Konsequenzen gefordert: Empörung in Kaisers nach dem Rotwild-Gemetzel

Das Rotwild-Gemetzel im Lechtal zieht heftige Reaktionen nach sich. Es hagelt Protest, die Bevölkerung von Kaisers fordert gar die Abberufung hochrangiger Landesbeamter. Ein Außerferner erinnert an die Bauern.

In diesem Gatter im Bereich der Rotwildfütterung „Holzrinner“ in Kaisers wurden 33 Stück Rotwild geschossen.
© Gemeinde Kaisers

Kaisers – Die Bevölkerung des kleinen Ortes Kaisers im obersten Seitental des Lechtals ist wütend. Das artikulierte sich bei einer Gemeindeversammlung, zu der am Montagabend mehr als ein Drittel der Bevölkerung erschienen ist. Es ging um die schon seit Monaten schwelende Problematik der TBC-Bekämpfung und Abschussquoten.

„33 Stück Rotwild wurden im Rahmen der TBC-Bekämpfung im Wildgatter in Kaisers von erfahrenen Schützen in kürzester Zeit schonend und tierschutzgerecht entnommen“, hatte das Land Tirol am Montag um die Mittagszeit in einer Aussendung mitgeteilt. Die Aktion habe nur einige Minuten gedauert.

Die Bevölkerung ist empört, die Jäger Markus Moosbrugger und Walter Walch (r.) auch.
© Nikolussi

Dem widersprach die aufgebrachte Bevölkerung im Gemeindesaal auf das Heftigste. „Mehr als eine Dreiviertelstunde dauerte diese mehr als fragwürdige Aktion. Das hat mit Weidwerk und Tierschutz überhaupt nichts mehr zu tun“, machte Jäger Markus Moosbrugger vom Nachbarrevier in Steeg seinem Ärger Luft. Er sei wie rund 20 Bewohner von Kaisers bald nach Beendigung „der Schießerei“, wie die Ohrenzeugen die Aktion bezeichnen, am Ort des Schreckens, einem 50 mal 60 Meter großen Gatter, gewesen und habe die „Bescherung“ begutachtet. Jungtiere seien nach 45 Minuten noch am Leben gewesen, behaupten Augenzeugen.

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„Jeder, der dieses Massaker gesehen hat, muss den Zuständigen fachgerechtes Arbeiten absprechen. Behördenvertreter, die derartige Bescheide und Anordnungen erlassen, müssen vom Dienst suspendiert werden. Das sind einfach Grausamkeiten, die nicht mehr toleriert werden können“, meint Vroni Wolf. Sie weiß sich mit ihrer Aussage im Einklang mit Bürgermeister Norbert Lorenz. Der war es denn auch, der seine Mitbürger aufforderte, über eine „Dienstenthebung“ der beiden verantwortlichen Beamten, Landesveterinärdirektor Josef Kössler und Amtstierarzt Johannes Fritz, „abzustimmen“.

Einstimmig wurde das freilich nicht realisierbare Ansinnen dann auch angenommen. Die von Landesverwaltungsgericht angeordnete „alternative Methode“ zur Erzielung der vorgeschriebenen Abschüsse fiel im Lechtal jedenfalls auf keinen guten Boden. Auch die Jägerschaft steht ihr mehr als distanziert gegenüber.

Abschussquoten und TBC

Abschüsse: Das Jagdjahr geht noch bis 31. März, derzeit beträgt die Abschussquote von Rotwild landesweit 89,9 Prozent. 13.862 Stück sollten geschossen werden, bisher waren es 12.443. Unterdurchschnittlich sind die Quoten in den Bezirken Kitzbühel (77,7 %), Landeck (82,4 %), Lienz (82,7 %) und Reutte (86,9 %). In Innsbruck wurden zwei von vier Tieren erlegt.

Infizierte Tiere: Von den 33 getöteten Tieren sind fünf offensichtlich mit TBC infiziert. Zwei davon gelten als hochansteckend und sind so genannte Ausscheider. Das entspricht einer Infektionsrate von 15 Prozent.

Auswirkungen auf die Landwirtschaft: In den vergangenen Jahren mussten in Tirol rund 296 Rinder auf 119 Bauernhöfen aufgrund des vom Rotwild übertragenen TBC-Erregers Mycobacterium caprae getötet werden, 115 davon allein im Außerfern. Drei Höfe sind derzeit gesperrt.

Unterstützung bekamen die Bewohner von Kaisers zum einen von Pfarrer Karlheinz Baumgartner (siehe Brief unten) und von Bischof Hermann Glettler. Der meldete sich telefonisch bei den aufgebrachten Bürgern und forderte einen respektvollen Umgang mit der Schöpfung, mit den Tieren, und verwehrte sich gegen die Vorgangsweise der Behörde.

© Nikolussi

Differenzierter sieht die Angelegenheit Walter Hackl aus Breitenwang. Der frühere Bauernbundobmann des Außerferns macht in einer Mail an die Tiroler Tageszeitung darauf aufmerksam, dass die Hauptbetroffenen die Lechtaler Bauern seien: „Sie haben bei TBC-Ausbruch den wirtschaftlichen Schaden und große psychische Belastungen. Es mussten bereits Rinderbestände gekeult werden. Tatsache ist, dass der Wildbestand in dieser Region zu hoch ist. Wenn die Jäger, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind, den Wildbestand zu reduzieren, sind leider solche drastischen Maßnahmen notwendig. Hier geht es um eine wichtige Gesundheitsmaßnahme für Mensch und Tier.“

Der Tierschutzverein für Tirol sieht vor allem das Tierleid: „Der Anblick der zerfetzten Körper ist gleichermaßen verstörend und beschämend. Anhand dieses traurigen Beispiels fordern wir auch einmal mehr, dass die Ausübung der Jagd nicht länger vom Tierschutzgesetz ausgenommen bleiben darf.“ Außerdem müsse ein ethisch vertretbarer Umgang mit Wildtieren dringend neu definiert werden. (hni, mz, hm)

Die Reaktionen: Es knirscht wieder im Gebälk

Die Macht der Bilder von den behördlich angeordneten Gatterabschüssen zeigte Wirkung: „Die Methoden, die am Sonntag angewendet wurden, sind nicht mehr zeitgemäß und abzulehnen“, sagte gestern Agrarreferent LHStv. Josef Geisler (ÖVP). Zugleich kritisiert er die Skandalisierungsversuche des Jägerverbands. „Der Schuss könnte nach hinten losgehen. Der Verband sollte nämlich auf seine Mitglieder einwirken, die Abschuss­quoten einzuhalten.“ Die vorliegenden Zahlen würden nämlich bestätigen, dass die Regulierung des Rotwildbestandes und die konsequente Bekämpfung von TBC beim Rotwild absolut notwendig seien.

Fünf der entnommenen Tiere vom Sonntag waren mit TBC infiziert. Im Lechtal wurden im heurigen Jagdjahr – es geht vom 1. April 2019 bis 31. März 2020 – bisher 14 Stück Rotwild positiv auf TBC getestet, zehn davon stammten aus Kaisers. Die Abschussquote beträgt ohne die jetzt 33 erlegten Tiere 73,4 Prozent. Geisler spricht von groben Versäumnissen in Kaisers, dafür trage auch Bürgermeister Norbert Lorenz eine Mitverantwortung.

Mit Kaisers bricht außerdem der Konflikt zwischen Land und Jägern wieder auf. „Es ist augenscheinlich, dass in den kleinen privaten Jagden die Abschussquoten deutlich besser eingehalten werden als in großen Jagdgebieten. In letzteren wird auch zu viel gefüttert“, will Geisler mit dem Jagdreferat ein besonderes Augenmerk auf die flächenmäßig großen Jagdreviere legen.

Unversöhnlich zeigt sich Landesjägermeister Anton Larcher nach einem Lokalaugenschein in Kaisers. Landesveterinär Kössler ist für den Jägerverband kein Partner mehr. Larcher: „Wir fordern die Landesregierung auf, die beteiligten Beamten künftig nicht mehr mit jagdlichen Themen zu betrauen und lehnen auch eine Zusammenarbeit mit diesen Personen ab. Die Vertrauensbasis ist schwer in Mitleidenschaft gezogen. Jeder, der hier dabei war bzw. gar eine aktive Rolle gespielt hat, kann in jagdlichen Themen nicht mehr als Sachverständiger ernst genommen werden.“

Für Geisler überschätzt der Landesjägermeister seine Funktion. „Bei TBC gibt es nichts zu spaßen, da braucht es unsere Veterinärmediziner.“ Das Land lasse sich vom Jägerverband sicher keine Vorschreibungen machen. (pn)

Stellungnahme des Pfarrers: Mitleid mit der hingemetzelten Kreatur

Dem Urteil des Landesverwaltungsgerichts folgend wurde die Vorgangsweise „Abschuss im Wildgatter“ durchgeführt.

Mit gutem Futter wurden die ausgehungerten Tiere in ihr Gefängnis gelockt. Auf einer 50 x 60 Meter großen Fläche wurden 33 Wildtiere bar aller weidmännischen Kunst vermutlich von nur einem willfährigen Schützen abgeknallt: ein dreiviertelstündiges grausames Massaker!

So hätte das wirklich nicht kommen müssen: Der Bürgermeister von Kaisers hatte mehrere alternative Vorgangsweisen vorgeschlagen, die sowohl von verantwortungsbewussten Veterinären als auch von Jagdsachverständigen für durchführbar befunden wurden. Die Tiroler Tageszeitung hat darüber ausführlich berichtet.

In all den 43 Jahren meiner Wirksamkeit, auch in Kaisers, war ich persönlich nie so niedergeschmettert wie jetzt angesichts der Bilder und Videos, die von dieser Tötungsaktion gemacht wurden.

Immer hatte ich großen Respekt vor den klugen Kaiserern. Jetzt aber, wo ich erleben darf, wie alle Familien zusammenstehen, ihren Bürgermeister für sein nimmermüdes Nachdenken über bessere Vorgangsweisen unterstützen, und vor allem, wo ich als Christ das tiefe Mitleid mit der hingemetzelten Kreatur mitempfinden darf, bin ich Gott dankbar dafür, dass er mich an diesen Ort geschickt hat.

Karlheinz Baumgartner, Pfarrer von Kaisers


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