August Diehl als Franz Jägerstätter: Domino-Effekt eines Verweigerers

August Diehl spielt Franz Jägerstätter. „Ein verborgenes Leben“ zeichnet auf berührende Weise Leben und Haltung des seligen Helden nach, der sich weigerte, für die Nazis in den Krieg zu ziehen.

August Diehl und seine Filmpartnerin Valerie Pachner bei der Premiere des neuen Films „Ein verborgenes Leben“ im Kino International in Berlin.
© Thomas Bartilla / Action Press /

Berlin – Der Ruf des 76-jährigen Regisseurs Terrence Malick als „Poet des Kinos“ basiert auf relativ wenigen Spielfilmen. Der neueste, „Ein verborgenes Leben“, erzählt die Geschichte des Österreichers Franz Jägerstätter, der den Kriegsdienst in Hitlers Wehrmacht verweigerte und von den Nazis 1943 in Brandenburg hingerichtet wurde. Ein Großteil der Produktion entstand in Südtirol. Die Jägerstätter-Rolle hat einer der profiliertesten deutschsprachigen Schauspieler übernommen: August Diehl. Ein Interview mit ihm im Berliner Hotel Sofitel.

Derzeit spielen Sie wieder Theater. Seit 16. Jänner wirken Sie, im Berliner Ensemble, in Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ mit. Ende des Monats haben Sie mit „Ein verborgenes Leben“ in Deutschland und Österreich Kino­premiere. Wie meistern Sie diesen Spagat Theater – Film?

August Diehl: Es ist in der Tat schwierig, beides zusammenzubringen. Ich mache Film wahnsinnig gerne, aber bei einer Theaterarbeit lerne ich so viel wie normalerweise bei vier Filmen. Allgemein gilt: Ich erzähle gerne Geschichten und lese auch gerne vor.

In Kürze läuft in unseren Kinos „Ein verborgenes Leben“ an. Wie sind Sie mit Terrence Malick, der als nicht unbedingt einfach gilt, zusammengekommen?

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Diehl: Meine Filmpartnerin Valerie Pachner und ich wurden zu einem Casting gebeten. Eines Tages erhielt ich einen Anruf: „Du hast die Rolle!“ Mein erstes Gespräch mit Terrence führte ich in einem Hauseingang bei starkem Regen. Es dauerte 45 Minuten. Wir redeten über alles Mögliche, und ich erfuhr, dass er in Ottawa/Illinois auf dem Land aufgewachsen war. Er erzählte mir faktisch sein ganzes Leben.

Und wie war es dann mit ihm?

Diehl: Mit einem einzigen Wort – wunderschön. Es war ein langer Prozess, der nicht aufgehört hat, der noch bis heute nachwirkt. Der Dreh selbst? Eigenwillig vielleicht, aber nicht schwierig. Terrence ist einer, der Vertrautheit und hohe Qualität schafft, einen unglaublich zur Mitarbeit einlädt. Ein ganz ungewöhnlicher Mensch.

Hatten Sie nach den ersten Gesprächen mit ihm eine Ahnung, was aus diesem Projekt werden sollte?

Diehl: Wenn man seine Filme kennt, hat man eine gewisse Idee. Doch kaum hat man mit ihm zu drehen begonnen, überlegt man gar nicht mehr, was daraus wird. Ich hab’ vielleicht darüber nachgedacht, ob ich eventuell das Heu auf der Wiese noch wenden sollte oder ob die Kuh, die dort steht, gut drauf ist. Dann setzt man sich auf eine Bank und denkt nach. Aber das ist vielleicht gerade der Moment, den Terrence wollte. So kommt es halt, dass mancher Dreh, der normalerweise zwölf Minuten in Anspruch nimmt, 28 Minuten dauerte.

Wie lange währte der Austausch mit ihm insgesamt?

Diehl: Ungefähr drei Jahre, und das hörte kaum je auf. Auch nicht im Tonstudio. Dort war ich 29-mal, immer wieder „voice over“. Ja, da wurde es manchmal schwer, den Leuten rundum zu erklären: Das ist eben ein Film von Terrence Malick! Der größte Reichtum in unserem Beruf ist jedenfalls, unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichster Arbeitserfahrung kennen zu lernen. Es gilt dabei, mit jemandem auf eine Reise zu gehen. Sicher kann das manchmal anstrengend sein. Einmal etwa bin ich bei der Arbeit zu „Ein verborgenes Leben“ auf der Wiese eingeschlafen, und als ich aufwachte, war die Kamera da, war das ganze Team da. Letztendlich wäre ich wahrscheinlich überrascht gewesen, wenn niemand da gewesen wäre.

Wie würden Sie die Person Terrence Malick beschreiben?

Diehl: Er ist gläubig und naturverbunden, aber vor allem ist er Cineast. Bei den Szenen, die er dreht, geht es ihm in erster Linie um das Licht. Danach kommt lange nichts, und dann vielleicht der Schauspieler. Es ist ja generell so, dass der Schauspieler – anders als am Theater – im Film nicht das Wichtigste ist. Noch was: Mit Terrence zu arbeiten, bedeutet, gemeinsam etwas zu entdecken. Er sagt dir nie: „Ich will das und das!“, sondern er fragt: „Wie findest du das?“ Ihm geht es weniger um die Sprache, um die Information, viel eher um das musikalische Fundament. Spielfilm und Doku sollte man nicht verwechseln, beim Spielfilm ist nicht so wichtig, wie etwas war, sondern er ist die Sichtweise eines Regisseurs, der eine bestimmte Geschichte erzählen will.

Haben Sie, bevor Sie für „Ein verborgenes Leben“ engagiert wurden, überhaupt etwas über Jägerstätter gewusst?

Diehl: Nein, im Gegensatz zu meiner Kenntnis von den Geschwistern Scholl und der „Weißen Rose“. Als ich mich dann mit ihm beschäftigte, erkannte ich, dass er gar nicht so stark aktiv war, sondern dass es ihm um Verweigerung ging. Es ist bemerkenswert, dass sein „Nein“ einen solchen Domino-Effekt hatte. Es ist ganz stark, dass jemand sagt: „Ich finde das falsch! Mit mir nicht!“ Das ist die leiseste Form von Widerstand, und dennoch wird es auf einmal politisch. Franz Jägerstätter war auf keinen Fall einer, der erklärte: „Ich will ein Held werden!“

Dieses „Nein“ scheint Ihnen besonders inte­ressant?

Diehl: Wenn jemand „Nein“ sagt, ist die damit verbundene Frage: Wie stark ist unser Gewissen? Wenn alle anderen mitmachen, wie stark muss das Gewissen sein, um „Nein“ zu sagen? Denn dann kommt ja auch der Moment, wo die anderen wütend werden, weil sie vom Gegenteil überzeugt sind. Ich empfehle übrigens auch, Franz Jägerstätters Briefe zu lesen, weil der Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Franziska ein starkes Zeugnis ist, wie zwei Menschen zueinanderstehen. In den Briefen aus dem Gefängnis kommt noch immer stark durch, dass er ein Bauer ist und dass er eine sehr enge Beziehung zu seinem Heimatort St. Radegund hat. Deshalb hat unser Film auch sehr lange den Titel „Radegund“ gehabt.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche im Dritten Reich?

Diehl: Ich habe das Gefühl, dass der jetzige Papst die Kirche, die schon sehr abgehoben war, den Gläubigen wieder näherbringen möchte. Im Dritten Reich war ihre Rolle in der Tat nicht sehr rühmlich, und so wurde der Vatikan zum leichtesten Gegner Hitlers. Und damit komme ich zurück zu Franz Jägerstätter. Wenn einer stark gläubig ist, so ist dies wie Musik, so ist es leichter zu verstehen, wenn er sagt: „Nein, das kann ich nicht tun!“ Diese Rolle hat mich in der Tat sehr stark beschäftigt. Sie war etwas, was einen in die Stille zwingt. Sie war fast wie ein Gebet, das starke Kraft hat und einen überzeugt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Da steht dann auch nicht Kirche oder Katholizismus im Vordergrund, sondern das Spirituelle, das wir als Kinder in uns haben, das uns wissen lässt, was falsch und richtig ist. Jedes Kind weiß, dass es falsch ist, jemanden zu töten. Andere Sichtweisen stellen sich erst später ein.

Franz Jägerstätter …

Diehl: … hatte das Stur­e und ganz Starke, was ein Kind hat, und er hat es ausgesprochen: „Nein, das ist falsch!“

Hat nicht auch der Beruf des Schauspielers diese kindliche Kraft?

Diehl: Man kann fast sagen, dass dieser Beruf eine Verweigerung ist, erwachsen zu werden, und ich empfinde es als wahnsinniges Glück, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich empfinde es als ungemein schön, Kind bleiben zu dürfen.

Welche Wirkung stellte sich bei Ihnen nach Drehschluss von „Ein verborgenes Leben“ ein?

Diehl: Ich fühlte mich unglaublich frei, fiel effektiv in ein Loch. Wir hatten nur acht Wochen gedreht, aber es schien mir wie ein halbes Jahr. Weil die Arbeit so intensiv war. Und dann der Abschied von allen, die dabei waren, die beim Entstehen mitgeholfen hatten, die versuchten, eine gemeinsame Sprache zu finden. Das hatte ich so noch nicht erlebt, und das werde ich möglicherweise beim nächsten Dreh sehr vermissen. Auch unsere Präsenz beim Festival in Cannes, wo sogar Terrence selbst auftauchte, war ein unglaubliches Geschenk. Wir wurden richtiggehend in die Luft gehoben.

August Diehl, ein Glückskind?

Diehl: Ja, ich habe das Gefühl, dass ich ein Sonntagskind bin. Ich habe alles genossen, was ich je gespielt habe. Und das Leben scheint mir viel zu kurz. Es müsste meiner Meinung nach doppelt so lang sein.

In „Ein verborgenes Leben“ wirken auch zwei große Kollegen mit, die mittlerweile von uns gegangen sind – Michael Nyqvist als Bischof Fliesser und Bruno Ganz als Richter Lueben?

Diehl: Mit Nyqvist habe ich zwei Abende verbracht, und wir haben viel miteinander gelacht. Er war für mich ein großartiger Schauspieler, ebenso wie Bruno, von dem wir bereits wussten, dass er sehr krank war. Mit ihm war ich lange befreundet und bin sehr traurig, dass dies seine letzte Rolle war. Einer, den ich wahnsinnig vermisse, ist übrigens auch Michael Glawogger, mit dem ich „Slumming“ gedreht habe. Es ist generell schön, Menschen zu treffen, die irrsinnige Künstler sind. Durch die Erfahrungen mit ihnen erhält man die Möglichkeit, sich zu entfalten. Daran bin ich sehr gewachsen. Es sind auch andere wichtige Menschen von uns weggegangen, wie etwa Gert Voss oder Ignaz Kirchner. Da entstehen schwarze Löcher. Ich habe ja viele Telefonnummern, und mir passiert es oft, dass ich zum Beispiel sage: Ich müsste den Ignaz anrufen. Und dann fällt mir ein: Der ist ja weg!

Viele dieser Freundschaften basieren auf Ihren alten Burgtheater-Zeiten. Die Burg hat nun in Martin Kušej einen neuen Direktor. Gibt es Fäden zu ihm?

Diehl: Nein.

Das Gespräch führte Ludwig Heinrich


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