Gekünstel, nichts irgendwie impressionistisch Hingetupftes, sondern ganz konkrete Setzungen. Ihre Sprachlandschaften lassen sich beinahe sprichwörtlich begreifen.

Etwas plump gesagt: Hund­eggers Gedichte rufen nicht nach Interpretation oder Analyse. Sie sind Analyse. Nichts wird behauptet, nichts steht einfach und für sich, alles – jedes Wort, jede Zäsur und jeder Zwischenruf – wird be- und hinterfragt, ergänzt, erweitert und auf potenzielle Phrasenhaftigkeit abgeklopft. Hundeggers Verse haben ihre Belastbarkeit bereits bewiesen. Deshalb haben sie Bestand. Man will sie nicht nur genau lesen – man kann gar nicht anders.

Der jüngste Gedichtband der vielfach ausgezeichneten Innsbrucker Schriftstellerin ist Ende 2019 erschienen. Lange hat Barbara Hund­egger an „[anich.atmosphären.atlas]“ gearbeitet. Morgen Freitag präsentiert sie ihn nun im Literaturhaus am Inn.

„[anich.atmosphären.atlas]“ ließe sich als Eloge lesen, auf Leben und Leistungen Peter Anichs, der als Oberperfer Bauer und geschickter Drechsler im 18. Jahrhundert wider alle Wahrscheinlichkeit Wissenschaftsgeschichte schrieb. Werden, Wirken und Wirkung des großen Kartographen wird, durchaus auch mit großer Lust am eindrücklich Episodischen, nachgezeichnet. Gerecht wird man den Gedichten mit dieser Paraphrase freilich nicht: Denn Hundegger leuchtet auch den historischen Kontext und die Grenzen der gängigen Geschichtsdarstellung aus. Gerade Landkarten sind und waren immer auch Machtdemonstrationen, „je nach zweck haben sie den diversen herren zu dienen“, heißt es an einer Stelle. Das alles denkt Barbara Hundegger nicht nur an, sondern macht es anschaulich.

Mit seinem wundersam präzisen Himmelsglobus und dem „Atlas Tyrolensis“, der genauesten Landkarte seiner Zeit, vermaß Anich die Welt und ihre Mechaniken. Und Hundegger tut es ihm gleich: Sie untersucht das Spannungsfeld von Berechenbarkeit und dem Begreifbaren, erkennt im konsequent mit „Du“ angesprochenen Sterneschauer Anich einen exemplarischen Fall, einen Spielball im Spiel der Macht, wissenswütigen Zauderer und Opfer von Vorurteilen und ungerechter Verhältnisse.

Gedichte Barbara Hundegger: [anich.atmosphären.atlas]. Haymon, 207 Seiten, 19,90 Euro. Präsentation und Lesung: Freitag, 31. Jänner, im Literaturhaus am Inn. Beginn: 19 Uhr. Musik: Lissie Rettenwander.


Kommentieren


Schlagworte