70. Berlinale startet mit Eröffnungsgala

Ab Donnerstagabend regiert in Berlin wieder der Film. Die Berlinale startet mit der von Samuel Finzi moderierten Eröffnungsgala und Philippe Falardeaus „My Salinger Year“ in ihre 70. Ausgabe. Dabei verantworten die heuer bis zum 1. März laufenden Festspiele erstmals das neue Leitungsduo bestehend aus Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. 340 Filmwerke stehen auf dem Programm.

18 Beiträge stehen im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Aus Österreich ist hierbei zwar kein Werk vertreten, dafür hat Sandra Wollner in der neuen Wettbewerbsschiene „Encounters“ mit ihrem Sci-Fi-Film „The Trouble With Being Born“ Chancen auf eine Trophäe. Außerdem sind zahlreiche weitere heimische Produktionen in Berlin vertreten - darunter auch die neue ORF/Netflix-Serie „Freud“ über den jungen Psychoanalytiker.

Das neue Führungsduo der Berlinale hält nichts von Kategorien. In Vorgesprächen betonten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, der einzige Maßstab, ob ein Film für die Festspiele ausgewählt werde, sei, wie stark er ist.

Die Filme würden nicht bei der Berlinale gezeigt, weil man damit ein Statement machen wolle, versicherte der künstlerische Leiter Chatrian im Gespräch mit der ausländischen Presse in Berlin. „Kino ist ein Spiegel der Welt, in der wir leben.“ Deshalb fänden sich im Programm Streifen, die sich mit Migration oder politischer Unfreiheit beschäftigten. Aber: „Wir wollen nicht ein Thema vor den Film stellen.“ Er sei stolz auf die große Vielfalt, fügte er hinzu.

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„Wenn wir auswählen, schauen wir nicht auf die Nationalität“, sagte Chatrian. „Das ist nicht das erste Kriterium, sondern, wieweit er uns überzeugt und bewegt.“ Darum gibt es auch kein Motto, wie es Vorgänger Dieter Kosslick gerne getan hatte. Mit ihm stehe man übrigens in sporadischem Mail-Kontakt, sagte Mariette Rissenbeek. Er sei zur Berlinale eingeladen, ob er komme sei allerdings nicht bekannt.

Und weil es keine Schubladen für Filme geben soll, wurden auch die Sektionen „Kulinarisches Kino“ und „Native“ abgeschafft. „Weil wir nicht glauben, dass man Reihen nach Themen zusammenstellen soll“, sagte Rissenbeek. Die bestehenden Reihen seien in ihrer Ausrichtung „geschärft“ worden, betonte sie. So seien nach 44 Filmen im Vorjahr im Panorama diesmal nur 35 Filme zu sehen. Was früher „außer Konkurrenz“ im Wettbewerb gelaufen sei, finde sich nun im „Berlinale Special“. Weil der Titel nicht gut gepasst habe, sagte die Geschäftsführerin der Berlinale. Nun habe diese Reihe „Galadimension“.

Da der Markt immer mehr zielorientiert sei, seien Nischenfilme besonders wichtig, sagte der künstlerische Leiter Chatrian. „Für uns ist es notwendig Filmen Raum zu geben, die auf eine andere Art produziert oder gesehen werden: Manchmal ohne Skript oder ohne professionelle Darsteller, Fiction/Non-Fiction gemischt.“ Diesen Raum soll die neue Wettbewerbsschiene „Encounters“ bieten. Die 15 Filme seien aber deshalb nicht nur von jungen Regisseuren gedreht worden. Einer stammt etwa vom 87-jährigen Alexander Kluge. „Jede Sektion sollte ihre präzise Identität haben“, sagte Chatrian.

Nur in diesem, dem Jubiläumsjahr, werde es die Sonderreihe „On Transmission“ geben, wo an sieben Tagen sieben Filmemacher aus den vergangenen 70 Berlinale-Jahren anlässlich einer Filmvorführung mit von ihnen eingeladenen Kollegen diskutieren würden.

Im Jubiläumsjahr liegt allerdings ein Schatten über der Berlinale-Geschichte. Erst kürzlich wurde die NS-Verstrickung des ersten Festival-Leiters, Alfred Bauer, bekannt, nach dem auch einer der bisherigen Berlinale-Preise benannt war. Sein Fall werde von einer externen Historikergruppe aufgearbeitet, sagte Mariette Rissenbeek. In einigen Monaten werde es eine abschließende Beurteilung geben.

Mit der diesjährigen Präsenz der Stars zeigten sich die Berlinale-Leiter zufrieden, auch mit jener von Hollywood-Schauspielern. Unter anderen würden Johnny Depp, Salma Hayek, Cate Blanchett und Sigourney Weaver erwartet. „Sie kommen nicht mit einem Hollywood-Film, das ist aber nichts Neues“, sagte Carlo Chatrian. Absagen aufgrund des Corona-Virus gebe es nur wenige: Lediglich 24 von 9000 Gästen des Filmmarkts, versicherte die Berlinale Leitung.

Als zukünftige Herausforderung bezeichnete Mariette Rissenbeek populäre Filme in anderen Formaten und mit anderer Finanzierung als bisher. Rundfunksender würden sich nicht mehr so intensiv am Ankauf von Kinofilmen beteiligen. „Durch die Streaming-Plattformen wird es noch schwieriger, weil noch weniger Leute ins Kino gehen“, sagte sie.


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