Bayreuth-Regisseur Schwarz blickt auf Karriere-Highlight

Valentin Schwarz ist 30 Jahre alt - was bei den meisten Opernregisseuren bedeutet, dass sie sich bereits über ein Engagement für die Studentenaufführung der örtlichen Musikhochschule freuen. Der gebürtige Österreicher, der bisher auf rund ein Dutzend Inszenierungen zurückblickt, wird hingegen im Sommer am Grünen Hügel in Bayreuth Richard Wagners Mammutwerk „Der Ring des Nibelungen“ gestalten.

Die letzte Arbeit vor dieser Gipfelbesteigung der Zunft war die Inszenierung von Jacques Offenbachs „Die Banditen“ an der Staatsoperette Dresden, wo das Werk am Freitag eine vom Publikum mit Buhs quittierte Premiere feierte. Die APA sprach danach mit dem Jungregisseur über die Frage, ob er je überlegt hat, das Bayreuther Angebot abzulehnen, warum er noch nie einen Wagner inszeniert hat und warum er sich freut, nach einer ausgebuhten Premiere Zuschauern über den Weg zu laufen.

APA: Ihre Inszenierung von Offenbachs „Banditen“ wurde am Freitagabend vom Publikum der Dresdner Staatsoperette relativ einhellig ausgebuht. Wie geht es Ihnen mit einer solchen Rückmeldung?

Valentin Schwarz: Das Tolle am Theater ist ja seine Unmittelbarkeit. Im Kino sitzen wir vor der Leinwand, und die Beteiligten bekommen nicht mit, ob wir etwas gut oder schlecht finden. Im Theater treffen hingegen beide Seiten direkt aufeinander. In dem Moment, in dem die Kunst entsteht, wird sie rezipiert. Insofern ist es ein unglaublicher Reichtum, mit diesen Diskussion konfrontiert zu sein. Ich finde es großartig, dass ein Theaterabend nicht mit dem Fallen des Vorhangs endet, sondern dass man danach Menschen begegnet und aushalten muss, mit anderen Meinungen oder auch Unmut konfrontiert zu werden. Genau daraus entsteht Diskurs - und das kann durchaus ein Modell für die heutige Gesellschaft sein: Einander zuhören, auch wenn man ideologisch diametral entgegengesetzte Positionen hat. Das kann die Anregung für eine neue Form des Miteinanders sein.

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APA: Wenn es nicht zwingend die Zuschauerreaktion ist, was sind Ihre persönlichen Kriterien, ob eine Inszenierung geglückt ist oder nicht?

Schwarz: Erfolgreich ist eine Produktion für mich, wenn die gemeinsame künstlerische Vision von mir, dem Team und dem Ensemble an einem Abend in der Fassung dargestellt wird, die man sich erträumt hat. Das war hier in Dresden der Fall - die Darsteller waren mit Feuereifer dabei und haben das Ding durchgerockt. So was ist einfach geil. Denn im anderen Fall kann ein Abend nur verlieren. Und ich bin als Regisseur ja nur bei der Premiere vor Ort. Dann wird das Kind flügge und entwickelt eigene Energien. Dann tragen die Darsteller die Inszenierung.

APA: „Die Banditen“ war Ihre erste Operette - und Sie haben das Genre mit Ihrer Inszenierung gleichsam dekonstruiert. Kann man so etwas nur einmal in der Karriere machen?

Schwarz: Ich nähere mich jedem Werk völlig unterschiedlich und bemühe mich immer, auf ein Stück von der Nullebene zu blicken. Die verschiedenen Methoden und Varianten, sich einen Abend zu erarbeiten, sind deshalb immer auch unterschiedlich. Ich folge da keinem Masterplan. Dazu sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Werken für mich einfach viel zu extrem.

APA: Der Unterschied zwischen Wagners „Ring“ und den „Banditen“ ist für Sie also gleich groß wie der zwischen den „Banditen“ und etwa dem „Land des Lächelns“?

Schwarz: Von der Vorbereitung her ja. Ich habe kein festes Schema für Operette oder Oper im Kopf. Ich glaube nicht an Genregrenzen. Ich glaube an die spezifischen Bedingungen jedes einzelnen Werks. Und da gibt es oft überraschend wenige Parallelen zwischen Stücken, die vermeintlich nahe beieinander liegen - und ebenso verblüffende Korrelate von äußerlich sehr unterschiedlichen Werken.

APA: Auch wenn Sie in der Erarbeitung nicht an Genregrenzen glauben, gibt es ja den persönlichen Musikgeschmack: Mögen Sie Operetten?

Schwarz: Ich finde die Operette einfach hochinteressant. Sie wird ständig verkannt und hat sich in ihrer Geschichte immer schon an der Grenze von Weiterentwicklung und Verschwinden bewegt. Sie ist ein fragiles Genre.

APA: Besteht für Sie als Regisseur bei der Operette der Reiz auch darin, dass man größere Freiheiten bei der Bearbeitung hat?

Schwarz: Absolut! Als Regisseur muss man zunächst einen ganz eigenen Rhythmus für einen Abend entwickeln - ähnlich dem Sprechtheater. Das ist für einen Opernregisseur natürlich eine bezaubernde Abwechslung! Bei einer durchkomponierten Oper ist das klarerweise anders.

APA: Hier in Dresden wie im Sommer in Bayreuth haben Sie wieder mit Ihrem Stammausstatter Andrea Cozzi zusammengearbeitet. Wie darf man sich nach der langen Zeit die Kooperation von Ihnen beiden vorstellen?

Schwarz: Bei uns gilt nicht, dass ich als Regisseur ein Konzept entwickle, das dann der Ausstatter entsprechend bebildert, im Gegenteil herrscht eine sehr partnerschaftliche Kommunikation. Meine Beschäftigung mit der Sekundärliteratur und die Recherche teile ich mit meinem Team. Die müssen das auch alle lesen, und erst dann setzen wir uns zusammen. (lacht) Auch im Arbeitsprozess halten wir die Gesprächsbasis immer sehr offen. So möchte ich die Kommunikation am Theater erleben: Ein freier Ton ohne Hemmschwellen. Man soll sich zuhören und gegenseitig seine Meinung artikulieren. Natürlich gehören am Ende Entscheidungen her, und Theater entsteht nicht allein durch Basisdemokratie. Aber andere Ansichten zu hören und gegebenenfalls zu berücksichtigen, empfinde ich als unabdingbar für einen Regisseur.

APA: Andrea Cozzi hat also Rederecht bei Ihnen?

Schwarz: Redeverpflichtung! (lacht)

APA: Das nächste Projekt von Ihnen beiden wird dann Bayreuth im Sommer. Wie kam es, dass Hügel-Chefin Katharina Wagner genau Sie mit der Königsklasse einer „Ring“-Inszenierung beauftragt hat?

Schwarz: Dazu befragen Sie doch bitte lieber Frau Wagner!

APA: War es für Sie persönlich je Thema, das Angebot auszuschlagen?

Schwarz: Der „Ring“ in Bayreuth ist natürlich für jeden Regisseur einer der größten Momente in der Karriere. Insofern ist ein In-Sich-Gehen und ein Abwägen Teil des Prozesses. Die Frage ist, wie sehr man hinter seinem Konzept steht und wie sehr man sich vertraut. In letzter Konsequenz stand für mich aber nie infrage, dass ich das machen möchte. Und da spreche ich gar nicht von der Karriereperspektive, sondern einfach von der Möglichkeit, dieses Werk in Bayreuth zu inszenieren.

APA: Ein „Ring“ heißt ja nicht nur für Sie Ausnahmezeit, sondern auch für einen Bühnenbildner. Hat Herr Cozzi sehr schlucken müssen, als Sie ihm von dem Angebot erzählt haben?

Schwarz: Was sich bei uns über die lange Zeit unserer Zusammenarbeit entwickelt hat, ist das gegenseitige Vertrauen. Wenn eine Sache für den einen sehr klar ist, ist das in der Regel für den anderen ebenfalls so. Insofern war es für uns beide sehr schnell klar, dass wir das zusammen durchziehen wollen.

APA: Wie ist der Stand Ihres Konzepts für die vier Abende?

Schwarz: Das Konzept und die Vorbereitungen für Bayreuth sind natürlich längst abgeschlossen. Anderenfalls hätte ich das Engagement an der Staatsoperette Dresden nicht wahrnehmen können.

APA: Der „Ring“ wird Ihre erste Wagner-Inszenierung werden. Hatten Sie bis dato Vorbehalte gegen Wagner oder war das Zufall?

Schwarz: Natürlich gibt es Wagner-Werke, deren Themen mich mehr, und andere, die mich weniger interessieren. Aber der „Ring“ ist ja ein unglaublich reichhaltiger Kosmos. Grundsätzlich habe ich aber zu keinem Werk antrainierte Hemmschwellen, sondern überprüfe immer am Exempel, was mich daran interessiert.

APA: Die extreme Kodifizierung und Diskussion um die Inszenierung von Wagner ist Ihnen wurscht?

Schwarz: Naja, wurscht nicht. Sicher muss man sich auch mit der Rezeptionsgeschichte eines Werks auseinandersetzen, aber das ist nur ein Teilaspekt. Anschließend, wenn ich den gedanklichen Stift ergreife, um das Konzept zu entwerfen, wirken alle Sekundärinfos nur mehr unbewusst weiter. Die entscheidende Frage ist: Was bewegt mich an einem Werk? Was bringt ein Stück in mir zum Schwingen? Das ist insofern ein sehr persönlicher Prozess.

APA: Begreifen Sie den „Ring“ als große Einheit oder als vier Einzelwerke?

Schwarz: Die tolle Chance für das Publikum ist ja in Bayreuth, den gesamten „Ring“ in einer Woche zu sehen. Insofern muss man als Regisseur den Zuschauer belohnen, dass er sich 16 Stunden auf die harten Stühle im Festspielhaus setzt. (lacht) Deshalb ist für mich völlig klar, dass die vier Abende des „Rings“ für mich - neben aller Berechtigung der einzelnen Teile - als großes Ganzes für Bayreuth gedacht und gestaltet werden.

APA: Hat man in Bayreuth als Theatermacher mehr Freiheit im Vergleich zu einem festen Haus?

Schwarz: Von der Gedankenfreiheit her macht das für mich keinen Unterschied.

APA: Haben Sie selbst als Zuschauer bereits Bayreuth-Erfahrungen?

Schwarz: Aber klar! Als allererste meiner zahlreichen Bayreuth-Erfahrungen durfte ich 2009 als Stipendiat der Richard-Wagner-Stipendienstiftung den vorvorigen „Ring“ von Tankred Dorst und Christian Thielemann besuchen.

APA: Können Sie definieren, wie Sie nun auf ihren Sommer am Grünen Hügel zugehen? Als Rennpferd, das mit den Hufen scharrt?

Schwarz: Fiebriges Hinfiebern trifft es wohl. Das ist so aufregend für uns alle Beteiligten. Wir freuen uns einfach auf diesen Gipfel des Musiktheaters.

APA: Zum Abschluss noch eine ganz praktische Frage: Sie sind Österreicher, aber nirgends findet sich, woher...

Schwarz: Das ist kein Zufall. Ich bin Österreicher, aber ich denke nicht in nationalen Kategorien. Ich fühle mich als Europäer.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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