„Große Nacht des Tanzes“: Ein Kniefall der Bewunderung

Die Premiere der „Großen Nacht des Tanzes“ am Tiroler Landestheater wird zum heftig bejubelten Spektakel. Die Tanzcompany betritt neues Terrain und versprüht eine Begeisterung, die auf die Betrachter überspringt.

Völlig losgelöst von der Erde. Bei der mitreißenden Choreografie „Cantata“ gibt es für Haare, Gewänder und ganze Körper kein Halten mehr.
© Larl

Von Markus Schramek

Innsbruck – Enrique Gasa Valga kniet vor seiner Tanzcompany nieder. Eine große, leicht pathetische Geste, warum aber auch nicht? Schließlich ist das hier eine Bühne, jene des Großen Hauses im Tiroler Landestheater. Und zum x-ten Mal hat die Tanzcompany das Publikum in den knallvollen Rängen (darunter fast vollständig die Landesregierung) in ihren Bann gezogen. Der Saal tobt, Bravos und Ovationen, minutenlanger Schlussapplaus. Die aktuelle Produktion verheißt eine „Große Nacht des Tanzes“. Eine solche ist es fürwahr. Nicht nur Tanzdirektor Gasa Valga findet den Auftritt seiner Schützlinge bei der Premiere vorgestern Samstag schlicht zum Niederknien.

Drei Choreografien internationaler Großmeister sind zu Gast in Innsbruck. Neben Eigenproduktionen (wie derzeit Marie Stockhausens „Wolfgang Amadeus“ in den Kammerspielen) soll der Input von außen den Horizont erweitern – von Tänzern und Besuchern gleichermaßen.

Das Risiko scheint überschaubar: Gasa Valga verfügt über das Händchen für die Stückauswahl, und die Company bietet alles auf – bis zur völligen Erschöpfung. Hier ist ein verschworenes Grüppchen von Tanzbesessenen am Werk, das spürt der Betrachter, der sich kaum satt sehen kann am leidenschaftlichen Treiben auf der Bühne.

Mit der „Großen Nacht des Tanzes“ wird programmatisch der nächste Schritt gesetzt – und was für einer. Das Stück „Cantata“ von Choreograf Mauro Bigonzetti zeigt Tanztheater in einer neuen Dimension: das gesamte Ensemble auf der Bühne, in Aktion oder beobachtend, kommentierend, diskutierend; ein Ausdruck von Lebensfreude, einer „gioia di vivere“, ein Gebalze zwischen Männlein und Weiblein, vorangetrieben von temperamentvoller Musik aus Süditalien. Machismo scheint unvermeidlich, doch die Frauen weisen das gockelhafte Gegenüber selbstbewusst in die Schranken.

Die „Cantata“ ist mehr Performance als Tanz. Die Company bewegt sich in der Gruppe wie Ähren im Wind, ehe sich ein Pärchen zum Tête-à-Tête herausformiert. Hingebungsvoll und feurig entfacht dieses Stück so richtig Lust auf menschliche Interaktion.

Ein herkömmliches Leben hat freilich auch weniger freudvolle Seiten, unerwiderte Liebe und Herzschmerz sind nur zwei davon. Gustav Mahler hat 1883 aus diesem traurigen Stoff vier „Lieder eines fahrenden Gesellen“ für Orchester und Solostimme komponiert. Star-Choreograf Jiˇrí Kylián ersann dazu eine Tanzfolge, die bewegt und tief unter die Haut geht.

Die Lieder werden als Duette getanzt, technisch fordernd, eine Augenweide. Besonders einfühlsam geben sich Oumy Cissé und Marco Marangio der Mahler’schen Seelenpein hin. Beide Tänzer sind neu im Team, zwei weitere Perlen, die Gasa Valga heraufgetaucht hat.

Eindrucksvoll unterstützt das Bühnenbild Dramatik und Melancholie des fahrenden Gesellen. Weil das Original des Bühnenhintergrunds dieser (1982 uraufgeführten) Choreografie nicht mehr transportfähig ist, wurde im Malersaal des Landestheaters eine Kopie angefertigt (die mit dem Stück weiter durch die Lande ziehen wird). Hinter den Tänzern tut sich ominös eine „road to nowhere“ auf, ein Weg ins Nichts.

Teil 3 des Abends ist aus dem Vorjahr bekannt: Das Tanzstück „Por Vos Muero“ des Spaniers Nacho Duato war schon 2019 im Programm von „Una Noche Elegante“. Das Stück ist eine Reverenz an das Goldene Jahrhundert der spanischen Renaissance, in der Kulturen friedlich koexistierten und einander künstlerisch befruchteten.

Fehlt noch ein Rat zum Wochenbeginn: Karte ergattern, hingehen, zurücklehnen und abtauchen in eine Welt weit weg vom Hier und Jetzt.


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