Unheimliche Allianzen: „Krieg kuratieren“ in Innsbruck

Besser spät als nie: Mit „Krieg kuratieren“ bringt Kunstraum-Leiterin Ivana Marjanovic eine politisch brisante Ausstellung aus ihrer Wien-Woche 2018 jetzt nach Innsbruck.

Fünf Zöpfe, fünf Kriegsgeschichten: Songül Sönmez’ „Forensic Body“, zurzeit im Kunstraum Innsbruck.
© Daniel Jarosch

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Ich bin das ermordete Mädchen Cemile Çagirga. Ich wurde im Garten meines Hauses von Scharfschützen erschossen.“ In dramatischer Nüchternheit erzählt Songül Sönmez’ Arbeit „Forensic Body“ die Geschichten getöteter kurdischer Frauen in der Türkei. Schonungslos ehrlich, wie sie während der Ausgangssperre 2015 nicht erzählt werden konnten. Präsident Erdogans Offensive gegen die PKK ließ es nicht zu. Die Familie von Cemile durfte ihr Mädchen anfangs nicht begraben, sie wurde drei Tage lang im Tiefkühlschrank aufbewahrt, so die Audio-Installation weiter. Opfer werden hier zu Erzählerinnen kriegsverbrecherischer Verhältnisse, die nur in entschärftem Maße Einzug in internationale Medien hielten.

Zu hören sind fünf Schicksale. Sönmez’ Werk ist aktuell Teil der Schau „Krieg kuratieren“ von Kuratorin Ezgi Erol. Entwickelt wurde die Ausstellung für die Wien-Woche 2018, die Ivana Marjanovic, seit Ende 2019 Leiterin des Kunstraums Innsbruck, inhaltlich verantwortete. Heute Abend eröffnet sie die Schau – minimal adaptiert – nochmals in Innsbruck, auch um damit ihrem Anspruch gerecht zu werden, den Kunstraum zum Diskussionsforum für gesellschaftsrelevante, politische Inhalte zu machen.

Neun künstlerische Positionen werden für „Krieg kuratieren“ versammelt, zwei unterschiedliche Aspekte der Verbindung von Krieg und Kunst herausgearbeitet. Künstlerinnen wie Sönmez oder Fatos Irwen verhandeln (Nicht-)Aufarbeitung von Kriegserfahrungen. Die Kurdin Irwen ist seit zwei Jahren in türkischer Haft. In ihrem Video „Siryan“ (deutsch: „Die Vögel“) von 2016 bestickt sie noch ihre Handfläche mit einem dünnen Faden. Gewalt, Vulnerabilität, aber auch ihr Kampf um Selbstbestimmung schreibt sich wortwörtlich in ihren Körper ein.

Marjanovic’ Ausstellung klagt als zweiten Aspekt an anderen Stellen auch direkter an: Alice Creischer und Andreas Siekmann übersetzen die Bildsprache von Otto Neuraths Infografiken aus den 1930ern in die Gegenwart. „Atlas“ setzt schon 2003 Liefermengen deutscher Rüstungsunternehmen und Opfer von Landminen in Konfliktregionen in einer ansprechenden Infografik in leidvolle Beziehung.

Und die Schau geht noch weiter: Profitiert etwa auch die Kunst vom Krieg? Unheimliche Allianzen werden zumindest bei Ana Hoffner aufgedeckt: Die Künstlerin, 2010 Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen, recherchierte für „Private View – Silent Weapon“ von 2018 zum Verhältnis des Unternehmens Thyssen und der Kunstsammlung TBA21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary), gegründet von Francesca Habsburg. Hochglanz-Bilder vom exklusiven Domizil der Kunstsammlerin erscheinen neben einem U-Boot-Modell – ein klarer Verweis auf die Zusammenarbeit von Thyssen und Krupp, die Kriegsgebiete mit U-Booten beliefern. Passend dazu fügt Hoffner Habsburgs schwimmende Öko-Initiative TBA21-Academy bei: Zur Rettung der Ozeane lädt Habsburg Künstler und Wissenschafter – nein, nicht in ein U-Boot, aber auf ihre Yacht.

Einen enormen Rechercheaufwand betreibt auch eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart: Hito Steyerl ist in der Innsbrucker Schau mit der Video Lecture Performance „Is the Museum a Battlefield?“ (2013) vertreten, in der sie unter vielen anderen Beispielen auch den Hauptsponsor der Istanbul Biennal, für die die Arbeit entstand, als Profiteur der Waffenindustrie entlarvt.

Arbeiten wie diese zeigen, „Krieg kuratieren“ ist politisch brisant – und wird besser spät als nie in Innsbruck gezeigt. Jüngste Entwicklungen sollten aber in diskursiven Formaten mitgedacht werden. Künstlerisches Engagement war auch Auslöser dafür, dass sich heute Museen und Kunstinitiativen von „belasteten Sponsoren“ bewusst freimachen. Starfotografin Nan Goldin protestierte etwa erfolgreich gegen Opioid-Hersteller und Kunstförderer Sackler. Inwiefern sich eine boomende Kunstszene konfrontiert mit sinkenden öffentlichen Fördermitteln aber überhaupt von „Blutgeld“ freimachen kann, steht noch zur Diskussion.


Kommentieren


Schlagworte