Zwiespältiges Vergnügen: „Das Interview“ im Akademietheater

Ein schlechter Journalist interviewt eine schlechte Schauspielerin. Kann das ein gutes Theaterstück ergeben? Nur dann, wenn gute Schauspieler am Werk sind. Bei Birgit Minichmayr und Oliver Nägele ist das zweifellos der Fall. Dennoch machte „Das Interview“, das am Sonntagabend im Akademietheater gegeben wurde, nicht recht glücklich.

Diese Premiere hatte eine überaus wechselvolle Vorgeschichte. Eigentlich hätte an diesem Abend Kornel Mundruczos Inszenierung von Kata Webers Stück „Tosca“ nach der bekannten Puccini-Oper herauskommen sollen. Die bereits im Herbst wegen eines Filmprojekts des Regisseurs verschobene Produktion wurde 18 Tage vor der Premiere „wegen künstlerischer Differenzen“ abgesagt, stattdessen die Bühnenfassung von Theo van Goghs Film „Das Interview“ angesetzt. Burgtheater-Direktor Martin Kusej hatte das Stück bereits 2009 mit Birgit Minichmayr und Sebastian Blomberg im Zürcher Neumarkt Theater auf die Bühne gebracht und im April 2010 auch bei einem Gastspiel im Schauspielhaus Wien gezeigt. Angekündigt wurde eine Neuinszenierung, in der „Tosca“ Minichmayr wieder die Rolle der bekannten Schauspielerin Katja übernimmt und der als Bösewicht Cavaradossi vorgesehene Oliver Nägele den politischen Journalisten und früheren Kriegsreporter Pierre Peters spielt.

Die Bühne von Jessica Rockstroh zeigt erneut ein unmöbliertes, großes Wohnzimmer mit kahlen Wänden in Weiß, Grau und Schwarz. Der Teppichboden wechselte von weiß auf hellblau, und auch Katja hat sich umgezogen: Anstelle eines kurzen, tief ausgeschnittenen Kleidchens und hoher schwarzer Stiefel trägt Minichmayr nun enge, schwarze Leggings und High Heels mit glitzernden Riemchen. Das Verhaltensrepertoire des höchst erfolgreichen Filmstars („Neun Millionen Menschen haben meine Filme gesehen.“), der nach allgemeiner Einschätzung Silikon in den Brüsten und Luft im Hirn spazieren trägt, beherrscht sie natürlich auch in diesem Outfit perfekt.

Ihr neuer Gegenspieler ist Oliver Nägele. Diese Kombination funktioniert sehr gut. Er ist um 15 Jahre älter als der frühere „Interview“-Partner Blomberg und repräsentiert im zerknitterten Regenmantel, mit Jeans und Sneakers nicht nur den angestrebten Gegensatz zur Glitzerwelt der Illustrierten, auch der angedeutete Vater-Tochter-Konflikt, der neben der klassischen E und U-Auseinandersetzung in dieser Konfrontation verborgen ist, ist dabei glaubwürdig. Völlig unplausibel sind dagegen alle Verhaltensweisen, die der angebliche Polit-Journalismus-Profi, der für einen erkrankten Kollegen aus der Kultur einspringen musste, bei diesem Interview an den Tag legt. Dazu kommt noch etwas: Die Zeit ist seit 2003, als Van Gogh seinen Film drehte, nicht stillgestanden.

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„Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor über zehn Jahren ist das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. Zeit für eine Wiederbegegnung“, nahm das Burgtheater bei der Ankündigung der neuen Produktion auf Kusejs und Minichmayrs ersten Streich in Zürich Bezug. Kusej lässt sein neues „Interview“ nun am 18. Mai 2019 spielen, dem Tag nach Veröffentlichung des Ibiza-Videos, als sich am Ballhausplatz spontan Demonstranten versammelten und Kanzler Kurz die Koalition mit der FPÖ platzen ließ. Ein kurzer „ZiB“-Ausschnitt, der über Katjas TV-Schirm flimmert, zeigt die Dramatik der damaligen Ereignisse. Und damit gleichzeitig auch die Nichtigkeit dessen, was sich an angeblicher Seelenentblätterung während dieses Promi-Interviews entfaltet. Pierre Peters sitzt traurig vor dem Fernseher. Dort, wo Politik gemacht wird (er hat das Geschehen natürlich vorausgesehen!), müsste er jetzt eigentlich sein. Stattdessen schaltet Katja auf ihre im anderen Kanal laufende Daily Soap um. Die kurze eingespielte Szene zeigt Minichmayr mit Daniel Jesch im Bett: große Krise und heiße Tränen am Bildschirm, viele Lacher im Publikum.

Doch während unser Vertrauen in die Echtheit von Bildern und Nachrichten geschwunden ist, ist unser Bewusstsein für eine korrekte Begegnung der Geschlechter gestiegen. Schwer vorzustellen, dass im Zeitalter der #metoo-Debatte eine derart von latenter sexueller Übergriffigkeit geprägte Begegnung so exponierter Persönlichkeiten noch stattfinden könnte.

Freundlicher Schlussapplaus nach 90 Minuten. Und nicht wenige im Publikum, die - bei allem Respekt vor den Schauspielerleistungen - statt Katja lieber Tosca (und statt Pierre lieber Cavaradossi) gesehen hätten. Vielleicht gibt‘s ja noch einen dritten Anlauf.


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