Die verschwundenen Spuren des „Hauses der Weisheit“

Die arabischen Fundamente der westlichen Wissenschaften. Es gab eine islamische Aufklärung.

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Von Helmut Reinalter

Im 9. Jahrhundert gründete der Kalif von Bagdad das legendäre „Haus der Weisheit“, das sich zu einem Weltzentrum der Gelehrsamkeit entwickelte. Hier wurden die großen Werke der Antike vor dem Vergessen bewahrt und grundlegende Erkenntnisse aus verschiedensten Wissensgebieten, wie aus der Astronomie, Mathematik, Medizin, Zoologie und Philosophie gewonnen. Die arabischen Wissenschaften machten grundlegende Entdeckungen und Forschungen, die auch für die abendländische Kultur von großer Bedeutung waren. Ohne diese Entwicklungen in den arabischen Wissenschaften sowie ihre grundlegenden Entdeckungen und ihre Gelehrsamkeit würde unsere westliche Kultur so, wie sie sich heute darstellt, nicht existieren. Über 700 Jahre war Arabisch auch die Sprache der Wissenschaften.

Haus der Weisheit

Vom Haus der Weisheit sind heute leider nur wenige Spuren geblieben. Wir wissen daher nicht genau, wie das Leben in diesem Haus genauer gestaltet war und wie viele Gelehrte dort gearbeitet haben. Mit Sicherheit wissen wir aber darüber Bescheid, dass der Kalif von Bagdad al-Ma’mun das Haus während seiner Regierungszeit eingerichtet hat und sich die bereits vorher bestehende Bibliothek des Palastes zu einem wirklichen Haus der Weisheit weiterentwickelt hat.

Besonders bedeutsam war die vom Kalifen übernommene Überzeugung des Mu’tazilismus, einer rationalistischen Philosophie, die im Gegensatz zur wortwörtlichen Interpretation des Korans stand. Sicher ist weiters auch, dass in diesem Haus der Gelehrsamkeit außergewöhnliche wissenschaftliche Entdeckungen gemacht wurden. Dort wurden wissenschaftliche Ideen mit großer Tragweite entwickelt, wie das Fachgebiet der Algebra.

Unumstritten ist auch die ältere Akademie von Alexandria, die größere Dimensionen als eine Bibliothek aufwies. Sie sammelte unter ihrem Dach nicht nur einen Großteil des Wissens aus der ganzen Welt, sondern war auch ein Magnet, der viele Denker und Gelehrte anzog.

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Ähnliches gilt auch für das Haus der Weisheit, das zum Ausgangspunkt für alle späteren Errungenschaften der arabischen Wissenschaften wurde. Der Kalif von Bagdad gab sich allerdings nicht damit zufrieden, den Sitz der Weisheit in Bagdad einzurichten und mit großem Engagement und Aufwand die wichtigen wissenschaftlichen Texte der Welt zu sammeln, sondern er erteilte auch den Auftrag, die ersten Sternwarten der islamischen Welt zu bauen.

Helmut Reinalter.
© Robert Parigger

Das Wichtigste, was er der Wissenschaft hinterließ, war vor allem das Prinzip „Großforschung“, die er auch entsprechend finanzierte. Zu diesen Großprojekten zählten astronomische Beobachtungen, die Zeichnung einer neuen Weltkarte und die Entwicklung neuer Methoden zur Messung des Erdumfangs.

So ergaben sich für die Gelehrten in Bagdad neue Perspektiven zu einer viel weitergefassten Weltanschauung als in den früheren Jahrhunderten. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang als Beispiele die Übersetzungen persischer, indischer und griechischer Texte über Astronomie, die von einem eigenen kosmologischen Modell ihren Ausgang nahmen, von eigenen Messungen und aufgestellten astronomischen Modellen. Zu weiteren Großvorhaben zählten auch die Geographie und Geometrie, in denen sehr rasch neue Methoden entwickelt wurden. So gab der Kalif die Erstellung einer neuen Weltkarte in Auftrag. Ein weiterer Schwerpunkt der Gelehrsamkeit und Großforschung war für al-Ma’mun die Ägyptologie. Während einer Ägyptenreise faszinierten ihn vor allem die Pyramiden bei Kairo, sodass er größten Wert auf die Übersetzung antiker Texte legte und den Wunsch äußerte, die Hieroglyphen auf den Wänden der ägyptischen Gräber zu entziffern.

Die arabischen Gelehrten glaubten nämlich, in diesen Symbolen seien Geheimnisse der Antike verborgen, die mit Astrologie und Alchemie zu tun haben könnten. Gemeint waren hier vor allem jene Alchemisten, die in enger Verbindung mit dem mystischen Sufismus standen. Weitere Schwerpunkte der Großprojekte waren schließlich auch die Medizin, Astrologie, Mathematik und Philosophie.

Die Philosophie

Besonders in der Philosophie dominierte im Haus der Weisheit der „Geist der rationalen Forschung“, wobei diese Richtung zu einem erheblichen Teil auf theologische Überzeugungen und Lehren der Mu’tazila zurückzuführen war, die auch für den Kalifen große Bedeutung hatten. Die Mu’taziliten vertraten eine stark rationale, nicht wörtliche Auslegung der islamischen Theologie. Viele Muslime standen allerdings dieser Richtung und der rationalistisch-wissenschaftlichen Weltanschauung misstrauisch bis feindlich gegenüber. Der wichtigste ethische Grundsatz der Mu’taziliten bestand in der Macht der Vernunft und des menschlichen Geistes.

In ihren Augen war es gerade dieser fortschrittliche Geist, der die Menschen zur wahren Kenntnis Gottes, seiner Eigenschaften und damit auch zu ethischen Grundlagen leitete. Von der konservativen Richtung unterschieden sie sich vor allem durch ihre Überzeugung, dass die neue islamisch-theologische Bewegung durch die Interpretation der Worte des Korans geprägt war. Diese religiöse und philosophische Anschauung korrespondierte auch mit der Weltanschauung des Kalifats, weshalb es für die Gelehrten opportun erschien, sich dieser Bewegung anzupassen.

Ein wichtiger Philosoph dieser Zeit war al-Kindi, ein Experte für griechische Philosophie, den al-Ma’mun in das Haus der Weisheit berief. Er befasste sich mit Fragen zu Gott und zur Schöpfung und sympathisierte mit den Ansichten der Mu’taziliten. Da er auf Grund rein logischer und mathematischer Überlegungen seine Philosophie weiterentwickelte, machte er sich innerhalb des Hauses der Weisheit nicht nur Freunde, sondern auch Rivalen. Seine Stärke lag in der Assimilation, im Verständnis und in den Kommentaren zu den übersetzten Werken der griechischen Philosophen, die ihm vorgelegt wurden. Aus diesem Grund wurde ihm auch das Verdienst zugeschrieben, unter den Gelehrten am meisten dazu beigetragen zu haben, dass die griechische Philosophie in der islamischen Welt bekannt wurde. Al-Kindi war aber mehr als nur ein Philosoph. Neben seinen philosophischen Schriften leistete er auch wichtige Beiträge zur Mathematik, Astronomie, Optik, Medizin, Musik und Kryptographie. Sein Einfluss auf spätere Generationen kennzeichnete ihn als wichtige Gestalt der Wissenschaftsgeschichte.

Zur Person

Dr. Dr. h. c. Helmut Reinalter war Professor für Geschichte der Neuzeit und Politische Philosophie an der Universität Innsbruck und ist heute Leiter des privaten Forschungsinstituts für Ideengeschichte.

Helmut.Reinalter@uibk.ac.at

Von einem seiner Schüler, al-Farabi, wurde al-Kindis Philosophie weitergetragen. Er erweiterte sie und unternahm den Versuch, Offenbarungen und Prophezeiungen aus rein philosophischer Perspektive zu verstehen. Er vertrat auch die Ansicht, dass rationale Überlegungen mächtiger und wichtiger seien als die symbolischen Ausdrucksformen geoffenbarter Wahrheiten in der Religion. Die Philosophie al-Farabis wurde dann später von zwei Denkern der Renaissance wieder aufgenommen, nämlich von Ibn Sina und Ibn Rushd, die im Westen unter ihren lateinischen Namen bekannt waren: Avicenna und Averroës. Averroës trug als Philosoph stark dazu bei, die aristotelische Philosophie in Europa bekannt zu machen. Sein Einfluss wirkte sich auch auf das christliche und jüdische Denken aus.

Sein Zeitgenosse war der spanisch-jüdische Philosoph, Theologe und Astronom Maimonides, der seine Werke auf Arabisch verfasste, die ins Hebräische übersetzt wurden. Sein Hauptanliegen war, Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen. In der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts taten sich dann vor allem bedeutende Physiker, unter ihnen besonders der arabische Universalgelehrte Abu Ali al-Hassan, hervor. Er galt als großer Naturwissenschafter, leistete wichtige Beiträge zur Optik und Astronomie und vertrat die naturwissenschaftliche Methode. Auch seine Werke über Himmelsmechanik waren bedeutsam.

Wenn man nun die erste große Übersetzungsbewegung aus dem Griechischen ins Arabische und die zweiten aus dem Arabischen ins Lateinische mit dem 12. Jahrhundert des christlichen Spanien vergleicht, fallen mehrere Parallelen auf. Die Klassiker der griechischen Wissenschaft wurden mehrmals übersetzt und verfeinert. Ähnliches geschah auch mit arabischen Klassikern. Nach und nach sickerten die arabischen Wissenschaften nach Europa ein, wobei sich diese Entwicklung beschleunigte, nachdem immer mehr andalusische Zentren durch die Reconquista wieder unter christliche Herrschaft kamen. Spanien aber war nicht der einzige Ort der Vermittlung. Dazu kamen auch die zwei bedeutenden Städte Venedig und Palermo. Der wissenschaftliche Aufstieg in der islamischen Welt begann ca. 700, am schnellsten lief dieser Prozess zur Zeit des Hauses der Weisheit, also in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, ab. Der Höhepunkt war um ca. 1000 erreicht, bevor dann der langsame Niedergang einzusetzen begann.

Der langsame Niedergang

Worin lagen die Gründe, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Produktivität in der islamischen Welt zurückgingen? Im Westen wurde vielfach die Auffassung vertreten, dass der Konflikt zwischen dem orthodoxen Islam und der aufklärerisch-rationalistischen Strömung das Ende der fortschrittlichen wissenschaftlichen Entwicklung gewesen sei. Die Kritik gegen die fortschrittliche Richtung wurde vor allem von Vertretern einer konservativen und mystischen Interpretation der islamischen Theologie vorgetragen. Die großartigen Denker im Haus der Weisheit und ihre Nachfolger wurden sogar als Ketzer diffamiert. Die Philosophie der Griechen galt aus Sicht der Orthodoxie als ausgesprochen Islam-feindlich.

Die kontroverse Diskussion wurde letztlich auf einen Konflikt zwischen irrationaler Religion und rationaler Wissenschaft reduziert. Das zweite Argument, mit dem versucht wurde, den Niedergang des wissenschaftlichen Denkens in der islamischen Welt zu erklären, betraf die Zerstörung Bagdads 1258 durch die Mongolen, weil in diesem Jahr die meisten Bücher im Haus der Weisheit in Bagdad vernichtet wurden. Bagdad war allerdings ab Mitte des 13. Jahrhunderts in der arabisch sprechenden Welt nicht das einzige Zentrum der Gelehrsamkeit. Es gab zu dieser Zeit in Nordafrika und Spanien, aber auch in Persien und Zentralasien mehrere wissenschaftliche Zentren.

Insgesamt muss zusammenfassend festgestellt werden, dass vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in der gesamten islamischen Welt beobachtet werden kann, dass die originellen wissenschaftlichen Produktionen rückläufig wurden. Dies führte auch zu einem Rückgang des wissenschaftlichen Fortschritts. Seit der Entstehung des Islam gab es bis zum Ende des abbasidischen Kalifats (750–1258) immer wieder islamische Gelehrte und Gelehrtenschulen, die im Sinne einer innerislamischen Aufklärung Kritik an der Orthodoxie bzw. der dogmatischen, fundamentalistischen Koranexegese betrieben und versucht haben, die Aussagen des Korans aus ihrer Position als wissenschaftlich anerkannte Autoritäten teils zu hinterfragen, zum Teil auch rational zu begründen. Liberale Bewegungen im Islam beziehen sich auch heute auf diese frühe islamische Aufklärung, die die Gleichberechtigung von Glauben und Vernunft betonen und sich damit gegen den politisierten, gewaltsamen fanatisch ideologisierten Islamismus wenden.


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