Wenn Kinder zubeißen: Statt mit Worten mit Zähnen sprechen

Am Spielplatz oder in der Kinderkrippe: Weil Kleinkinder Wut oder Angst nicht verbal ausdrücken können, beißen manche stattdessen zu. Pädagogen raten, die Situation mit viel Einfühlungsvermögen zu begleiten.

Weil Kleinkinder Emotionen wie Wut, Frust oder Aggression noch nicht kontrollieren können, setzen sie dazu auch öfter ihre Zähnchen ein.
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Von Beate Troger

Innsbruck – Zuerst spielen die beiden Zweijährigen in der Kinderkrippe ganz friedlich miteinander, plötzlich weint ein Kleinkind bitterlich und Tränen kullern über die Wange. Es wurde gebissen.

Was dem Kind körperlich Schmerz bereitet, tut seinen Eltern oft noch viel mehr im Herzen weh. „Diese Situation zeigt aber ganz normales Verhalten von Kindern im Alter von ein bis zwei Jahren auf“, erläutert die Buchautorin Nora Imlau, die mehrere Ratgeber über die Entwicklung von Kleinkindern verfasst hat. Und auch wenn Beißen oder Hauen im Alltag mit Kleinkindern immer wieder vorkomme, müsse das Thema sensibel und achtsam aufgearbeitet werden.

„Natürlich gilt es, das betroffene, also das gebissene, Kind zu trösten und zu schützen, sei es am Spielplatz oder in der Krippe“, sagt Imlau. Es sei auch wichtig, dass Pädagogen gegenüber den Eltern klar kommunizieren, dass die Sicherheit ihres Kindes an oberster Stelle stehe und man alles tun werde, um weitere Vorfälle zu verhindern.

Gleichzeitig warnt sie aber davor, das beißende Kind zu verurteilen oder gar zu bestrafen. „Kleinkinder in diesem Alter sind noch nicht zu einem Perspektivenwechsel fähig“, erklärt Imlau, selbst dreifache Mutter, weiter.

Sie können sich noch nicht in die Lage anderer versetzen oder hineinfühlen und sich nicht vorstellen, dass der Biss Schmerzen bereiten kann. „Wenn ein Kind beißt, bedeutet das nicht, dass Eltern oder Pädagogen etwas falsch gemacht haben“, stellt sie klar. „Ein beißendes Kind ist kein Monster, es ist einfach erst zwei“, spricht sie Klartext.

Ein- oder Zweijährige würden aus mehreren Gründen ihre kleinen Zähnchen ausprobieren: „Sie beißen spielerisch, aus Neugierde oder zur Kontaktaufnahme, aber auch aus Frust, Wut und Aggression, weil sie nicht wissen, wie sie diese Gefühle sonst zum Ausdruck bringen sollen“, erklärt sie. Polster oder Bälle könnten den Kindern als Alternative angeboten werden, an denen sie ihre Emotionen auslassen dürfen.

Dass Aggressionen etwas ganz Natürliches sind und Raum brauchen, betont auch Robin Menges, klinische Psychologin und Leiterin der Internationalen Gesellschaft für Beziehungskompetenz (IGfB) in Innsbruck.

„Beißen, aber auch Kratzen oder Hauen ist bei Kleinkindern immer eine Reaktion auf etwas“, meint sie. Eltern sollten ebenso wie Krippenpersonal genau hinschauen, was ein Kind im Einzelfall belastet und warum es schließlich zubeißt. „Wichtig ist, dass die Kinder in ihrem Verhalten ernst genommen werden“, sagt Menges, die auch einige Kinderkrippen in Tirol durch Vorträge zu dem Thema beraten hat. „Was für Erwachsene vielleicht eine Kleinigkeit darstellt, ist für Zweijährige oft ein ganz großes Thema“, meint sie. Wenn klar sei, was das beißende Kind zum Zubeißen bringe oder gar belaste, können weitere Vorfälle proaktiv verhindert werden.

In der Situation, in der gebissen wurde, sollten die Kinder mit einem klaren „Stopp“ sofort getrennt werden, sagt sie. „Große pädagogische Reden haben gegenüber Kleinkindern aber keinen Sinn“, erklärt Menges. „Denken und Fühlen sind im Gehirn noch nicht miteinander verbunden“, erläutert die Expertin.

Beide Kinder, die involviert sind, sollten aber getröstet und emotional beruhigt werden, da auch beide Kinder durch den Vorfall massiv unter Stress stehen. „Pädagogen und auch Eltern können Kleinkindern helfen, die richtigen Worte für ihre Gefühle zu finden“, erklärt sie.

Es komme auch vor, dass sich zwischen den Eltern des gebissenen Kindes und des kleinen Beißers die Fronten verhärten und ein Teufelskreis entstehe, weiß die Psychologin aus Erfahrung. „Wichtig ist, dass Eltern verstehen, warum Kinder beißen oder gebissen werden“, betont sie. Mit entsprechendem Know-how über den Entwicklungsstand der Kleinkinder können Eltern ihre Kleinen kompetenter begleiten.

Und sie räumt noch einen Aspekt ein. „Sehr frühe Fremdbetreuung in der Krippe stellt für die Kinder eine gewisse Belastung dar.“ Es gebe Studien, die belegen, dass Kinder, die schon sehr früh von ihren primären Bezugspersonen getrennt sind, eher zu unangemessenem, aggressivem Verhalten neigen.

Ob das kleine Beißerchen oder auch das gebissene Kind die Krippe oder die Gruppe wechseln sollte, müsse individuell im Einzelfall entschieden werden, sind sich beide Fachfrauen einig. „Eine neue Gruppe bedeutet für das Kind wieder eine neue Eingewöhnung, neue Bezugspersonen und ein neues Umfeld“, räumt Autorin Nora Imlau ein. Sehr oft zeige sich, dass ein beißendes Kind auch in einer neuen Betreuungseinrichtung wieder zubeißt.

Und sie betont: „Es ist nur eine Phase“ – ein Mantra, das Eltern oft hilft. Denn sobald Kinder durch Sprache besser kommunizieren können, brauchen sie die Zähne nicht mehr, um sich auszudrücken.


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