Monika Helfers „Die Bagage“: Das harte Brot der frühen Jahre

Monika Helfer schafft den Spagat zwischen Fakt und Fiktion. Im Roman „Die Bagage“ zeichnet sie in bewegenden Schilderungen die Geschichte ihrer Familie nach.

Monika Helfer stellt ihr Buch „Die Bagage“ am 27. April in Innsbruck vor (Wagner’sche).
© APA

Von Markus Schramek

Innsbruck – Vor der eigenen Familiengeschichte gibt es kein Entrinnen. Sie prägt nachkommende Generationen – im Guten wie im Verzichtbaren. Das Familiensilber wird weitergereicht, aber eben auch manch aufgestauter Ballast; dazu gesellen sich liebevolle Histörchen und garstig-gemeine Anekdoten. Man kann mit den Vorfahren hadern, über sie den Kopf schütteln. Oder man versucht, Erinnerungen einzuordnen, um sie zu verstehen.

Diesem Zugang hat sich die Vorarlberger Autorin Monika Helfer verschrieben. Als Roman will sie ihr neues Werk „Die Bagage“ verstanden wissen, mit allen fiktionalen Freiheiten. Doch das Sub­strat ihres Buchs ist stark autobiografisch. Helfer, die mit Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet ist, erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie. Sie hat damit zugewartet, bis die handelnden Personen „unter der Erde liegen“, aus Respekt den Vorfahren gegenüber. Denn deren Erlebtes lässt keinen Platz für Romantik. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben.

Anfang des vorigen Jahrhunderts haust Familie Moosbrugger in einem desolaten Hof ganz hinten im Tal. Dort ist der Boden billig und die Ernte überschaubar. Ein Leben auf der Schattenseite. Die Abgeschiedenheit nährt die Gerüchteküche drunten im Dorf. Dort sind die Moosbruggers als „Bagage“ verschrien: eine Brut, an der man besser nicht anstreift.

Ignorieren geht im Fall von Maria Moosbrugger, der literarischen Großmutter Helfers, aber gar nicht. Denn Maria ist eine wahre Schönheit. Selbst das kann einer jungen Frau zum Nachteil gereichen. Die Mannsbilder sehen ihr nach und manche stellen ihr nach, als ihr respekteinflößender Mann Josef (welch biblische Namensfügung!) 1914 als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen muss.

Bürgermeister Fink soll auf Maria im Auftrag Josefs „aufpassen“. Von wegen. Denn das Ortsoberhaupt geht Maria an die Wäsche. Die Frau wehrt sich, unterstützt von ihren halbwüchsigen Kindern. Lorenz, der zweitälteste Sohn, schlüpft in die Rolle des abwesenden Vaters. Er krallt sich dessen Büchse und vertreibt den Bürgermeister.

Maria bleibt ihrem Mann treu. Zwar verliebt sie sich in ein feschen Deutschen namens Georg, der ihr per Zufall über den Weg läuft. Georgs – höfliche – Avancen sind im Dorf bald Gesprächsthema. Als Maria erneut schwanger wird, kocht im Tal die Volksseele: Das Kind muss vom Deutschen sein! Dabei war Marias Gemahl Josef in der fraglichen Zeit selbst zuhause, als Fronturlauber.

Josef lässt sich vom grassierenden Virus der Verleumdungen anstecken. Marias neugeborenes Töchterchen Grete, die spätere Mutter der Autorin, erhält vom mutmaßlichen Erzeuger Josef keine Chance. Der Vater ignoriert Grete Zeit seines Lebens, das, kurz nach dem Tod seiner Frau, ebenfalls vorzeitig endet. Zurück bleiben sieben Moosbrugger-Kinder zwischen 19 und zwei Jahren. Die 18-jährige Tochter Katharina, genannt Kathe, kümmert sich um die Geschwister.

Doch die Schicksalsschläge nehmen kein Ende. Auch Monika Helfers Mutter stirbt jung. Und viel später muss die Autorin, inzwischen selbst Mutter, eines ihrer Kinder betrauern: Tochter Paula verunglückt 2003 mit 21 Jahren bei einer Wanderung tödlich.

Wie viel Leid kann der Mensch ertragen? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Helfer recherchiert und schildert, sie fügt Bausteine einer Familienchronik zusammen, ohne nachträglich zu verurteilen oder auf „Schuldige“ zu deuten. Als Leser taucht man bis zur Nase ein in das beinharte Leben der „Bagage“ und muss erkennen: Das Verstehen menschlichen Tuns stößt an Grenzen.


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