Buchbinder bringt neue Diabelli-Variationen

Mit den „Diabelli-Variationen“ verbindet man heute einen einzigen Namen: Ludwig van Beethoven. Im Jubeljahr rund um den 250. Geburtstag des Komponisten rückt Pianist Rudolf Buchbinder den ursprünglichen Kontext des Werks in den Mittelpunkt und bringt am 3. März im Musikverein eine Reihe neuer Diabelli-Variationen zur Uraufführung. „Alle waren sofort Feuer und Flamme“, erzählt er im APA-Gespräch.

Lera Auerbach, Toshio Hosokawa, Christian Jost, Max Richter, Johannes Maria Staud, Jörg Widmann - das sind nur einige der elf Namen zeitgenössischer Komponisten, bei denen Buchbinder und Musikverein neue Variationen über einen Walzer von Anton Diabelli in Auftrag gegeben haben. Es ist die Wiederholung eines historischen Moments: Im Jahr 1819 hatte der Musikverleger Anton Diabelli an Komponistengrößen einen simplen Walzer geschickt - mit der Bitte um eine Variation. Johann Nepomuk Hummel, Franz Kalkbrenner, der erst elf Jahre alte Franz Liszt, Franz Schubert und viele andere lieferten.

„Beethoven konnte sich natürlich nicht mit allen anderen in einen Topf werfen lassen“, lächelt Buchbinder. Statt einer Variation schrieb er 33 und schuf mit diesem Opus gegen Ende seines Lebens „sein persönlichstes Werk überhaupt“, sagt der Interpret. „Das Werk spiegelt sein ganzes Leben und seinen Charakter wider. Seinen Humor, seine Sensibilität, sein Temperament. Alles ist da.“ Diabelli veröffentlichte Beethovens Arbeit gesondert und die Anthologie erst in einem zweiten Band. Heute zählen Beethovens Variationen zwar zu den wichtigsten, aber nicht unbedingt häufig im Konzert programmierten Werken für Klavier.

„Beethoven hat sein eigenes Publikum mit seinem Spätwerk vertrieben. Auch für uns heute ist das schwere Musik“, gibt Buchbinder zu, der die Beethoven-Variationen am 3. März selbst zum 100. Mal im Konzert spielen wird. Der Abend, den der Pianist und lebenslange Beethoven-Spezialist in 20 Städte weltweit - von Wien nach Peking, von Petersburg nach Paris - bringt, besteht aus vier Teilen. Beethoven kommt am Ende. Den Anfang macht der Walzer von Diabelli. Danach die elf neuen Variationen. Und eine Auswahl von acht Variationen der ursprünglichen Sammlung. „Handwerklich waren die alle fantastisch, sie wollten sich in Virtuosität überbieten. Aber darin sind sie auch etwas monoton. Und dann kommt eine, wo man das Genie hört.“ Schubert, eine langsame Variation in c-Moll.

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„Auch Toshio Hosokawa hat eine langsame geschrieben“, so Buchbinder. „Verlust“ heißt sie. Dagegen holte er sich bei der CD-Einspielung von Christian Josts Variation mit dem Titel „Rock it, Rudi!“ einen blutigen kleinen Finger. Es war nach langer Zeit wieder eine Aufnahme im Studio für Buchbinder - sein zweites großes CD-Projekt zum Beethovenjahr entsteht aus Konzertmitschnitten. Die fünf Klavierkonzerte mit fünf verschiedenen Orchestern und Dirigenten: Andris Nelsons und das Gewandhausorchester, Mariss Jansons mit dem BR, Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern, Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle und die Wiener unter Riccardo Muti.

Dass die Konzerte des 2. Klavierkonzerts mit Jansons zu den letzten dieses „für mich größten und menschlichsten Dirigenten“ gehörten, und Buchbinder dann solo ausgerechnet am 1. Dezember in St. Petersburg konzertierte, an jenem Tag, in jener Stadt, in der Jansons starb, lässt auch fast zwei Monate später noch seine Augen feucht werden. „Ich habe vor dem Konzert noch mit seiner Frau telefoniert und dann nur mehr geweint auf der Bühne.“

Beethovens Klavierkonzerte hat Buchbinder mehrere Hundert Male gespielt, mit Dirigenten oder selbst dirigierend vom Klavier aus. „Ich habe meine Interpretation. Die bleibt. Aber man bekommt von Dirigenten manchmal sehr gute Impulse. Das Entscheidende ist: obwohl alle Beteiligten grundverschieden sind, muss man die Musik gemeinsam atmen.“ Wenn er das Orchester ohne Dirigenten vom Klavier aus leitet, ist es dagegen „ein echtes ‚concertare‘, also ein Kampf. Man wirft sich gegenseitig die Bälle zu, es ist eine große Kammermusik. Der Geiger am letzten Pult hat plötzlich eine riesige Verantwortung: er muss zuhören. Ich habe noch kein Orchester erlebt, das dies nicht mit Begeisterung macht.“

Und die Gefahr, dass man seinen Beethoven beim 500. Mal nur noch herunterspult? „Die besteht nicht. Ich werde ja immer nervöser, je älter ich werde“, gibt Buchbinder unumwunden zu. „Ich sage immer, der schmale Gang im Musikverein vom Künstlerzimmer auf die Bühne ist wie der Zirkus, wo die Löwen reinkommen. Im Künstlerzimmer ist alles fantastisch, die Finger sind warm, dann geht man auf die Bühne und alles ist steif und eiskalt. Man ist machtlos.“ Und dann? „Dann fängt man an zu spielen.“ Und Beethoven, der Lebensfreund, hilft.

In seinem Atelier ist Buchbinder von Beethoven umgeben. Als leidenschaftlicher Sammler von Erstausgaben und Originaldokumenten, von Bildern, Masken und Memorabilien, vor allem aber als Interpret seit Kindheitstagen. „Beethoven ist das Zentrum meines Repertoires und war es immer. Wenn ich einen großen Wunsch freihätte, würde ich 24 Stunden unsichtbar in seinem Zimmer in der Ecke sitzen, ihn einfach beobachten und zuhören. Wie er spielt.“ Dokumente von Zeitgenossen zeigen, dass Beethoven laut und mit viel Pedal zu Werke ging - auch schon vor seiner Taubheit.

Dass Beethoven den Großteil seiner Werke ohne Gehör geschaffen hat, zeigt für Buchbinder „die Genialität der Klangvorstellung“. Seinen Studenten habe er früher immer nahegelegt, über jeden Komponisten, dessen Werke sie spielen, ein Buch zu lesen. „Bei Beethoven habe ich gesagt: es genügt, das Heiligenstädter Testament zu lesen.“ Dieser Brief des 31-jährigen Beethoven an seine Brüder, in dem er sich verzweifelt mit seinem fortschreitenden Gehörverlust auseinandersetzt, sei „das erschütterndste Dokument eines jungen Menschen, das man sich vorstellen kann“.

Buchbinder hat selbst - wieder - ein Buch über Beethoven geschrieben. „Der letzte Walzer“ versammelt 33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen. Geschichten, die Wissen und Menschlichkeit verbinden. Aber: Obwohl man vieles über Beethoven weiß, gebe es Gott sei Dank auch ein paar Geheimnisse, so Buchbinder. „Zum Glück wissen wir nicht, wer die ‚unsterbliche Geliebte‘ war, auch wenn einige überzeugt davon sind, sie aufgespürt zu haben.“ Allzu viel Neues über den Komponisten werde man auch in diesem intensiven Beethovenjahr nicht lernen, schmunzelt er. „Er und seine Geheimnisse werden 2020 überleben.“

(S E R V I C E - Konzert mit Uraufführung des Diabelli-Projekts 2020 am 3. März, 19.30 Uhr, im Wiener Musikverein. Rudolf Buchbinder: „Der letzte Walzer“, Amalthea Verlag, 192 Seiten, Buchpräsentation am 1. März im Hotel Imperial, Wien.)


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