Leben, sprachlos und schmerzfrei: Der neue Roman von Fritsch

Man spiele „Heile Familie“, heißt eine übliche Redewendung, mit der die Diskrepanz zwischen Sein und Schein des familiären Zusammenlebens gerne beschrieben wird. Alma hat dagegen das Gefühl, ihren Eltern ständig beim Vorspielen zusehen zu müssen. Mal geben sie „Mutter und Vater“, mal „das liebende Ehepaar“ - meist in stummen Rollen. Alma ist die Protagonistin des neuen Romans von Valerie Fritsch.

Der Stern der 1989 geborenen Grazer Autorin und Fotografin ging 2015 auf. Ihr zweiter Roman „Winters Garten“ erwies sich als wild wucherndes Sprachkunstwerk zwischen Paradies und Apokalypse und kam auf die Longlist für den deutschen Buchpreis, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gewann sie den Kelag-Preis, den Publikumspreis und das Klagenfurter Stadtschreiberstipendium. In „Herzklappen von Johnson & Johnson“ bestätigt Fritsch ihren Ruf als behutsame Formuliererin abseits des Erwartbaren. Dabei muss sie ausgerechnet für die Abwesenheit von zwei unser Leben normalerweise stark mitbestimmenden Dingen die richtigen Worte finden: Sprache und Schmerz. In Almas Familie wird viel geschwiegen. Und ihr Sohn kommt mit einem Gen-Defekt auf die Welt, der sein Schmerzempfinden ausschaltet.

Alma also. Die Distanz zu ihrer Umgebung ist von Anfang an spürbar. Sie empfindet sich nicht als Teil eines Ganzen, und die Fragmente, die sie um sich herum wahrnimmt, als nicht ganz zueinanderpassend. Je älter sie wird, desto mehr nimmt sie nicht nur die Leerstellen wahr, sondern auch die Dramaturgie in diesem familiären „Lehrstück ohne Pause, die einen erlöste, ohne Vorhang, der je fiel“. Das Trauma, das weitergegeben wird, heißt Kriegserfahrung. Der Großvater, nur mehr als düsterer, ephemerer Schatten präsent, war an der Ostfront, in Stalingrad und wohl auch an Kriegsverbrechen beteiligt. Das Schweigen darüber ist das Schweigen einer ganzen Generation. Zur Großmutter findet Alma erst als junge Frau einen echten Zugang. „Manche Kinderfrage und manche Erwachsenenfrage fand eine Antwort. Es reichte für eine späte Liebe.“

Trotz der ganz und gar nicht herkömmlichen Sprache erzählt Fritsch diese Familiengeschichte zunächst im Grunde traditionell und chronologisch. Alma lernt Friedrich kennen. „Als sie sich trafen, war sie gerade noch jung, während er bereits alt wurde, ohne es bemerkt zu haben.“ Der Fotograf ist meist auf Reportagereise, die Tage der Zweisamkeit werden als schmerzhaftes Aneinanderklammern beschrieben, bei dem sich Lust mit Verlustangst paart. Friedrich betreut seine alte Mutter, die in Richtung Demenz abdriftet, „ein stillgelegter, leerer Mensch, eine Vakuumkranke, der ihre Krankheit die Biographie herausgefressen hatte“. Nach ihrem Tod zieht Friedrich bei Alma ein.

Ziemlich genau in der Mitte des Buches wird ihr Sohn geboren. „Als Emil zur Welt kam, war es nicht das Glück, das sie sich erhofft hatten.“ Nicht nur das ausbleibende Mutterglück irritiert Alma und ihre Umgebung. Allmählich stellt sich heraus: „Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz. (...) Es war, als litte er an einer Körpersprachlosigkeit, die zu den schlimmen Dingen schwieg.“ Der Charakter des Buches ändert sich. Zu dem leichten Gruseln, das über der ganzen Geschichte liegt, kommt auch ein Schuss Humor. Emil gewinnt alle Mutproben und gilt unter Gleichaltrigen als Superman. Doch mit neun Jahren hat er „einen Veteranenkörper, übersät mit Schrammen und Vernarbungen, und eine Krankenakte dick wie ein Telefonbuch“. An den Wänden des Kinderzimmers hängen Röntgenbilder statt Poster. Und die Eltern stehen vor einer echten Herausforderung: Wie beschreibt man Schmerz so, dass der Sohn vorsichtiger wird?

Für das letzte Drittel des Buches funktionieren die Emils Knochenbrüche zusammenhaltenden Titanschrauben und die metallene Herzklappen des Großvaters als Scharniere, an denen ein neues Kapitel aufgeschlagen wird, das in die Vergangenheit zurückführt: Nach dem Tod des Großvaters und dem kurz darauf erfolgten Selbstmord der Großmutter beschließt Alma, dass „das Schweigegebot für die Nachkommen erloschen war“. Sie bricht mit ihrem Mann, der einen Reportageauftrag an Land zieht, und ihrem Sohn in den Osten auf, um den Ort der Kriegsgefangenschaft ihres Großvaters in Kasachstan zu besuchen. Doch die Reise wirkt wie ein Anhang zu dem Vorangegangenen. Am Ende ist nicht nur der Leser unbefriedigt, sondern auch die Protagonistin enttäuscht: Nichts weist auf das einstige Lager hin - „kein Zeichen, kein erlösendes Gefühl, kein Ende der Geschichte“. Die Herzklappen arbeiten zwar weiter. Aber das Herzklopfen will sich nicht mehr einstellen.

(S E R V I C E - Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhrkamp, 176 Seiten, 22,70 Euro; Lesungen u.a. am 5.3. im Literaturhaus Salzburg und am 9.3. im Literaturhaus Graz)


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