Leopold Museum zeigt Schiele und Hundertwasser

Die animistische Auffassung der Natur, die Darstellung des Künstlers als Prophet oder die Vermenschlichung von gebauter Umwelt: Im Leopold Museum begibt man sich ab Freitag in der einnehmenden Schau „Hundertwasser - Schiele. Imagine Tomorrow“ auf die Suche nach Verbindungslinien zwischen Egon Schiele und Friedensreich Hundertwasser. Hundertwassers Todestag jährte sich am 19. Februar zum 20. Mal.

Schieles Einfluss auf Hundertwasser ist laut Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, eine nur in kleinen Kreisen bekannte Tatsache. Mithilfe zahlreicher Leihgaben der Hundertwasser-Stiftung, Privatleihgebern vornehmlich aus Frankreich sowie internationalen Museen setzt man das Wirken der beiden Künstler mit rund 200 Exponaten in einen direkten Bezug. So gibt es etwa einen Brief, den Hundertwasser (1928-2000) an seine Mutter schrieb, in dem er sie bat, ihm Publikationen über das Werk Schieles zu schicken, da der Künstler (1890-1918) in Frankreich völlig unbekannt sei. 1950/51 verfasste er schließlich einen poetischen Text mit dem Titel „Ich liebe Schiele“. Doch nicht nur Schriften, sondern auch die Werke selbst lassen „stil- und formalgeschichtlich“ Parallelen zu, wie Kurator Robert Fleck am Donnerstag im Rahmen der Presseführung erläuterte.

Begrüßt wird der Besucher im ersten Untergeschoß im Leopold Museum mit zwei Selbstporträts der beiden Künstler aus den Jahren 1912 (Schiele) und 1951 (Hundertwasser), die sich in ihrem Ausdruck erstaunlich gleichen. Weiter geht es mit dem Motiv der Sonnenblume, das beide Künstler - nicht zuletzt in Anlehnung an Van Gogh - aufnahmen. Ebenso im ersten Raum findet sich Hundertwassers 1965 entstandenes Gemälde „Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles“ - das einzige Bild, in dem Hundertwasser explizit auf Schiele Bezug nimmt. Einen weiteren - allerdings zufälligen Bezug - stellte bereits im Jahr 1956 das Stedelijk Museum in Amsterdam her, das in seinem (in einer Vitrine ausgestellten) Katalog Schieles „Tote Mutter I“ neben Hundertwassers „Le grand chemin“ druckte. Eine Parallelität von Kreisläufen, die das Leopold Museum auch für die Vorder- und Rückseite des Ausstellungskatalogs wieder aufnahm.

In der Ausstellung, in der sich etwa doppelt so viele Hundertwasser-Arbeiten als Schiele-Werke finden, wird die künstlerische Verwandtschaft in der direkten Gegenüberstellung immer wieder deutlich, etwa zwischen Schieles „Waldandacht II“ und Hundertwassers „Le jardin des morts heureux“ oder zwischen Schieles „Der Häuserbogen II (Inselstadt)“ und Hundertwassers „Almhütten auf grünem Platz“. Zwischen den leuchtenden Werken der beiden Künstler warten in Vitrinen zahlreiche Tagebücher, Notizen und Briefe Hundertwassers sowie Fotos und Ausstellungskataloge der beiden. Anhand mehrerer Themen - von der Selbstdarstellung zwecks Mythosbildung über Landschaften und Häuser bis hin zu Porträts und Akten wird das Wirken der beiden Künstler parallel geführt.

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Ein eigener Raum ist der Reinszenierung von Hundertwassers „Endloser Linie“ gewidmet, die dieser im Wintersemester 1959/60 an der Hamburger Hochschule für bildende Künste realisierte. Unter der Leitung von Bazon Brock bemalten Studierende der Universität für angewandte Kunst die Wände eines Raums im Leopold Museum mit der „Linie von Wien“. Die auf dem Boden befindlichen Matratzen bieten nicht nur die Möglichkeit, in Ruhe der endlosen Linie zu folgen, sondern neue Kraft zu schöpfen: für den zweiten Teil dieser äußerst dichten, spektakulären Schau.

Hundertwasser wird derzeit aber nicht nur im Leopold Museum geehrt: Wie die Hundertwasser-Privatstiftung mitteilte, entstehen in Neuseeland und Korea derzeit zwei Hundertwasser-Architekturprojekte: In Whangarei, Neuseeland, wird das Hundertwasser Art Centre mit der Wairau Maori Art Gallery Hundertwassers Erbe in der südlichen Hemisphäre zeigen, wobei sich das Haus auf Werk und Wirken des Künstlers in Neuseeland (1975-2000) konzentriert. Auf der koreanischen Jeju Vulkaninsel entsteht unterdessen ein Hundertwasser-Memorial Park auf 40.000 Quadratmetern.

Für das Jahr 2021 plant das Nordiska Akvarellmuseet in Skärhamn (Schweden) eine Ausstellung von Hundertwassers malerischem Werk und wird insbesondere seinen Aquarellen einen Schwerpunkt widmen. Ebenfalls für 2021 wird vom Verein Bahnhof 2000 Uelzen e.V. eine dezentrale Ausstellung „Hundertwasser - Ökologie und Schönheit“ entwickelt. Der Verein konzipiert darüber hinaus das Projekt „Die Waagrechte gehört der Natur“, eine Kampagne für die Begrünung von Dachflächen und die Nutzung von Solarenergie, in die vor allem die Städte Deutschlands mit Hundertwasser-Architekturen (Darmstadt, Magdeburg, Frankfurt, Uelzen, Essen) eingebunden werden.

Auch für neuen Lesestoff wird gesorgt: Anlässlich des 20. Todestages erscheint im Verlag Hatje Cantz zudem das Buch „Hundertwasser für die Zukunft - Hundertwasser for Future“ mit Zitaten aus Hundertwassers gesellschaftskritischen und ökologischen Manifesten, Briefen, Reden und öffentlichen Demonstrationen. Im Prestel Verlag München erschien soeben das Bilderbuch „Hundertwasser - Ein Haus für dunkelbunte Träume“. Ein Filmprojekt zu Hundertwassers ökologischen Aktivitäten ist in Kooperation der Hundertwasser-Stiftung mit der Schamoni Filmproduktion in München geplant.


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