Fliegenfischer schwimmt gegen den Strom: „Ich brauche keinen Besatz“

Martin Schoissengeier schwimmt gegen den Strom. Denn der Fliegenfischer hält nichts davon, Flüsse mit fremden Fischen zu füllen. Er pocht auf die Rückkehr zum Natürlichen.

Martin Schoissengeier betreut mit viel Herz die Fischer-Reviere in Hinterriß und Steinberg (Bilder unten).
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Von Eva-Maria Fankhauser

Hinterriß, Steinberg am Rofan, Wörgl – Kristallklar glitzert das Wasser im Rissbach am Ahornboden. Ein Stück unberührte Natur in Hinterriß. Ein Ort, an dem sich der Wörgler Martin Schoissengeier wohl fühlt. Er ist angekommen. Denn der 43-Jährige hat viel erlebt, verschiedene Jobs ausgeübt, war hier und dort unterwegs. Bis er zurück in der Heimat seine Leidenschaft für das Element Wasser und dessen schuppige Bewohner entdeckte. Sein Herz schlägt für das Ursprüngliche, das Natürliche. Und für die Fische.

So mancher würde wohl sagen, dass Schoissengeier gegen den Strom schwimmt. Doch genau das ist es, was den gebürtigen Wörgler ausmacht. „Fliegenfischen mit Herz“ heißt sein Unternehmen. Mittlerweile betreut er die Reviere in Steinberg am Rofan und am Rissbach in Hinterriß. „Ich gehe mit dem Herz in die Natur und so gehe ich auch mit den Fischen um“, sagt Schoissengeier im TT-Gespräch. Fische aus fernen Ländern oder anderen Flüssen zu importieren, um wieder mehr Besatz in den Flüssen zu haben, ist für ihn ein Unding. „Wenn man die Mütter schont, wird man immer Babys haben.“

Hinterriß.
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Für ihn ist das Fliegenfischen die schonendste Art, denn so könne man einen Fang wieder ins Wasser entlassen. Denn wenn man in einem Fluss sämtliche Muttertiere aus dem Wasser angelt, greife man massiv in die natürliche Population ein. „Es braucht hier eine Änderung. Es macht mein Herz traurig, wenn ich sehe, wie mancherorts alles leer gefischt wird und man dann mit Besatzfischen auch noch die Genetik der dort heimischen Tiere verändert“, sagt Schoissengeier. Daraus ergebe sich auch, dass sich die Fische schwertun, sich den jeweiligen Gewässern anzupassen. Zu überleben.

Für den Fliegenfischer ist das Entnahmefenster der springende Punkt. „Die Bachforelle hat ein Schonmaß von 25 cm, d. h. bis zu dieser Größe ist sie geschützt. Wenn man sie aber nur von 25 bis 30 cm freigeben würde, wären die großen Mütter auch geschützt. Diese können dann wieder Jungfische aufbauen“, erklärt Schoissengeier. Aber die Gier nach großen Fischen sei ein Problem. Viele würden fischen, wie sie es immer getan haben, ohne dies zu hinterfragen.

Schoissengeier ist stolz auf seine Reviere, denn er habe dort eine gesunde Balance geschaffen. „Die natürliche Selektion funktioniert sehr gut. Ich brauche keinen Besatz“, sagt der Fischer. Seit etwa zehn Jahren betreut er die beiden Reviere und genießt die Wildheit und Ruhe der Natur dort in vollen Zügen. Auf die Frage, was für ihn ein schöner Moment beim Fischen ist, antwortet er ohne zu zögern: „Eine schöne Mutter wieder schwimmen zu lassen. Zu wissen, dass sie sich bisher gegen alle Probleme des Gewässers durchgesetzt hat und Babys macht.“

Traurig macht es ihn hingegen, wenn er sehe, wie manche Menschen mit der Natur umgehen, Naturschutz missachten oder unzufrieden auf einen kleinen Fang reagieren. „Es schockiert mich, wie manche mit der Kreatur Fisch umgehen“, sagt er. Daher ist ihm wichtig, dass er sein Wissen und seine Erfahrung weitergeben kann. Das tut er u. a. bei Vorträgen mit den Österreichischen Bundesforsten für die Technische Uni München zum Thema nachhaltiges Ressourcenmanagement oder beim Junior-Ranger-Programm des Naturparks Karwendel. Zudem bezieht er seine gebundenen Fliegen von einer Fraueninitiative namens „Lady Fly Tiers“ aus Kenia. „Mit diesen widerhakenlosen Fliegenmustern kann ich die Fische unbeschadet wieder ins Wasser lassen und unterstütze gleichzeitig ein Selbsthilfeprojekt junger Frauen in Kenia“, sagt er.

Steinberg.
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Eigentlich ist Schoissengeier komplett gegen Besatz. Seine Reviere sollen natürlich bleiben. Unverbaut. Ursprünglich. Doch für ein Projekt des Landes Tirols und der Uni Innsbruck hat er einen Prozent seines Reviers in Steinberg am Rofan für den Besatz der so genannten Tiroler Urforelle bereitgestellt. Er ist gespannt auf die wissenschaftlichen Ergebnisse. Doch er bleibt dabei: „Mir ist wichtig, dass die Leute wissen, dass ich anders arbeite und meine Reviere weiterhin ohne Besatz führe.“ Er will zum Nachdenken anregen. Für ihn ist der natürliche Weg der richtige. Und seine Reviere zeigen: Es funktioniert.


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