Kinder- und Jugendanwaltschaft: „Da sein, zuhören, einschreiten“

Egal welche Sorgen sie plagen: Kindern, die außerhalb der Familie aufwachsen, stellt die Kinder- und Jugendanwaltschaft eine Ansprechperson. Das Angebot findet Anklang.

804 Beratungsgespräche führte Ulrike Kalkschmid, die externe Vertrauensperson der Kinder- und Jugendanwaltschaft, im vergangenen Jahr in 28 Einrichtungen in ganz Tirol durch.
© Keystone

Von Benedikt Mair

Innsbruck –Bei Ängsten, Krisen, Problemen jeder Natur ist Ulrike Kalkschmid für Burschen und Mädchen, die nicht zu Hause bei ihren Familien aufwachsen – sprich fremduntergebracht sind – eine wichtige Gesprächspartnerin. „Ich habe immer ein offenes Ohr.“ Kalkschmid ist eine so genannte externe Vertrauensperson, die von der Tiroler Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) als zusätzliche Beratungsinstanz zur Verfügung gestellt wird. Im Jahr 2011 als Pilotprojekt gestartet, hat sich das Angebot inzwischen etabliert und bewährt, wie auch eine von der Kija in Auftrag gegebene Erhebung zeigt.

Die Idee, eine externe Vertrauensperson zu installieren, ist vor rund zehn Jahren entstanden, blickt Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser zurück. Damals seien Berichte ehemaliger Heimkinder aufgetaucht, die missbraucht und ausgebeutet wurden. „Viele von ihnen gaben an, dass sie sich in ihrer Situation hilflos und völlig ausgeliefert gefühlt hätten.“ Auch weil sie sich keinem neutralen Außenstehenden öffnen konnten. Naheliegend sei deshalb gewesen, zusätzlich zum eigentlichen Betreuungsstab einen unabhängigen Ansprechpartner anzubieten, der leicht zu erreichen ist. „Da sein, zuhören und wenn nötig einschreiten“, ist laut Harasser die Devise. „Im Elisabethinum Axams haben wir mit Sprechstunden begonnen“, nach und nach seien mehr Unterbringungsstätten dazugekommen. Seit dem Jahr 2015 gibt es regelmäßige Termine im Vier-Wochen-Takt.

Fast drei Jahre schon ist Ulrike Kalkschmid diese Ombudsfrau. „Aktuell besuche ich landesweit 28 Einrichtungen mit insgesamt 53 Wohngemeinschaften. 780 Kinder und Jugendliche leben dort“, sagt sie. Gruppen in Osttirol oder Krisen-WGs sucht sie zweimal jährlich auf. „Im vergangenen Jahr habe ich 804 Beratungen durchgeführt. Dabei soll präventiv Übergriffen vorgebeugt, aber auch bestehende Probleme gelöst werden.“ Oft würden dabei allgemeine Fragen und Alltagssorgen diskutiert, berichtet Kalkschmid. „Aber auch die Gesundheit oder Verselbstständigung werden angesprochen. Da die Kinder und Jugendlichen nicht zu Hause aufwachsen, sind auch Elternbesuche oder die Herkunftsfamilien Thema. Viele haben etwa Bedenken, sich in der neuen Umgebung wohl zu fühlen, weil das ja Verrat an der eigenen Familie sein könnte“, weiß sie aus der Praxis. Oberstes Gebot seien Vertrauen und, sofern erwünscht, niederschwellige Hilfe.

Skeptisch waren zu Beginn die Vertreter der von der Kija-Ombudsperson besuchten Einrichtungen. Auch Jugendland-Geschäftsführer Reinhard Halder erinnert sich daran. „Warum soll da jemand kommen, mit dem man besser reden kann als mit mir?“, hätten sich Mitarbeiter beispielsweise gedacht. Das anfängliche Misstrauen sei inzwischen in überwiegende Akzeptanz umgeschlagen. Neben der Tatsache, dass den Kindern die Gespräche guttäten, haben die Betreuer, laut Halder, gemerkt, „dass auch sie zusätzlich jemanden haben, mit dem sie sich unterhalten können“. Die externe Vertrauensperson liefere einen kritischen Blick auf die Einrichtung, der zwar nicht immer angenehm, aber für die Qualitätssicherung gut sei.

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Einen detaillierten Blick auf die externe Vertrauensperson geworfen hat das Zentrum für Soziale Arbeit und Soziale Dienstleistungen (ZeSa). Im Auftrag der Kinder- und Jugendanwaltschaft wurde untersucht, wie die Ombudsfrau in den Wohngruppen aufgenommen wird. „107 Fragebögen wurden ausgefüllt“, berichtet ZeSa-Expertin Theresa Luxner. Fazit: „Es lässt sich sagen, dass das Angebot sehr bekannt ist.“ Über drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie Ulrike Kalkschmid kennen würden. Auch die Qualität der Gespräche sei überwiegend positiv bewertet und die Arbeit Kalkschmids als „äußerst wertvoll“ angesehen worden.

Momentan sei es eine „logistische Meisterleistung“, was die Kija-Ombudsfrau, die 30 Stunden die Woche angestellt ist, mache, sagt Elisabeth Harasser. „Um den gegebenen Bedarf wirklich ideal zu decken, bräuchte es eine weitere Planstelle. Dass diese in näherer Zukunft genehmigt wird, bezweifle ich aber stark.“


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