Valentin Schwarz in Dresden: Wollt ihr die totale Operette?

Spätestens seit Freitag steht fest: Das Bayreuther Publikum muss sich heuer im Sommer beim „Ring“ warm anziehen. Der junge österreichische Regisseur Valentin Schwarz, Sensationswahl von Hügel-Chefin Katharina Wagner, legte mit Offenbachs „Die Banditen“ an der Staatsoperette Dresden seine letzte Inszenierung vor Bayreuth vor - und brachte mit einer Dekonstruktion die Zuschauer gegen sich auf.

Die Staatsoperette Dresden, das einzige selbstständige Operettenhaus Deutschlands, das seit 2016 seinen Sitz im coolen Industrieambiente des „Kraftwerk Mitte“ hat, konnte mit der Verpflichtung des mittlerweile designierten „Ring“-Regisseurs einen echten Coup landen. Jacques Offenbachs Opera-bouffe stellte dabei die erste Operetteninszenierung des 1989 geborenen Schwarz dar - und so wie an diesem Abend in Dresden kann man das Genre wohl in einer Karriere auch nur einmal inszenieren. Gemeinsam mit seinem Stammbühnenbildner Andrea Cozzi, der auch am Grünen Hügel mit von der Partie sein wird, dekonstruiert und destruiert Schwarz die Gattung nahezu in einem beinahe wahnwitzigen Spiel mit popmodernen Zitaten und Metaebenen.

Alles beginnt im Pseudowesternstil des Sachsen Karl May unter der Überschrift „Falsacappas megageile Banditenshow“ - auf den ersten Blick eine handelsübliche und durchaus schlüssige Modernisierung im Operettenzirkus durch Transponierung des italienischen Ursprungssetting. Alsbald wird dieses vermeintlich etablierte Sujet aber bereits wieder sukzessive gebrochen, wenn etwa besagter Räuberhauptmann Falsacappa (Hauke Möller) die Stimme verliert und durch eine Tonbandeinspielung ersetzt wird oder der junge Nachwuchsbandit Fragoletto (Laila Salome Fischer) sich mit einem Gangsterrap einführt.

Diese kurzen Irritation als Knirschen im Gebälk steigern sich alsbald. So darf der Wiener Tenor und Elfriede-Ott-Schüler Andreas Sauerzapf als Pietro Wienern was das Zeug hält und es mit Räuberhauptmann Falsacappa treiben, während Schwarz, der für die Textfassung selbst verantwortlich zeichnet, dessen Tochter „Ach mein Liebster, sorg‘ dafür, dass ich als Jungfrau nicht krepier“ skandieren lässt.

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In der Mitte des ersten Akts stürmt dann die sächsische Polizei den Saal und erklärt die Bühne aus baupolizeilichen Gründen für geschlossen. Man eignet sich darauf, dass zumindest die Vorderbühne verwendet werden darf. So wird der eigentliche Spielort zur No-Go-Area, und die Akteure gehen auf Tuchfühlung zum Publikum, das nur mehr einen Meter von ihnen entfernt sitzt. Die vierte Wand wird hier mit Gewalt durchbrochen und die Souffleuse aus ihrem Kasten gezerrt.

Spätestens jetzt kennt die Inszenierung kein Halten mehr. Bewusstes Knallchargentum und Trashästhetik wird alsbald in einer Metaebene gegen sich gewendet. Spiel im Spiel wird in sich erneut invertiert. Lokalmatador Tom Paulus gibt den Investor mit Alexander-Gauland-Hundekrawatte und diskutiert mit Falsacappa über den fehlenden Brecht-Diskurs versus das Unterhaltungsprimat der Bühne, bevor er im Goebbels-Duktus seine Truppe mit der rhetorischen Frage „Wollt Ihr die totale Operette?“ antreibt.

Dabei feuert bei Schwarz alsbald alles gleichzeitig. Im postmodernen Popreigen wird die Essenprüfung aus „Asterix erobert Rom“ ebenso zitiert wie Loriots Schwanzhund. Pimmelwitze mit Schlagstöcken stehen neben einer eigentlich auf jugendlicher Brautschau befindlichen Prinzessin von Granada - gesungen von der steirischen Sopranistin Ingeborg Schöpf -, die aber im Rollstuhl sitzt und aussieht wie Nancy Reagan. Die Akteure harzen zur Chornummer „Kiffen, kiffen, kiffen soll‘n wir alle jetzt“ Joints, singen Passagen mit Vampirzähnen im Mund, die sächsische Polizei tanzt halbnackt als Village People. Und nach der Destruktion kommt die Apotheose, verabschiedet sich doch am Ende die Kerntruppe mit den letzten Wort Jesus Christi am Kreuz, bevor das gesamte Ensemble einen Choral intoniert. Die Erlösung ist gefunden.

Am Ende erhielt das Orchester der Staatsoperette mit Abstand den meisten Applaus. Valentin Schwarz und sein Team hingegen wurde mit einem Buhchor und den laut vernehmbaren Geschmacksurteilen „Scheiße“ und „Peinlich“ aus dem Zuschauerraum bedacht. Die Zerstörung des eigenen Lieblingsgenres kommt nun einmal nicht bei jedem gut an. Und damit macht der wilde, maßlose, verrückte und überbordende Dresdner Abend Lust auf Bayreuth im Sommer.


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