„Ich bediene alle mit Musik“: Reinhard Goebel im Gespräch

Gespräch mit Reinhard Goebel, dem Großen der Alten Musik, der ungewöhnliche Wege beschreitet. Im Haus der Musik dirigiert er vor der Filmvorführung „Der König tanzt“ das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck.

  • Artikel
  • Diskussion
Reinhard Goebel wurde 2015 von einem Fachmagazin unter die 20 besten Geiger aller Zeiten gewählt.
© Thomas Boehm / TT

Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Ich bin rundherum glücklich und bediene vom Provinzorchester bis zu den Berliner Philharmonikern alle mit Musik“, fasst Reinhard Goebel sein Wirken lapidar zusammen. Er wechselt von der Probe im Haus der Musik zum Gespräch ins Tiroler Landestheater. Ein Meisterstück, den großen Barockdirigenten und Violinisten für die Reihe „Screen & Score“ zu gewinnen. Bevor morgen Samstag Gérard Corbiaus opulenter Kultfilm „Der König tanzt“ („Le Roi Danse“) aus dem Jahr 2000 zu sehen sein wird, für den Goebel mit seiner Musica Antiqua Köln die Musik einspielte, konzertiert er eine Stunde live mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und wählte mit Lully, dessen Schüler Rebel, Leclair u. a. dafür Musik aus dem Strahlenkranz des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

„Ich bin der Einzige, der regelmäßig mit modernen Orchestern arbeitet“, sagt Goebel. Es geht um Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Schnell ist bei der Probe zu erleben, wie sicher die adäquate Vermittlung dem Charismatiker gelingt. Brillanten Könnern erliegen Profimusiker gerne – er bringt sie zum leidenschaftlichen Zugriff, zum Verstehen und zum Lachen, und es blitzt auf, wofür sie ihrer Bestimmung folgen. Er will ja nicht nur das Glatte, sondern gerade im galanten Stil auch das Widersprüchliche.

In Innsbruck macht er, was er bisher vermied: zum ersten Mal mit modernem Orchester ein französisches Programm. Ist ja nicht selbstverständlich, „auf der Bratsche nur die leere D-Saite zu streichen und Musik daraus zu machen“. Rasch erkannte er im entsprechend besetzten Ensemble die Vertrautheit vieler Musiker mit vorklassischer Musik.

Goebel bringt nicht nur sein seit Jahrzehnten maßgebliches Können und sein immenses Wissen ein, sondern ganz pragmatisch auch „meine Stimmen, exquisit bezeichnet, da steht alles drin“. So bekommt jede französische Note ihren Akzent.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Goebel, der 1973 als 21-jähriger Geiger das dann prägende Barockensemble Musica Antiqua Köln gründete, ist seit zehn Jahren Professor für historische Aufführungspraxis am Salzburger Mozarteum. Der gesuchte Pädagoge unterscheidet zwischen Studenten, „die man auf den rechten Pfad der Tugend bringt, und jene wenigen, die man loslassen kann“. Das BBC Music Magazine wählte ihn 2015 unter die 20 besten Geiger aller Zeiten. 2017 ehrte ihn die Stadt Leipzig mit der Bach-Medaille.

Goebel hatte geplant, mit 55 Jahren aufzuhören. Krankheiten der linken Hand – er hatte sogar gelernt, rechts zu greifen – sabotierten sein Geigenspiel. „Mein Geigenspiel kommt aus dem Kopf“, sagt er. Auch Musica Antiqua gab er auf. „Nach 35 Jahren dachte ich, es reicht. Und ich kann nicht den eigenen Bauchladen einstampfen, weil zu schlecht, und dann zum anderen noch schlechteren gehen.“

Goebel ortet seit den 1990er-Jahren einen abnehmenden Wissenszuwachs, auch die Wertschätzung gegenüber dem Kernanliegen nehme ab. Es werden kaum mehr Pionierleistungen erbracht und Originalinstrumente gespielt, die erarbeitete Klangqualität geht wieder verloren, Epigonen sind am Werk. Goebel will nicht „mit Dilettanten unter einer Käseglocke sitzen“. Nach längerer Pause ist er seit 2018 künstlerischer Leiter der Berliner Barock Solisten.

Die Annäherung an die Stilistik des 17. und 18. Jahrhunderts, die er modernen Orchestern bis hin zu dem Gewandhaus-Orchester Leipzig, den Dresdner Philharmonikern, den Berliner Orchestern, Tonhalle Zürich und dem Royal Philharmonic Orchestra in geeigneten Kompositionen vermittelt, ist sein Alleinstellungsmerkmal. Er stößt damit auf Begeisterung und Kritik. Was er erreichen möchte? „Dass man ihnen die Musik zurückgibt, zurück bis zu Bachs Brandenburgischen Konzerten. Das ist ja alles Gesamtkulturerbe. Sie spielen ja auch moderne Musik, ohne Spezialisten dafür zu sein.“

„Beethovens Welt“ ist ein längeres Forschungsprojekt Goebels, in dem sich der unermüdliche Repertoireschürfer mit kaum bekannten Werken Beethovens und dessen Umfeld wie den Komponisten Eybler, Clement, Wranitzky befasst. Beethoven aus der Sicht des galanten Stils, weswegen der Dirigent nicht über die ersten vier Symphonien hinausgeht. „Ich bin Fachmann für das 18. Jahrhundert, ich mache, was ich erarbeitet habe und kann.“ Bei Sony Classical erscheint dazu ein fünfteiliger CD-Zyklus.

Screen & Score: „Der König tanzt“

Konzert und Film. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Reinhard Goebel spielt Werke von Rebel, Leclair, Berton und Lully. Im Anschluss wird der Historienfilm „Der König tanzt“ (2000) gezeigt, dessen Originalmusik von Goebels Ensemble Musica Antiqua eingespielt wurde. Samstag, 1.2., 18.30 Uhr im Haus der Musik Innsbruck.


Kommentieren


Schlagworte