Italien: Maßnahmen wegen Coronavirus, kein Venedig-Karneval

Italien hat im Kampf gegen den schlimmsten Ausbruch des neuen Coronavirus in Europa drastische Maßnahmen gesetzt. Um eine weitere Ausbreitung im Norden des Landes zu unterbinden, sollen nun die am stärksten betroffenen Städte abgeriegelt werden. „Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten“, sagte Regierungschef Giuseppe Conte. Auch der Karneval von Venedig wurde abgesagt.

Die Absage des traditionellen Faschingstreibens kündigte der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, am Sonntag an, nachdem zwei Coronavirus-Fälle in der Lagunenstadt bestätigt wurden. Dabei handelt es sich um zwei Pensionisten im Alter von 88 Jahren, die sich auf der Intensivstation des Krankenhauses von Venedig befinden. Der Karneval lockt jährlich Hunderttausende Menschen in die Lagunenstadt. In der Region Venetien wurden bis Sonntagmittag 25 Infektionsfälle bestätigt.

Von den nationalen Schutzmaßnahmen betroffen sind laut Conte zunächst knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50.000 Einwohnern sowie Vo‘ Euganeo im benachbarten Venetien mit rund 3.000 Bewohnern. Er kündigte die Notfallmaßnahme nach Krisengesprächen mit der Zivilschutzbehörde des Landes an. „Das Ziel ist es, die Gesundheit der italienischen Bevölkerung zu schützen.“ Zunächst sollten die Sicherheitskräfte die betroffenen Regionen abriegeln. „Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein“, fügte er hinzu.

Italien zählt aktuell die meisten Infektionen mit dem Virus SARS-CoV-2 in Europa. Nach den beiden Todesfällen, die am Freitag und Samstag gemeldet wurden, ist die Zahl der Infizierten auf 132 gestiegen. 89 davon wurden in der Lombardei gemeldet, wie der lombardische Präsident Attilio Fontana am Sonntag in TV-Interviews mitteilte. Erstmals wurden auch Fälle in den norditalienischen Regionen Piemont und Emilia Romagna registriert.

Italiens Heer stellt ab sofort Militärstützpunkte und Kasernen für die Isolierung von Coronavirus-Verdachtsfällen zur Verfügung. Tausende Betten seien bereits organisiert worden, teilte Italiens Zivilschutzchef Angelo Borrelli am Sonntag in Rom mit.

Die Todes- und Infektionsfälle im südlichen Nachbarland haben naturgemäß auch Österreichs Behörden auf den Plan gerufen. „Wir sind gut gerüstet in Österreich“, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Sonntagvormittag bei einem Medientermin anlässlich der Verbreitung des neuartigen Coronavirus in Italien. „Es gibt keinen Grund zur Panik.“ Mit den italienischen Behörden sei man in enger Abstimmung. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass es keinen Fall in Österreich gibt.“

„Die Lage in Italien nehmen wir sehr ernst“, so Nehammer. Der Einsatzstab des Innenministeriums werde am Montag erneut zusammenkommen. In Österreich gab es bisher 181 Verdachtsfälle, die sich alle nicht bestätigt haben.

Zur von Italien von verschiedenen Stellen bereits erhobenen Forderung nach Schließung der Grenzen im Stiefelstaat verwies der Innenminister auf die Einschätzung von Experten, die auch am Montag wieder unter Beteiligung des Gesundheitsministeriums im BMI zum Einsatzstab zusammentreten und die neuesten Entwicklungen abwägen werden. Grundsätzlich wäre ein solcher Schritt „sehr rasch umzusetzen“. Binnen Minuten bzw. binnen einer Stunde könnten Grenzkontrollen „hochgefahren werden“, erläuterte Franz Lang, Leiter des Bundeskriminalamts (BK) - abhängig davon, welche Maßnahmen, vor allem gesundheitsspezifischer Natur, man durchführen wolle.

Auch in Südtirol bereiteten sich die Behörden auf einen Notfall vor. Unter anderem empfahlen die Gesundheitsbehörden am Samstagabend dem Südtiroler Landesrat für Sanität, Thomas Widmann, die Universität Bozen sowie Kitas und Kinderhorte für die kommende Woche zu schließen. Zudem sei ein medizinischer Notfallplan erstellt worden, berichtete die Website des Rundfunksenders Südtirol.

In Italien wurde der Erreger unter anderem bei der Frau und einer Tochter des Mannes, der mutmaßlich Italiens erstes gemeldetes Covid-19-Todesopfer ist, nachgewiesen. Der italienische Zivilschutz sprach von einem zweiten Opfer, dessen Tod wohl auf die von Sars-CoV-2 verursachte Lungenerkrankung Covid-19 zurückzuführen sei. Beim ersten gemeldeten Toten handelt es sich um einen 78-Jährigen in Venetien, beim zweiten um eine Frau in der Lombardei. Der Ausbruch in der Lombardei geht auf einen 38-Jährigen zurück, der seit Mittwoch schwer erkrankt in der Klinik der Kleinstadt Codogno behandelt und tags darauf positiv auf den Erreger getestet wurde.

In zehn Gemeinden der Lombardei wurden Schulen und ein Großteil der Geschäfte vorübergehend geschlossen. Rund 50.000 Einwohner sind aufgerufen, möglichst zuhause zu bleiben. Großveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden verboten. Auch in Venetien wurden Maßnahmen beschlossen, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollen. In der Lombardei und in Venetien wurden für Sonntag alle Sportveranstaltungen abgesagt.

Unterdessen wird die Situation in Südkorea immer besorgniserregender: Nach zwei weiteren Todesfällen durch die Lungenerkrankung Covid-19 kündigte der südkoreanische Staatschef Moon Jae In an, wegen des Virus die höchste Alarmstufe auszurufen. Insgesamt starben in Südkorea bisher vier Menschen durch das neuartige Coronavirus. Die Zahl der Neuinfizierten stieg um 123 auf 556 Fälle - Südkorea ist damit das Land mit der höchsten Fallzahl nach China. Die Epidemie stehe vor einem „schwerwiegenden Wendepunkt“, erklärte Präsident Moon nach einer Kabinettssitzung zu dem Virus. „Die nächsten Tage werden entscheidend sein.“

Gestorben ist auch ein weiterer mit dem Coronavirus infizierter Passagier des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“ in Japan. Das berichtete der japanische Fernsehsender NHK am Sonntagabend (Ortszeit) unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Der Japaner in seinen 80ern war positiv getestet und in ein Krankenhaus gebracht worden, wo er verstarb.


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