Maler und Zeichner Wilhelm Leibl: Der Wahrheit verpflichtet

Herausgelockt aus dem Herrgottswinkel: Die Albertina stellt mit dem Maler und Zeichner Wilhelm Leibl einen beeindruckenden Realisten ins Rampenlicht.

Wilhelm Leibl: „Man male den Menschen so, wie er ist, da ist die Seele ohnehin dabei.“
© bpk / Bayerische Staatsgemäldes

Von Bernadette Lietzow

Wien –Wer, wie die Verfasserin dieses Beitrags, bis zur Erstbegegnung mit Leibl-Originalen (in der Münchner Neuen Pinakothek) den Künstler in der Schublade Genre- und Landidyllenmalerei abgelegt hatte, bekommt bis Mai in der Albertina die Möglichkeit, seine Meinung zu revidieren. In den drei weitläufigen Räumen der Pfeilerhalle lässt sich das Werk eines Mannes entdecken, der sowohl für sein Leben als auch für seine Kunst höchst eigenständige (Neben-)Wege beschritten hat.

1844 kommt Wilhelm Leibl in Köln zur Welt. Früh entdeckt man sein zeichnerisches Talent, diesbezüglichen Unterricht erhält er schon im Kindesalter. Früh scheint sich auch Leibls Charakter geformt zu haben – sein Streben nach Unabhängigkeit und nach einem aus sich selbst schöpfenden künstlerischen Ausdruck. Mit 29 Jahren wird er sich der Welt entziehen und bis zu seinem frühen Tod 1900 in der Einschicht seines selbstgewählten oberbayerischen Exils daran arbeiten, mit Pinsel oder Kreide der Abbildung einer tieferen Wirklichkeit zu dienen.

Der Weg führte nach Paris

Davor jedoch studiert Leibl im angesagten München der 1860er-Jahre an der Akademie, setzt sich intensiv mit frühbarocker Malerei auseinander und erregt mit ersten Bildern große Aufmerksamkeit. Auf der 1. Internationalen Kunstausstellung 1869 lernt er Gustave Courbet kennen und folgt dessen Einladung nach Paris, wo er prompt für ein im „Pariser Salon“ gezeigtes Werk die Goldmedaille erhält.

Der Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges verhindert einen längeren Aufenthalt in Frankreich, prägend ist diese Zeit durchaus. Vor allem in seinen bürgerlichen Porträts erkennt man Leibl als großen Verehrer, jedoch in keiner Weise als Epigonen Courbets und Manets. Die Werke „Tierarzt Reindl in der Laube“ und „Bildnis der Frau Apotheker Rieder“ legen beredtes Zeugnis darüber ab.

„Gut sehen ist alles!“ ist nicht nur der Titel der Albertina-Schau, sondern Programm Wilhelm Leibls. Immer schon versucht er in seiner Figuren-Darstellung wiederzugeben, was er sieht, und nicht, was „man“ eventuell gerne sehen möchte. In seinen langen Landjahren widmet er sich den Menschen in der Umgebung und erforscht malend eine Art ungeschminkte Einfachheit. Die berühmten „Drei Frauen in der Kirche“ sind leider nur in einer, zugegeben äußerst spannenden, zweifigurigen Studienfassung zu sehen, dafür kann man anhand der Gemälde „Die Dorfpolitiker“ oder „Bauernjägers Einkehr“ faszinierende Belege sehen für Leibls teilnehmenden Realismus, der gepaart ist mit der Meisterschaft, Licht, Schatten und Farbe in Dialog zu setzen.

Ebenso bestechend sind die Zeichnungen des Künstlers, denen breiter Raum gegeben wird. Sie hatte der Künstler, auch wenn sie als Skizzen zu großen Arbeiten gedacht waren, als vollwertige Kunstwerke konzipiert. Mit Bleistift, Rötel und Kohle, durch Verwischen eine weiche Textur erzeugend, zeichnet er Bauernmädchen bei ihren alltäglichen Verrichtungen und experimentiert zunehmend mit den Bedingtheiten von Figur und Raum.

Von Hitler verehrt

Max Liebermann attestierte Leibl Genialität, Lovis Corinth oder Van Gogh zählten zu seinen Bewunderern – und ja, nicht nur diese später vom NS-Staat als „entartet“ verfemten Künstler schätzten sein Werk. Adolf Hitler, in jungen Jahren bekanntermaßen auch vom Berufswunsch Maler beseelt, verehrte ihn sehr. Die Datenbank des Deutschen Historischen Museums zur vielfach aus Raubgut bestehenden Kunstsammlung, u. a. für das von Hitler gewünschte Kunstmuseum in Linz, weist zwölf Leibl-Werke auf, darunter auch ein bezauberndes „Knabenporträt“ aus 1883, das, 2007 restituiert, seinen Weg nun in die Ausstellung fand.

Diese Vereinnahmung, so auch Marianne von Manstein, die Kuratorin der in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich entstandenen Personale, war der Rezeption Wilhelm Leibls nach 1945 nicht gerade dienlich. Nun ist Zeit und Gelegenheit, einen neuen, unverstellten Blick auf einen beeindruckenden Wirklichkeits-Sucher zu werfen.


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