Als Fidelio noch ihren Namen trug und Koloraturen sang

Aus der gegenwärtigen Beethoven-Fülle ragt René Jacobs’ fabelhafte Interpretation der Urfassung „Leonore“ heraus.

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Jahresregent Ludwig van Beethoven (1770–1827), der vor 250 Jahren geboren wurde, in einer Darstellung von ca. 1880.
© imago

Innsbruck – Der Sonntagabend gehört morgen im Haus der Musik René Jacobs und seiner seit jeher großen Liebe, Franz Schubert (Symphonien V und VIII, dazu Haydn). Eine neue Liebe ist spät und überraschend dazu gekommen: Beethoven. Die „Missa solemnis“ sei der Auslöser gewesen. 2017 nahm er sich Beethovens einziger Oper „Fidelio“ statt in der allseits gespielten Fassung von 1814 in der Urfassung „Leonore“ an. Er realisierte sie im Theater an der Wien, dem Uraufführungsort, wo das Stück 1805 durchfiel, und konzertant in Paris. Nun ist der Mitschnitt greifbar und durch mitreißende neue Hörerlebnisse eine Sensation.

Aktuell noch einmal Wien: An der Staatsoper hat heute Samstag „Fidelio“ Premiere, unter diesem Namen, aber auch in der Urfassung inszeniert. Ö1 überträgt live und baut rundum gleich einen ganzen Beethoven-Tag. Gelegenheiten ohne Ende, den Jahresregenten neu und durch Interpretationsvergleiche besser kennen zu lernen.

Denn Jacobs hört „Leonor­e“ (wie er schon die Mozart-Opern anging) vor den Bedingungen von Beethovens Zeit und dessen Hörerfahrungen.

Das Freiburger Barock­orchester, an den Pauken der Tiroler Charlie Fischer, spielt phänomenal, immer durchhörbar, mit wissenden Virtuosen an jedem Pult, ein Orchester, das mitredet, fühlt, kommentiert, jede Inszenierung überflüssig macht.

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Jacobs nimmt rasche Tempi, ohne zu hetzen, und wechselt, bei dieser Oper ein Grundproblem, mühelos vom Singspiel zum Rührstück und Drama. Es gibt ein gestrichenes Duett zwischen Leonore und Marzelline, vieles ist verändert, im Finale begreift das Liebespaar spät, dass es gerettet ist. Die Leonore-II-Ouvertüre eröffnet anspruchsvoll, den Text gestaltete Jacobs für die CD als lebendiges Hörspiel.

Die Stimmen sind durchwegs eher leicht besetzt, Marlis Petersen ist großartig als Leonore, wunderbar die Marzelline der Robin Johannsen, sehr gut charakterisiert auch der erschöpfte Florestan mit Maximilian Schmitt, Dimitry Irashchenkos Rocco, Johann Weissers Pizarro, Johannes Chums Jaquino und Tareq Nazmis Fernando. (u.st.)

Klassik René Jacobs, Freiburger Barockorchester: Beethoven –„Leonore“. Harmonia Mundi.


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