Terrorverdacht nach tödlichen Schüssen in Hanau

Die deutsche Generalbundesanwaltschaft ermittelt nach der Gewalttat in Hanau laut hessischem Innenminister wegen Terrorverdachts. „Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben“, sagt Peter Beuth am Donnerstag. Bei zwei Schießereien wurden neun Menschen getötet. Der mutmaßliche Täter wurde laut Polizei tot gefunden, gemeinsam mit einem weiteren Todesopfer.

Auf Terror deute etwa eine Homepage hin, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund ergebe, so Breuth. Der Täter soll legal im Besitz einer Waffe und Sportschütze gewesen sein. Der mutmaßliche Täter von Hanau war zuvor nicht im Visier der Ermittler. Der Mann sei weder als fremdenfeindlich bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten, sagte Beuth im Wiesbadener Landtag. Er verurteilte die Gewalttaten. „Das ist ein Anschlag auf unsere freie und friedliche Gesellschaft.“

Der mutmaßliche Täter hatte offenbar Mail-Kontakt mit einem Niederösterreicher. In einem 24-seitigen Manifest schrieb der Deutsche über einen österreichischen Staatsbürger, der ihm empfohlen wurde, nachdem er sich selbst „in den Fängen einer Geheimorganisation“ gesehen hatte. Der Mann aus dem Bezirk Neunkirchen bestätigte den Mail-Austausch den „NÖN“ („Niederösterreichische Nachrichten“).

Auf Seite 17 des Manifests schrieb demnach der Deutsche von mehreren Versuchen, Anzeige wegen illegaler Überwachung zu erstatten. In der Zeit nach dem Jänner 2002 habe er festgestellt, „dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war“. 2019 habe er sich an verschiedene Privatermittler gewendet und Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Hanau sowie beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eingebracht. „Das bestmögliche Ergebnis war, dass ein Privatermittler“ ihm ein Parapsychologisches-Institut in Österreich empfahl, an dass er sich wenden solle. „Doch dieser Herr ... schrieb mir ein paar Wochen später, dass er mit nicht weiterhelfen könne“, hielt der 43-Jährige fest. „Ich bin nur froh, dass ich mich nicht näher auf die wirren Dinge und den Mann eingelassen habe“, sagte der Niederösterreicher, der in dem Manifest namentlich genannt wird, den „NÖN“.

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Nach Informationen aus Sicherheitskreisen wurden bei den Ermittlungen neben einem Bekennerschreiben auch ein Video gefunden. Beides werde nun ausgewertet, hieß es. Die Tageszeitung „Bild“ berichtete, der Täter habe in seinem Schreiben rechtsradikale Beweggründe genannt.

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer „persönlichen Botschaft an alle Amerikaner“. Der Clip, der Donnerstagfrüh weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen, ins Netz gestellt wurde er vor wenigen Tagen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände „jetzt kämpfen“. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.

Der mutmaßliche Täter wurde laut Polizei in einer Wohnung gefunden. Zudem sei dort eine weitere Leiche entdeckt worden. Die Ermittlungen zur Identität der Opfer und des mutmaßlichen Täters dauerten an, hieß es.

Medienberichte, wonach die Schüsse in zwei Shisha-Bars abgefeuert worden sein sollen, bestätigte die Polizei weiterhin nicht. Die Schüsse fielen nach ihren Angaben am Heumarkt im Zentrum der Kleinstadt bei Frankfurt am Main sowie in dem Stadtteil Kesselstadt. Der Hessische Rundfunk berichtete, zunächst sei eine Shisha-Bar in der Innenstadt angegriffen worden. Danach seien der oder die Täter nach Kesselstadt weitergefahren, wo weitere Menschen in einer Shisha-Bar erschossen worden seien.

Die deutsche Regierung reagierte bestürzt auf das Verbrechen. Außenminister Heiko Maas drückt den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. „Die schrecklichen Ereignisse in #Hanau schmerzen uns alle“, twittert der SPD-Politiker. „Nach dieser grausamen Nacht sind unsere Gedanken bei den Toten, ihren Familien und Angehörigen. Wir hoffen mit den Verletzten, dass sie bald wieder gesund werden.“

Derzeit deute „vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat“, sagte Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. „Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen“, fügte sie hinzu. Noch sei es aber zu früh, eine abschließende Bewertung über den Täter vorzunehmen.

Unter den Todesopfern in Hanau sind nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch fünf türkische Staatsbürger. Die staatliche Nachrichtenagentur berief sich auf den türkischen Botschafter in Berlin, Ali Kemal Aydin. Das türkische Außenministerium in Ankara verurteilte unterdessen den „niederträchtigen Anschlag“. Er sei eine „neue und schwere Auswirkung von wachsendem Rassismus und Islamfeindlichkeit. Es sei an der Zeit, solche Angriffe zu stoppen.“


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