Rückläufige Geburtenrate verschärft Not der Betriebe im Bezirk Reutte

Das AMS Reutte verweist in seiner Bilanz 2019 auf schwierige Personalsuche. Den umworbenen Außerferner Schülern stehen hingegen alle Optionen offen.

Industriearbeit ist wegen hoher Löhne weiterhin attraktiv.
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Von Helmut Mittermayr

Reutte – „Wir haben kein Facharbeitermangelproblem, wir haben ein Geburtenproblem!“ Eine Außerferner Unternehmerin brachte kürzlich den alltäglichen Kampf um Mitarbeiter auf den Punkt und verortete die Kern­problematik in der Demografie. In der Jahresbilanz 2019 des AMS Reutte liest sich dies dann so: „Die rückläufigen Geburtenraten sind deutlich spürbar. Die weiterführenden Schulen und Lehr­betriebe konkurrieren immer stärker untereinander.“

Die umkämpfte Gruppe, die theoretisch pro Jahr in den Arbeitsmarkt eintreten könnte, ist kleiner als 300 Personen. In den vergangenen elf Jahren betrug die durchschnittliche Geburtenrate im Außerfern 294. 2019 lag sie im Standesamtsverbandssprengel Reutte, wo fast alle Kinder des Bezirks im BKH Reutte zur Welt kommen, bei 287. Diese Kennzahl stellt das Reservoir dar, aus dem später einmal alle Ansprüche des lokalen Arbeitsmarktes von Hilfs- und Fachkräften bis zu Akademikern, Beamten und Selbstständigen gedeckt werden müssen. Eine inzwischen unterkritische Größe. Das Match spielt sich vorgelagert zwischen Lehrlingsausbildung und weiterführenden Schulen ab. Im Herbst sollen etwa erstmals spanische Jugendliche als Pflegeschüler ins Außerfern kommen, die Anmeldungen für die neue HTL vielversprechend sein.

Die vom Reuttener AMS-Chef Klaus Witting veröffentlichten Daten zeigen das Bild eines prosperierenden Bezirks mit der geringsten durchschnittlichen Arbeitslosigkeit Tirols – nur vier Prozent übers Jahr. Der höchste Vorgemerktenstand wurde im November mit 1308 und der Tiefststand im August mit 285 erreicht. 13.810 Arbeitsplätze standen Unselbstständigen im Bezirk Reutte im Durchschnitt zur Verfügung.

Eine 2019er-Zahl, die die aktuell­e Problemstellung am Arbeitsmarkt einfängt: 178 Lehrlinge starteten ihre Ausbildung, demgegenüber standen 236 offene Lehrstellen. „Für Jugendliche ergibt sich daraus, dass es ,leichter‘ wird, einen angestrebten Schul- oder Ausbildungsplatz zu bekommen. In Summe gesehen verschlechtert sich dadurch die Fach­arbeitersituation im Allgemeinen“, weiß Witting.

Der Arbeitsmarkt hat sich 2019 im Bezirk Reutte laut Witting in der ersten Jahreshälfte weiter verbessert. In der zweiten sei Stagnation eingetreten.

Große Investitionen in die Gebäudeinfrastruktur bei mehreren Groß- und Mittelbetrieben und im Siedlungsbau belebten den Bau- und Baunebensektor enorm. Speziell bei Hochbau­unternehmen, Installateuren, Spenglern und Fliesenlegerbetrieben war der Arbeitskräftemangel aber stark ausgeprägt und führt­e bereits dazu, dass Aufträge seitens der Unternehmen abgelehn­t werden mussten.

Sowohl die Wintersaison als auch die Sommersaison verlief im Tourismusbereich sehr zufriedenstellend. Der gesamte Bezirk, vor allem die „Lechgemeinden“ und das Tannheimer Tal, profitierte von einer Zunahme, speziell an deutschen Gästen. Der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften, vor allem in den Tourismusbereich, hält zwar weiter an, allerdings nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Bedingt durch den Wechsel von Tourismusbeschäftigten in andere Wirtschaftsbranchen und den schwächeren Zuzug gestaltete sich die Personalsuche für einige Unternehmen in dieser Branche sehr schwierig.

Die Auftragslage in den Industriebetrieben zeigte im Jahr 2019 zu Jahresbeginn eine Stagnation und in der zweiten Jahreshälfte sogar einen Rückgang. Vor allem beim Leitbetrieb, der Plansee Unternehmensgruppe, waren ab dem dritten Quartal Rückgänge in einzelnen Produktionsbereichen zu registrieren. Infolgedessen wurde der Beschäftigtenstand der Leiharbeiter deutlich reduziert. Bei Multivac in Lechaschau war der Auslastungsgrad hoch. Durch innerbetriebliche Restrukturierungen erfolgte allerdings kein Personalzuwachs.

Der Sozial- und Gesundheitsbereich ist auch im Bezirk Reutte eine stark wachsende Wirtschaftsbranche. Die Stellenmeldungen zeigen jedoch, dass der Bedarf an ausgebildeten Pflegefachkräften bis hin zu Ärzten momentan nicht abgedeckt werden kann.


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