„Übergangsjahr“ in Formel 1 mit historischen Optionen

Im Jahr vor dem großen Regel-Umbruch birgt die Formel-1-WM historische Optionen. Lewis Hamilton kann 2020 durch einen siebenten Fahrertitel mit Rekordweltmeister Michael Schumacher gleichziehen, Max Verstappen und Charles Leclerc können mit jeweils 22 Jahren letztmals jüngster Weltmeister der Geschichte werden. Los gehen soll die 71. WM-Saison am 15. März in Australien.

Wegen des Coronavirus umfasste der als Rekord angedachte WM-Kalender zunächst ohnehin nur 21 statt wie geplant 22 Rennen, weil das dritte Saisonrennen in China auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Ungeachtet der verschärften Einreisebestimmungen in Australien, Bahrain und Vietnam geht Mercedes nach sechs Fahrer- und Konstrukteurstiteln in Folge zumindest noch einmal vor der großen Umwälzung 2021 als Favorit in die Titeljagd. Während Serien-Weltmeister Hamilton einmal mehr der große Gejagte ist, sieht sich Red Bull Racing als neue zweite Kraft. Noch nie in der Turbo-Hybrid-Ära war man mit dem Auto so früh fertig, dazu wird der Honda-Motor immer besser.

Nicht nur das lässt das Team von Dietrich Mateschitz glauben, vor Ferrari zu liegen. Die Italiener sollen sich im Vorjahr ihre verblüffende Stärkephasen durch zweifelhafte Tricks gesichert haben. Dem hat die FIA nun aber offenbar einen Riegel vorgeschoben, was Leclerc und vor allem dem für 2021 noch ohne Vertrag da stehenden Sebastian Vettel das Leben noch schwerer machen könnte. Die Vorsaison-Testfahrten in Barcelona verliefen jedenfalls nicht besonders Mut machend.

Der Mittelfeld-Kampf könnte genauso spannend werden wie der vermutliche Dreikampf an der Spitze. Denn McLaren hat mit Racing Point einen Konkurrenten um Platz vier bekommen. Der „rosarote Mercedes“ mit dem österreichischen Titelsponsor BWT lieferte bei den Barcelona-Tests starke Zeiten ab. Mateschitz‘ Zweitteam Toro Rosso hat sich unter dem neuem Namen AlphaTauri Platz fünf zum Ziel gesetzt, das will aber auch Renault. Am Ende des Feldes hofft Williams nach einem desaströsen Jahr auf Anschluss zu Haas und Alfa Romeo. Für alle Teams gleich ist, dass man neben der Weiterentwicklung der aktuellen Autos bereits auch die völlig neuen Fahrzeuge für 2021 konstruieren muss.

Seit 2014 und der Einführung der Hybrid-Ära hat Mercedes dank Hamilton (5) und Nico Rosberg (1) stets die Fahrer- und Konstrukteurs-WM gewonnen. Ob sich das noch vor dem großen Umbruch, wenn die Autos 2021 unter Budget-Obergrenzen schwerer und langsamer werden und Überholen leichter wird, ändert, wird man erst nach einigen Rennen wissen. Gilt doch der Auftakt in Melbourne als nicht besonders repräsentativ für eine Gesamtprognose. Zudem sind die Autos erfahrungsgemäß später beim Europa-Auftakt im April nahezu runderneuerte Gefährte.

Auch auf dem Fahrersektor gibt es 2020 nicht viel Neues. Einziger Debütant ist der Kanadier Nicholas Latifi, der den Polen Robert Kubica bei Williams ersetzt. Esteban Ocon ist anstelle von Nico Hülkenberg bei Renault in die WM zurückgekehrt. Größte Neuigkeit vor der Saison war das innovative DAS-Lenksystem - und auch das ging auf das Konto von Mercedes. Hamilton und Valtteri Bottas sollen das „Dual Axis Steering“, bei dem während der Fahrt die Spur der Vorderräder verstellt wird, sofort auch in den Rennen einsetzen.

Teamchef Toto Wolff gab sich dennoch wie immer zurückhaltend. „Auf den Lorbeeren auszuruhen ist immer schlecht“, warnte der Österreicher. Wolff glaubt, dass das stabil gebliebene Reglement eher ein Nachteil für Mercedes ist. „Weil die Vorteile, die du anfangs hast, immer weniger werden.“ Dass Superstar Hamiltons Vertrag ausläuft, sieht Wolff pragmatisch. „Solange wir ein schnelles Auto bauen, werden wir uns immer aussuchen können, wer dieses Auto fährt.“ Hamilton traut er einen siebenten Titel natürlich zu: „Aber der Titel, der vor dir liegt, ist immer der schwierigste.“ Dem stimmte Hamilton zu: „Je näher man rankommt, desto größer werden die Schritte.“

Die erstaunlichste Veränderung im Vorfeld machte Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko durch. Der jahrelange Kritiker ist mittlerweile ein Fan des Hybrid-Turboantriebes, dank dem Mercedes seinerzeit Red Bull als Serienweltmeister abgelöst hatte. Mittlerweile verwendet Red Bull die immer besser werdenden Antriebe von Honda statt jenen von Renault, Marko schwärmte im WM-Vorfeld sogar von der „technischen Brillanz“ der aktuellen Formel-1-Antriebe.

Honda (2021) bleibt bei den letztmalig mit Aston Martin als Titelsponsor antretenden „Bullen“ ebenso an Bord wie Verstappen (2023), damit sollte eine Erneuerung des heuer auslaufenden Siebenjahresvertrags für den Österreich-Grand-Prix auf dem Red Bull Ring in Spielberg nur noch eine Zeit- bzw. Geldfrage sein. Für wie lange, hängt auch stark von der Motorensituation ab. Und vom Erfolg. „Ich glaube, wir können in Australien mit Mercedes um den Sieg kämpfen“, gab sich Marko zumindest für den WM-Auftakt zuversichtlich, dass der RB16 von Adrian Newey ein Gewinnerauto ist.


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