Todesstrafe-Drama prämiert: Iranischer Zündstoff für das Gewissen

Der Goldene Bär 2020 geht an Mohammad Rasoulofs Todesstrafe-Drama „Sheytan Vojud Nadarad – There is no Evil“.

Die junge Darya kommt aus Deutschland zu Besuch in den Iran. Darstellerin Baran Rasoulof ist die Tochter des Regisseurs und lebt in Hamburg im Exil. Sie nahm den Goldenen Bären stellvertretend für ihren Vater entgegen.
© Cosmopol Film

Von Marian Wilhelm

Berlin – Das Beste kommt zum Schluss. „Sheytan Vojud Nadarad – There is no Evil“ wurde am Freitag als allerletzter Beitrag im Wettbewerb um den Goldenen Bären präsentiert – und ist nun der Hauptgewinner 2020.

Die Jury trifft damit nicht nur eine politische Entscheidung, sondern zeichnet auch ein kraftvolles präzises Drama über die Gewissensentscheidung von vier Menschen im Iran aus. Das Festival bleibt sich damit treu: Nach 2011 mit dem späteren Oscar-Gewinner „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Asghar Farhadi und „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi 2015 gewinnt erneut das iranische Kino, das seit Jahrzehnten zu den avanciertesten und raffiniertesten weltweit gehört.

Doch Regisseur Mohammad Rasoulof wird, wie schon 2015 Panahi, von seinem Land der Reisefreiheit beraubt und kann den Goldenen Bären nicht persönlich entgegennehmen. Sein Pass wurde ihm 2017 entzogen, im Zusammenhang mit seinem vorigen Film „A Man of Integrity“, der nicht von ungefähr vom unbeirrbaren Kampf eines Michael-Kohlhaas-Charakters gegen die Autoritäten erzählte. Die erzählerisch-künstlerische Kraft des aktuellen Gewinnerfilms steht im krassen Widerspruch zum repressiven iranischen Regime.

„Sheytan Vojud Nadarad – There is no Evil“ erzählt in 150 Filmminuten vier Geschichten, die ein Sujet vereint: Die Todesstrafe bestimmt das Schicksal ihrer Figuren. Für Familienvater Heshmat ist sie bürokratische Arbeit. Der junge Pouya ist ein Wehrpflichtiger, der zur Exekution abkommandiert ist. Soldat Javad fährt zum Geburtstag seiner Freundin, doch die beiden verbindet mehr als Liebe. Und Bahram zögert, der aus Deutschland zu Besuch gekommenen Nichte seine Geschichte zu erzählen.

Den vier Episoden ist eines gemeinsam: die Gewissensentscheidung, in der iranischen Todesmaschinerie mitzumachen oder nicht. Der Iran ist laut Amnesty International mit rund 500 registrierten Exekutionen pro Jahr für rund die Hälfte aller verifizierbaren, vollstreckten Todesurteile weltweit verantwortlich, darunter auch gegen Minderjährige und für absurde Delikte wie Blasphemie oder Homosexualität.

Der Film ist also allein schon durch die Themenwahl hochbrisant. Doch die Entscheidung der Figuren für oder gegen den Widerstand des Einzelnen innerhalb eines Regimes ist darüber hinaus ein persönliches Drama, das Zündstoff liefert.

Nicht weniger dringlich erzählt der Gewinnerfilm des Großen Jury-Preises, „Never Rarely Sometimes Always“, vom Schnittpunkt des Persönlichen mit dem Politischen. US-Regisseurin Eliza Hittman bekam für ihre einfühlsame Geschichte einer ungewollt schwangeren jungen Frau einen sehr verdienten Silbernen Bären.

Zwei österreichische Filmteams können sich ebenfalls über Berlinale-Erfolge freuen. Sandra Wollner bekam für „The Trouble with Being Born“ einen Spezialpreis der Jury in der neu gegründeten Sektion „Encounters“. Und die Südtirolerin Tizza Covi erhielt zusammen mit Rainer Frimmel eine „lobende Erwähnung“ beim Dokumentarfilmpreis für ihren Wien-Film „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“.

Mit diesen Gewinnern endet die Berlinale unter neuer Leitung mit einer kraftvollen Schlussnote. Die Realität hinter den filmischen Geschichten der ausgezeichneten Filme wird auch im nächsten Jahr wieder viel Stoff fürs Kino bieten.


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