Innsbruck prüft Abbiegeverbot für Lkw

Nur wenige Laster wurden bislang mit Abbiege-Assistenten nachgerüstet. Wien untersagt Lkw ohne Helferlein nun das Rechtsabbiegen. In Tirol ist das „denkbar“, Innsbruck prüft.

Fußgänger, Rad- und Rollerfahrer werden oft übersehen, wenn Lkw rechts abbiegen. Elektronische Abbiegeassistenten sind in den Fahrerkabinen dennoch weiter Mangelware.
© APA

Von Nina Werlberger

Innsbruck, Wien –Tödliche Unfälle mit Lastwagen sorgen regelmäßig für Trauer und Betroffenheit. Trotzdem sind Abbiege-Assistenten nach wie vor Mangelware in den Fahrerkabinen. Sie helfen den Fahrern, auch den toten Winkel zu überblicken. Eine Pflicht zum Einbau gibt es nach wie vor nicht. In Wien wird nun ab dem Frühjahr ein komplettes Rechtsabbiegeverbot für Laster über 7,5 Tonnen gelten. Nachgedacht wird über das Thema auch in Tirol. In der Stadt Innsbruck wird ein mögliches Rechtsabbiegeverbot bereits geprüft.

Die Gefahr, von einem Laster übersehen zu werden, ist durchaus groß: Jeder zehnte getötete Fußgänger in Österreich ist in einen Unfall mit einem Lkw verwickelt. Dabei könnten 40 Prozent der Unfälle, die beim Rechtsabbiegen passieren, vermieden werden, weiß Ulrich Leth. Er ist Verkehrsplaner an der Technischen Uni in Wien und Initiator einer Petition, die den verpflichtenden Einbau von Abbiegeassistenten fordert. Knapp 75.000 Unterschriften hat er dafür bereits gesammelt.

Grundsätzlich könnten Fahrer mit ihren Spiegeln indirekt zwar alle Bereiche ums Auto einsehen. Problematisch wird es aber dann, wenn der Lenker etwa im turbulenten Verkehrsgeschehen überfordert ist und nicht mehr alle seine Spiegel gleichzeitig im Blick haben kann, berichtet der Experte. Hier würde ein elektronischer Abbiegeassistent helfen, indem er auf Fußgänger und Radfahrer im toten Winkel neben und hinter der Fahrertür aufmerksam macht. Bei Bussen und Landmaschinen hätten die Fahrer übrigens eine deutlich bessere Rundumsicht als bei Lkw, erklärt Leth.

Obwohl solche Assistenten zweifelsohne Leben retten können, haben bislang nur wenige Unternehmen ihre Fahrzeuge umgerüstet. „Es läuft äußerst schleppend“, sagt Leth. Dabei gibt es seit vergangenem Herbst eine Bundesförderung in der Höhe von insgesamt einer Million Euro. Wie der Sender Ö1 vor wenigen Tagen berichtete, haben die heimischen Betriebe seither gerade einmal 113.000 Euro abgeholt – für 185 Fahrzeuge. Leth glaubt, dass das zum einen am fehlenden Bewusstsein für das Thema liegt. Zum anderen würden viele Unternehmer schlicht „eine ganz normale wirtschaftliche Kalkulation“ aufstellen. Die Nachrüstung kostet pro Lkw rund 3000 Euro, gefördert werden maximal 900 Euro. Und manche Lkw-Besitzer dürften auch erst einmal abwarten. Denn ab dem Jahr 2022 gelten neue EU-Regeln, die Abbiegeassistenten zumindest in bestimmten neuen Lkw vorschreiben. Ab 2024 wird das dann für alle neuen Laster gelten. Allerdings: Auf alle alten Fahrzeuge haben diese EU-Vorschriften keinen Einfluss.

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In Wien hofft man nun, mit einem kompletten Rechtsabbiegeverbot für schwere Laster der Lkw-Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern Herr zu werden. Es soll eine Übergangsfrist von einem Jahr geben. Busse und andere große Fahrzeuge wie etwa landwirtschaftliche Maschinen sind nicht betroffen. Ausgenommen sind die Stadtautobahnen. Für Experte Leth ist dieses Verbot „noch am ehesten zielführend“, wie er im TT-Gespräch sagt. Und Wien dürfte mit seinen Plänen wohl nicht allein bleiben.

Tirols Verkehrslandesrätin Ingrid Felipe erklärt gegenüber der TT, dass Lkw-Abbiegeverbote an prekären Straßenkreuzungen forciert werden sollen – zusammen mit weiteren Maßnahmen. So würden etwa alle neuen Lkw des Landes-Straßendiensts mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet. Als weitere verkehrsplanerische Maßnahmen nennt Felipe verzögerte Ampelschaltungen und Geschwindigkeitsreduktionen. Aus der Abteilung Verkehrsrecht hieß es, die Situation in Wien sei nicht pauschal mit Tirol vergleichbar. Dennoch sei die Erlassung von Abbiegeverboten „denkbar bzw. vorstellbar“, wenn dies die Verkehrssicherheit erhöhe. Derzeit lägen dazu aber noch keine Untersuchungen vor.

Aktuell läuft im Land auch ein Test, zu dem der Landtag die Landesregierung aufgefordert hatte. Dafür wurde ein landeseigenes Fahrzeug mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet. Wenn der Praxistest erfolgreich ist, sollten alle Nutzfahrzeuge des Landes umgerüstet werden, hieß es in dem Landtagsantrag. Ein endgültiges Ergebnis gibt es noch nicht, aber: „Es liegt der Schluss nahe, dass in der Praxis zumindest die Nutzung eines optischen Systems sinnvoll erscheint“, hießt es aus dem Büro von Felipe. Nach dem Winterdienst werde man eine weitere Erhebung durchführen.

In Innsbruck ist man da schon weiter. Was ein allgemeines Rechtsabbiegeverbot angeht, werde man sich mit der Stadt Wien kurzschließen, teilte Vize­bürgermeisterin Uschi Schwarzl mit. Sie ist in der Stadt für den Verkehr zuständig. Politisches Ziel sei es, die Stadt für die langsameren, kleineren und schwächeren Verkehrsteilnehmer sicherer zu machen. „Wenn sich ein Rechtsabbiegeverbot dafür als geeignetes und umsetzbares Instrument herausstellt, dann werden wir uns an Wien ein Vorbild nehmen“, hieß es. Die Prüfung laufe bereits.

Außerdem wird in Innsbruck aktuell der Fuhrpark der Stadt umgerüstet. Nur bei Lkw-Kehrmaschinen wird weiterhin kein Assistent eingebaut, denn hier gebe es eine direkte Sicht beim Rechtsabbiegen.

Grundsätzlich könnten alle Orte schärfere Abbiegeregeln für Laster einführen. Denn seit der letzten Novelle der Straßenverkehrsordnung dürfen alle Gemeinden in Österreich selbstständig Fahrverbote erlassen, erklärt Verkehrsplaner Ulrich Leth. Dafür müsse allerdings nachgewiesen werden, dass diese auch notwendig seien.

Wie können Unfälle mit Lkw sonst noch verhindert werden? Kreuzungen umgestalten (wie das der frühere Verkehrsminister Norbert Hofer gefordert hatte) sei eine Möglichkeit, sagt Leth. Eine andere wäre, Ampelphasen zu trennen. Auch könnte man den Lkw ein Abbiegen nur noch in Schrittgeschwindigkeit erlauben, wie das etwa in Deutschland gemacht werde.

In Tirol ereigneten sich von 2014 bis 2018 insgesamt 569 Unfälle mit Lkw-Beteiligung, bei denen 745 Menschen verletzt wurden. 30 Menschen starben. Beim Abbiegen auf Kreuzungen wurden in diesen fünf Jahren 30 Personen verletzt und zwei getötet.

© TT

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