Claudio Albrecht: „EU braucht genug eigene Medikamente“

Gerade auch die Corona-Krise zeige die große Abhängigkeit Europas von China, kritisiert Pharma-Topmanager Claudio Albrecht.

Für Claudio Albrecht muss gerade auch die Corona-Krise für die EU ein überfälliger Weckruf sein.
© Julia Hammerle

Von Alois Vahrner

Innsbruck –Die Welt steht zurzeit völlig im Bann der Corona-Krise. Für Albrecht (der Tiroler war nach Top-Funktionen bei Sandoz jeweils Chef der Pharmakonzerne Ratiopharm, Actavis und Stada und führt jetzt von der Schweiz aus das Beratungsunternehmen Albrecht, Prock & Partners) sei extrem alarmierend, wie abhängig sich Europa von China gemacht habe – noch mehr als bei Seltenen Erden etwa für Handys oder E-Autos im Arzneimittelbereich. Nahezu alle Wirkstoffe stammten mittlerweile aus China, und es habe auch immer wieder Ausfälle wegen Fabriks­ausfällen, Verunreinigungen oder in einem Fall wegen eines krebserregenden Stoffes gegeben. Folge seien immer wieder Verknappungen bei Arzneimitteln, etwa bei Antibiotika, wie auch die Innsbrucker Klinik bemängelte. Dass wie bei Corona auch der Großteil von Schutzanzügen und Masken aus China stammten und auch da Engpässe beklagt werden, passe ins Bild.

Für Albrecht muss gerade auch die Corona-Krise für die EU ein überfälliger Weckruf sein. „Europa muss sich entscheiden: Was will ich aus strategischer Sicht und vor allem auch für die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger hier haben?“ Unabdingbar für den Pharma-Topmanager wären etwa die Bereiche Anti-Infektiva (und gerade hier sei auch Sandoz in Kundl extrem wichtig), Impfungen, Herz-Kreislauf-Präparate oder auch die Onkologie. Das China und Indien allein zu überlassen, sei verantwortungslos.

Gefragt seien neben der Politik auch die Pharmakonzerne. Diese bräuchten aber angesichts der Tiefstpreise entsprechende Rahmenbedingungen wie einen zumindest kostendeckenden Mindestpreis und eine Produktionsgarantie. Hier sei die Politik gefordert, eine eigene Produktion im Sinne der Versorgung sicherzustellen. Innereuropäische Exportstopps seien völlig kontraproduktiv, stattdessen sollten via Parallelimport verstärkt auch Originalprodukte aus anderen EU-Ländern eingeführt werden. Das werde zurzeit zu wenig genutzt. In den Apotheken müsse es möglich sein, Substitutionsprodukte („alle wesentlichen Hersteller führen in verschiedenen Bereichen praktisch wirkungsgleiche Präparate“) zu verabreichen.


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