Tiwag mit Plus, Sorge um Energie-Sicherheit wächst

Der Energie-Landesversorger meldet Zuwächse bei Umsatz und Ergebnis. Absolute Priorität bekommt die Verhinderung von Versorgungs-Crashs.

Die auch aus Klimagründen geplante Energiewende wird die Gefahr von großen Strom-Blackouts laut Experten ansteigen lassen.
© Böhm

Von Alois Vahrner

Innsbruck – Die zu 100 Prozent in Landesbesitz stehende Tiwag sei „gut unterwegs“, sagt Vorstandsvorsitzender Erich Entstrasser gegenüber der TT. Endgültige Bilanzzahlen für 2019 werden erst im Frühjahr veröffentlicht, aber man sei beim Konzernumsatz auf über 1,2 Mrd. Euro gewachsen. Der risikobereinigte Gewinn (EGT) dürfte ebenfalls von zuletzt 78,4 auf etwas über 80 Mio. Euro leicht zugelegt haben – womit man hier aber trotzdem etwas unter Plan geblieben sei.

In diesem Jahr soll das um 110 Mio. Euro ausgebaute Kraftwerk Kirchbichl fertig werden, sagt Entstrasser, Er hofft heuer auch noch auf endgültig grünes Licht durch den Verwaltungsgerichtshof fürs Kraftwerksprojekt Kühtai. Und auch ein wahrhaft historisches Kapitel könnte nach vielen Jahren abgeschlossen werden: Die in der Folge der Feuernacht 1961 (damals wurden von Aktivisten 37 Strommasten in Südtirol gesprengt) von Italien gekappte Stromleitung über den Brenner soll bis Sommer wieder in Betrieb gehen. Damit würde nach 59 Jahren erstmals wieder Strom zwischen Tirol und Südtirol fließen.

Die Tiwag will in den kommenden Jahren weiterhin kräftig in den Ausbau von Kraftwerken und Netzen investieren: Vom Aufsichtsrat sei für die Jahre 2020 bis 2024 ein Investitionsvolumen von insgesamt 1,39 Mrd. Euro, von dem der Großteil der heimischen Wirtschaft zugute kommen werde, abgesegnet worden, betont Entstrasser.

Wichtig sei die Energie-Versorgungssicherheit schon immer gewesen, angesichts der Umwälzungen auf den Energiemärkten mit kräftig gestiegenen Risiken habe man dieses Thema aber auf die oberste Prioritätsstufe gereiht. Die Energiewende mit dem kommenden Aus bei Kernkraft und Kohlekraftwerken in Deutschland sowie der auch in Österreich geplante Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energie werde zur „Riesen-Aufgabe“. Die Gefahr von Strom-Blackouts sei gestiegen und werde noch weiter anwachsen. Die Tiwag sehe es verstärkt als oberstes Ziel, Tirol vor Crashs bei der Versorgung mit Energie und Wärme zu schützen. Speicherkraftwerke und künftig auch Wasserstoff würden künftig diesbezüglich noch wichtiger werden. Im Normalfall würde man in Tirol etwa drei Stunden brauchen, um die Stromversorgung nach einem großen europäischen Blackout wieder selbst anzufahren, wegen der Abschaltung von Sellrain-Silz im 1. Halbjahr wären es zurzeit sicher fünf Stunden.

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Schon jetzt habe Österreich zu wenig Strom. Um die Energie- und Klimawende und den großen Zusatzbedarf etwa durch E-Autos zu decken, brauche es ein großes Ausbauprogramm. Diesbezüglich seien die neuen Regierungspläne eine „spezielle politische Herausforderung“ für ÖVP und Grüne. Denn bis 2030 will man zu 100 Prozent auf Ökostrom umstellen, was einen Zubau von 27 Terawattstunden (27 Mrd. Kilowattstunden) erfordert: je 11 Terawattstunden zusätzliche Photovoltaik und 5 ­Terawattstunden neue Wasserkraft.

Die Mengen an zusätzlich gebrauchter Energieleistung seien gewaltig, allein im Wasserkraftbereich heiße das umgelegt auf Tirol jährlich ein halbes zusätzliches GKI (Gemeinschaftskraftwerk Inn). Zudem sei das Zeitfenster extrem eng, findet Entstrasser. „Da müssten Türkis und Grün die Genehmigungsverfahren extrem beschleunigen.“ Im Solarbereich bräuchte es eine Verzehnfachung des jetzigen Angebots, beim Wind immer noch eine Verdreifachung – mit der Genehmigung großer Freiflächen für die Gewinnung von Sonnenenergie und sehr viele neue Windparks. Letztere sind für Tirol laut Entstrasser kein Thema.


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