Ein Fall und seine Geschichte: Josef Haslinger nennt Missbrauchstäter beim Namen

Der Autor Josef Haslinger wurde als Sängerknabe im Zisterzienserstift Zwettl sexuell missbraucht. In einem schonungslosen Bericht nennt er die Täter nun beim Namen.

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Josef Haslinger, Jahrgang 1955, wurde mit dem Roman „Opernball“ (1995) bekannt.
© Thomas Boehm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Josef Haslingers neues Buch wurde schon diskutiert, bevor es dieser Tage ausgeliefert wird. Dabei hat Haslinger die Geschichte, die darin erzählt wird, bereits erzählt. Die autobiografisch grundierte Erzählung „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ brachte er bereits vor beinahe 40 Jahren zu Papier. 1995, als die Missbrauchsaffäre um Bischof Hans Hermann Groer öffentlich wurde, hat profil den Text wieder abgedruckt. Haslinger schildert darin sexuelle Übergriffe eines Priesters an einem Internatszögling – in der ersten Person, aus der Perspektive des Opfers.

Trotzdem: Diesmal ist es anders. Haslinger schreibt nicht mehr aus der Deckung. Das unterstreicht schon der Titel des Textes, der sich nicht mehr mit der Schutzbehauptung „Erzählung“ verharmlosen lässt: „Mein Fall“ ist ein Bericht – und will gar nicht mehr Literatur sein: sachlich im Ton, akribisch recherchiert, genau in der Darstellung. Die Täter, die ihm das Heranwachsen „versaut“ haben, nennt Haslinger diesmal beim (Klar-)Namen. Dennunziatorischen Furor gibt es trotzdem keinen. „Mein Fall“ ist durchaus drastisch, aber keine späte Rache, keine Anklageschrift, sondern im Grunde genommen der Versuch einer Bestandsaufnahme: die Darstellung dessen, was war. Erzählt allerdings aus heutiger Perspektive. Der Fall wird – wie es so schön heißt – neu aufgerollt. Untersucht wird allerdings weniger das Tun der Täter, sondern das Über- und Weiterleben von Haslinger als Opfer. „Mein Fall“ ist nicht zuletzt eine Rechtfertigung seines bisherigen Umgangs mit seinen Erfahrungen. Erklärung – und ein Stück weit auch Korrektur früherer Einlassungen des Autors zum Thema.

Letztlich war es ein Zufall, der Haslingers neuerliche Auseinandersetzung mit seiner Geschichte anstieß. Beinahe beiläufig erfährt er eines Tages, dass Pater Gottfried, der ihn einst als Sängerknabe im niederösterreichischen Zisterzienserkloster Zwettl missbraucht hat, gestorben ist. Auch die beiden anderen Täter – ein weiterer Pater und ein Lehrer – sind inzwischen tot. Für Haslinger die Voraussetzung, nun auch ihre Namen zu nennen. Er wolle denen, die ihm das Heranwachsen versaut haben, nicht den Lebensabend versauen, sagt er – wohl im Wissen, dass das als Erklärung unbefriedigend bleiben muss. Denn: Auch der Wille zur größtmöglichen Klarheit ist keine Einladung zum Schwarz-Weiß-Denken. Auch der eindeutigste Tatbestand bleibt im Detail kompliziert.

Josef Haslinger war zehn Jahre alt, als er Ende der 1960er-Jahre von Pater Gottfried erstmals missbraucht wurde. Der Bub ließ es über sich ergehen. Er fürchtete, ansonsten Gottfrieds Zuneigung zu verlieren. „Ich hatte, in meiner damaligen Wahrnehmung, eine Art väterlichen Freund gefunden. Einen Erzieher, der mich nicht schlug und der sich für meine Probleme interessierte. Einen, der mich tröstete, wenn andere mich hänselten oder verdroschen.“

Haslinger beschreibt Stift Zwettl als durch und durch gewalttätiges Regime. Noch 2010 sprach Haslinger in einem Beitrag für Die Welt von pädophilen Übergriffen als „Oase der Zärtlichkeit“ in einer „Sphäre von körperlicher Gewalt“. Dafür wurde er scharf kritisiert. Er verharmlose Verbrechen, schrieb etwa der Soziologe Gerhard Amendt in seiner Erwiderung auf Haslingers Artikel. In „Mein Fall“ ist die Einordnung umfassender – und eindeutiger: Jene Männer, die nicht prügelten, vergewaltigten.

Der Drang, Täter für ihr Tun in Schutz zu nehmen, ist letztlich eine Folge ihrer Taten. Haslinger hat auch aus Scham geschwiegen oder sich in Zynismus geflüchtet. Er wollte sich lange nicht eingestehen, dass es den Buben, der „Streicheleinheiten“ den Schlägen mit „Onkel Max“ – so wurde ein besonders „beliebtes“ Züchtigungsinstrument genannt – vorzog, bis heute gibt.

Dass aus „Mein Fall“ keine einfache Erzählung wurde, ist aber letztlich auch die Folge weiterer Demütigungen. Lange hat Haslinger gezögert, sich als Opfer an die Klasnic-Kommission zu wenden, die seit gut zehn Jahren für die Aufklärung von Missbrauchsfällen durch Angehörige der katholischen Kirche zuständig ist. Mit dem Wissen um das Ableben der Täter will er es nun doch tun. Und wird – nachdem ihn Kommissionsmitglied und damalige Verfassungsgerichtshof-Präsidentin Brigitte Bierlein, offenbar auch ob seiner Prominenz als namhafter Schriftsteller, kurzfristig zum Gespräch einlud – weitergreicht.

Dreimal muss er seine Geschichte erzählen, bevor sie überhaupt aufgenommen wird. Ob er das Protokoll nicht gleich selbst schreiben könnte, wird er gefragt. Als Autor könne er das sicher besser. Es sind auch diese in die Schilderungen eingeflochtenen Passagen, die bei der Lektüre von „Mein Fall“ immer wieder fassungslos machen. Man liest – und bewundert Josef Haslinger für seine Beharrlichkeit, für seine Fähigkeit, ruhig zu bleiben. Und man denkt an jene, die inzwischen groß gewordenen Buben und Mädchen, die Vergleichbares überlebten – und denen die Kraft für eine solche Zusatztortur zur Anerkennung als offizielles Opfer mit Entschädigungsanspruch fehlt.

Bericht. Josef Haslinger: Mein Fall. S. Fischer, 144 Seiten, 20,60 Euro.


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