„Vögel“ im Landestheater: Worüber definiert sich Identität?

In den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters hatte „Vögel“ Premiere, Wajdi Mouawads eindrucksvolles Familiendrama über die Gefährlichkeit von Leben und Wahrheit.

Beim Pessach-Fest kommt es zum Eklat: Phillip Henry Brehl, Andreas Wobig, Raphael Kübler, Johannes Gabl und Sara Nunius (v. l.) in „Vögel“.
© Rupert Larl

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Schon im Vorspiel ereilt den Studenten der Biogenetik die erste Lektion: Ein Zufall wird Bestimmung. Eitan, Sohn streng jüdischer Eltern, trifft in der New Yorker Universitätsbibliothek auf Wahida, arabischer Herkunft, die über einen zwangschristianisierten arabischen Diplomaten des frühen 16. Jahrhunderts dissertiert. Wahida steckt damit mitten in den Fragestellungen einer Vereinbarkeit von Kulturen und Religionen, hält es aber mit dem jungen Wissenschafter, der die DNS jedes Einzelnen frei von Ideologie weiß, denn sie liebt Eitan, nicht den Juden.

Am Tiroler Landestheater, wo 2009 Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ gezeigt wurde, läuft seit Sonntag das gegenwärtig aufgeklärte Europäer bewegende, als „Stück der Stunde“ gehandelte Bühnenwerk „Vögel“ des im Libanon geborenen frankokanadischen Autors. Er lässt „Vögel“ in den vier Muttersprachen der Figuren – Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch – spielen, aber wie auf etlichen Bühnen konzentriert man sich auch in Innsbruck auf die deutsche Übersetzung von Uli Menke.

Als Eitan beim Pessach-Fest in Berlin Wahida der Familie vorstellen will, kommt es zum Eklat, weil Vater David, unerbittlich im Tragen des jüdischen Leids, in der Araberin den Feind sieht. Eitan, einem Familiengeheimnis auf der Spur, befragt in Israel dazu die Großmutter. Dann zählt er zu den schwerverletzten Opfern eines Attentates. Wahida findet indes in der arabischen Welt sich selbst. Sie wird bleiben. Sie spricht Arabisch. Als Fundamentalist David von seiner eigentlichen Herkunft erfährt, reagiert er auf die Wahrheit mit einem Schlaganfall. Eitan übernimmt das Erbe: „Ich werde keinen Trost finden!“

Das ist alles minutiös erzählt, manchmal ein bisschen lehrhaft. Doch Mouawads „Vögel“ ist ein spannendes, bewegendes Stück. Es thematisiert den Nahost-Konflikt vor der Folie des Holocaust und reicht in jedermanns Leben – bis zur Selbstverwirklichung Jugendlicher in der multikulturellen Gesellschaft, bis zum Generationenkonflikt und der Flüchtlingsfrage.

Worüber definiert sich Identität? Über Geschichte, Religion, Ideologie? Über Nationalität und Kultur? Wie vorbestimmt ist der Einzelne, ist es möglich, mehrere Kulturen gleichwertig zu leben? Mouawad plädiert für Hoffnung mit der persischen Legende vom Amphibienvogel.

Regisseurin Susi Weber kleistert in Isabel Grafs fabelhaftem Bühnenbild eines zerfetzten Raumes nicht zu, was das Stück anregt, sie inszeniert klar und ruhig, Politisches tritt zugunsten des Familiendramas zurück. Das reduziert die Figur der Soldatin, von Lisa Hörtnagl kraftvoll und letztlich doch menschlich unterfüttert angelegt. Das junge Paar ist mit Christina Constanze Polzer und Phillip Henry Brehl überzeugend in seiner Identifikation, großartig die vom Leben gezeichneten Großeltern Etgar und Leah mit An­dreas Wobigs Pointierung und Janine Wegeners Sarkasmus. Eitans Eltern Norah und David sind mit Sara Nunius’ Zerrissenheit und Johannes Gabls trotziger Unbestimmtheit sehr passend besetzt, Raphael Kübler gehören die fünf restlichen Rollen. Michael Reinisch unterstützt mit Lichtwechsel das Verständnis.


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