Transport von Kälbern in den Libanon: Ruf nach Exportverbot

Ein Tiroler Milchkalb fand einen qualvollen Tod im Libanon. Gesundheitsminister Rudolf Anschober will strengere Regeln, der Tiroler LK-Präsident Josef Hechenberger fordert, den Transport in Drittstaaten zu verbieten.

Spanien hat 2018 über 160.000 Rinder zum Zweck der Schlachtung und mehr als 35.000 zum Zweck der Weitermast in Drittstaaten exportiert.
© VgT

Innsbruck –Knapp 27 Millionen Tiere wurden alleine im Jahr 2017 zur Mast oder zur Schlachtung aus dem Ursprungsland Österreich lebend exportiert. Wenn die Tiere Österreich erst einmal verlassen haben, ist nicht immer auszuschließen, dass sie letztlich unter widrigen Umständen in Drittländer weitertransportiert werden, hat der Verein gegen Tierfabriken (VgT) nun auf drastische Weise dokumentiert: Der VgT verfolgte den Weg dreier Kälber aus Tirol, Oberösterreich bzw. Vorarlberg im Alter zwischen zwei und vier Wochen auf ihrem 21-stündigen Transport nach Spanien, wo die Mästung begann.

Ohne geeignete Tränksysteme, wie dabei gezeigt wurde. Von dort ging es in den Libanon, wo sie geschlachtet wurden. Unter unvorstellbaren Bedingungen, bis hin zur Tötung bei vollem Bewusstsein. Damit die Tiere nicht davonlaufen, wurden ihnen Beinsehnen durchtrennt und in die Augen gestochen, erklärten Tierschützer von Animals International.

„Kein Bauer will, dass Tiere, die im eigenen Betrieb auf die Welt kommen, so enden“, kommentiert der Tiroler Landwirtschaftskammerpräsident und ÖVP-Nationalrat Josef Hechenberger die Bilder. Hechenberger fordert ein Verbot des Transports von Lebendschlachtrindern in Drittstaaten und im Gegenzug ein Importverbot von Ländern außerhalb der EU. Zudem fordert er erneut eine Herkunftskennzeichnung von Fleisch auch bei verarbeiteten Produkten.

📽 Video | Hautnah: Tiertransporte von Österreich in den Libanon

Dass Tirol jährlich rund 19.000 männliche Kälber in den Süden exportiert, liegt laut Hechenberger an der großen Menge importierten Kalbfleischs von rund 70 Prozen des gesamten Konsums. „Das importierte Fleisch kommt sehr billig auf den österreichischen Markt und viele kaufen über den Preis ein“, sagt Hechenberger. Die heimischen Bauern seien deshalb nicht in der Lage, die in Tirol unter höheren Standards gemästeten Kälber zu verkaufen.

Die Tierschützer verorten das Problem hingegen bei der „überbordenden Milchwirtschaft mit hochgezüchteten Milchkuhrassen“. Die männlichen Kälber sind laut dem VgT davon „ein Abfallprodukt“. Der Verein beklagt ein Wegschauen von Behörden und Politik. Denn derartige Ferntransporte sind laut einem Höchstgerichtsurteil „illegal“.

Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger hingegen sehe "kein Problem im System" und habe Vorhaltungen an die Milchproduzenten gegenüber dem ORF zurückgewiesen.

Pilotprojekt in Salzburg: Versuch, Tiertransporte einzudämmen

Im Bundesland Salzburg wird aktuell ein Versuch unternommen, die Tiertransporte einzudämmen. Die Salzburger LK garantiert Bauern im Zuge eines Pilotprojekts einen kostendeckenden Preis für ihr Fleisch, wenn sie die Kälber in der Region aufziehen. „Die Intention war, dass wir gesehen haben, dass es Probleme bei Tiertransporten gibt. Wir wollen es schaffen, mit unserem Fleisch am heimischen Markt unterzukommen“, sagt der Salzburger LK-Präsident Rupert Quehenberger.

„Zutiefst erschüttert“ von den Bildern zeigte sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) auf TT-Anfrage. Er werde noch vor Ostern einen runden Tisch mit Tierschutzorganisationen, AmtstierärztInnen und ExpertInnen aus Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium ansetzen, um Verbesserungen auf nationaler Ebene zu definieren und notwendige Änderungen auf EU-Ebene außer Streit zu stellen. Tiertransportstandards und das Kontrollsystem müssten weiterentwickelt werden.

Auch Köstinger für EU-weites Exportverbot in Drittstaaten

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) wünscht sich ein EU-weites Exportverbot von Schlachtvieh in Drittstaaten. Angesichts der Diskussion um Tiertransporte sagte die Ressortchefin: „Unsere Bauern haben nichts falsch gemacht." Sie hätten sich vielmehr „an unsere strengen Regeln gehalten, Österreich hat deutlich strengere Vorschriften für Schlachttiertransporte als viele EU-Staaten".

„Wir brauchen diese strengen Regeln für alle EU-Staaten, angelehnt an den strengen Bestimmungen, die es in Österreich gibt. Eine Vereinheitlichung ist notwendig", forderte Köstinger. Im konkreten, von Tierschützern aufgedeckten Fall wurden Tiere von Österreich nach Spanien verkauft, dort gemästet und anschließend in einem qualvollen wochenlangen Transport in den Libanon verbracht. (ecke, TT.cm)

Zahlen und Fakten

  • 14.923 Tiertransporte hat es im Jahr 2017 mit dem Ursprungsland Österreich gegeben. Davon waren knapp 27 Millionen Tiere betroffen, wie die Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" am Mittwoch basierend auf einer parlamentarischen Anfrage der "Liste JETZT" mitteilte. Die NGO kritisierte vor allem, dass nicht immer auszuschließen ist, dass Tiere letztlich in Drittstaaten landen.
  • Die ZDF-Doku "Tiertransport grenzenlos" des deutschen Autors und Filmemachers Manfred Karremann berichtete unter anderem über schwere Missstände bei Rindertransporten, wobei auch österreichische Tiere betroffen sind. Denn auch Österreich exportiert Zuchtrinder in Drittländer.
  • Von 2008 bis 2018 waren es demnach insgesamt 1.014.721 heimische Tiere, die ins Ausland transportiert wurden. 221.464 davon gingen in Drittstaaten. Die häufigsten Exportländer sind die Türkei (117.151 Tiere), Algerien (38.133), Russland (15.356), Usbekistan (12.675) und Aserbaidschan (9301).
  • In den Jahren 2008 bis 2018 sind den Tierschützern zufolge insgesamt 199.891 Kälber aus Österreich exportiert worden, 1202 davon in Drittstaaten und 198.689 innerhalb der EU.
  • Gerade bei Kälbern ist bekannt, dass immer wieder Transporte von Österreich nach Spanien gehen. Auffällig ist jedoch, dass Spanien gerade in den vergangenen Jahren seine Rolle als Exporteur von Lebendvieh in Drittstaaten stark ausgebaut hat.
  • Von 2016 auf 2017 alleine stiegen die Lebendtiertransporte in Drittländer um knapp 78 Prozent auf fast 120.000 Tiere. Die Hauptdestination ist Libyen, gefolgt vom Libanon, der Türkei und Algerien.
  • Laut EU-Verordnung dürfen Rinder insgesamt 29 Stunden transportiert werden, wobei eine Stunde Pause eingehalten werden muss. Bei Schweinen beträgt die zulässige Transportdauer 24 Stunden. Nach einer Pause von 24 Stunden darf die Maximaldauer aber beliebig oft wiederholt werden. Auch nicht-entwöhnte, also noch säugende Jungtiere dürfen transportiert werden.

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