Leitartikel zu Schulschließungen: Schwere Prüfung auf allen Ebenen

Die österreichische Lösung bei den Schulschließungen wirft viele Fragen auf. Und sie zeigt den Status der Digitalisierung im Land schonungslos auf. Denn vom vielzitierten E-Learning bleibt in der Praxis wohl nicht viel übrig.

Wie leer die Klassen ab nächster Woche sein werden, ist noch völlig unklar.
© recep-bg

Von Marco Witting

Es ist eine österreichische Lösung, die diese Bezeichnung durchaus verdient. Österreichs Schulen schließen – und auch irgendwie nicht. Die Regierung will die sozialen Kontakte möglichst vermeiden und wollte alle Oberstufen-Schüler und drei Viertel der anderen Kinder spätestens mit Mittwoch zu Hause betreut sehen – um das dann doch wieder zu relativieren. Es wird sich zeigen, ob diese Maßnahmen wirklich ausreichend waren. Eines bringt die Corona-Krise aber schon jetzt: das Schul- und Betreuungssystem an seine Grenzen.

Es sind außergewöhnliche Zeiten und in diesem Licht muss die gesamte Situation, speziell was die Kinderbetreuung betrifft, letztlich auch gesehen werden. Der Grat ist schmal. Komplette Schulschließungen führen zu Betreuungsproblemen und könnten dazu führen, dass letztlich doch ältere Mitmenschen auf die Kinder aufpassen. Andererseits gehen andere Länder im Kampf gegen das Virus hier deutlich restriktiver vor und sperren wirklich alles zu.

Marco Witting
© thomas boehm

Die österreichische Lösung bringt nicht nur das Schulsystem an seine Grenzen. Sie zeigt auch den Status der Digitalisierung des Landes auf. Dass auf E-Learning für die Oberstufen-Schüler umgestellt wird, das klingt in der Theorie ganz gut. Den Praxistest bestand man im ersten Anlauf nicht. Lehrer hatten Probleme, die Lerninhalte auf die gewünschte Plattform hochzuladen. Außerdem sind viele Schüler für einen derartigen Betrieb auch gar nicht ausgerüstet. Streaming-Angebote wie bei den Unis sind eher selten. Umgekehrt gibt es aber einen Großteil der Schulbücher auch kostenlos zusätzlich als E-Books mit Audiofiles. Außerdem schalten derzeit einige Schulbuchverlage für die Dauer der Schulschließungen ihre digitalen Unterrichtsmaterialien kostenlos frei.

Die Bundesregierung hat in ihrem Digitalen Aktionsplan vor der Corona-Krise ein Investitionsvolumen von einer Milliarde Euro für den Ausbau der Digitalisierung angekündigt. Im Alltag werden jetzt aber ganz analog noch viele Zettel im Einsatz sein, die in den nächsten Tagen ausgeteilt werden. Ganz entscheidend für den Lernerfolg in den kommenden vier Wochen, in denen kein regulärer Unterricht stattfindet, werden die Eltern sein. Außerdem stellt ja der ORF sein Vormittags-Programm um und zeigt Bildungsfernsehen mit Dokus und Erklärstücken wie Universum. Das mutet letztlich nach Österreich an – allerdings wie in den 80ern.

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Viele Fragen zum Notbetrieb

Von Marco Witting

Innsbruck – Der gestrige Schultag war voller Fragen. Die gingen den herkömmlichen Weg: vom Lehrer an die Schüler, aber auch retour, an Direktoren und die Bildungsdirektion. Was wird jetzt eigentlich geschlossen? Wie soll der Notbetrieb an den Schulen tatsächlich laufen? Was ist mit den Zentralmatura-­Terminen? Und was passiert, wenn Eltern ihre Kinder schon jetzt aus der Schule nehmen wollen?

Für letztere Frage gibt es eine klare Antwort der Bildungsdirektion. Diese wird den Wunsch der Eltern in diesem Fall „respektieren“. Abgesehen davon war auch gestern noch einiges unklar, wie die Schul-Schließungen, die ja eigentlich keine sind, in der Praxis umgesetzt werden.

„Wir ersuchen alle Eltern, ihre Kinder so weit wie möglich im häuslichen Umfeld zu betreuen. Dies betrifft Schülerinnen und Schüler der Volksschulen, Neuen Mittelschulen und AHS-Unterstufen sowie Kinder, die in Kinderbetreuungseinrichtungen betreut werden“, ließ Bildungslandesrätin Beate Palfrader ausrichten. Bildungsminister Heinz Faßmann beruhigte von Wien aus die Maturanten, die sich „keine Sorgen“ machen sollen.

Wie berichtet, findet ab Montag für Schüler ab der neunten Schulstufe kein Unterricht mehr statt. Sie sollen digital aktiv betreut werden – im dafür vorgesehenen System kam es gestern allerdings zur Problemen. Palfrade­r hielt noch einmal fest, dass der Zeitraum bis zu den Oster­ferien nicht als schulfreie Zeit, sondern als eingeschränkter Schulbetrieb zu betrachten sei. Ab Mittwoch gilt für Volks- und Sonderschulen sowie Schulen der Sekundarstufe 1 und Kinderbetreuungseinrichtungen ein eingeschränkter Betrieb.

Die Kinder sollen hier im Journaldienst von Lehrern betreut werden – wie groß diese Gruppen sein werden, es hieß teilweise maximal 10 Kinder, war vorerst unklar und werde wohl pro Schule unterschiedlich sein, sagte Faßmann.

📞 Ab heute steht für Fragen ein­e Hotline der Bildungsdirektion Tirol unter 0800/100360 täglich von 7.30 Uhr bis 18 Uhr (auch am Wochenende) zur Verfügung.

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