Natur und Verfall: Ingeborg Strobls „vielfältiger Kosmos“

Makabere Keramiken, unmöglich scheinende Tierzeichnungen und enormer Arbeitseifer: Es sind höchst unterschiedliche Seiten, die man in der Ausstellung „Gelebt“ von der 2017 verstorbenen Künstlerin Ingeborg Strobl kennenlernt. Mit der Schau breite sich ihr „vielfältiger Kosmos“ im Wiener mumok aus, betonte dessen Direktorin Karola Kraus. Und dieser reichte von den Niederen Tauern bis nach Indien.

An der Konzeption der bis 26. Juli laufenden Ausstellung war Strobl noch selbst beteiligt, so stamme etwa auch der Titel von ihr, wie Kurator Rainer Fuchs bei der Pressekonferenz am Mittwoch erklärte. „Erst durch die Schenkung ihres Archivs an das mumok wurde diese Schau überhaupt möglich“, so Fuchs. Und dieses sei sogar umfangreicher gewesen, „als wir es uns selbst erwartet hatten“. Ein zentrales Narrativ der gebürtigen Steirerin, die in Wien und London studiert hat, war der Verfall in Verschränkung mit der Natur.

So begegnet man etwa im Hauptraum der Schau einer Serie von Tulpenfotografien, die schrittweise das Vergehen der Blume abbildet und auch als Titelsujet für „Gelebt“ fungiert. Nur wenige Meter weiter sind es hingegen Friedhofsansichten, die auf den vielen Reisen Strobls entstanden sind. „Wo immer sie hingefahren ist, hat sie Friedhöfe besucht“, erzählte Fuchs. Dabei legte sie einen Fokus auf den gesellschaftlichen wie zeitlichen Wandel und die Spuren, die beides an solchen Orten hinterlässt.

An ihren eigenen künstlerischen Beginn führen hingegen Buntstiftzeichnungen, die Strobl Anfang der 1970er auch die Aufnahme am Royal College of Art in London ermöglichten: Mit klaren Strichen bannte sie Tiere auf Papier, jedoch stets versehen mit mal kleineren, mal größeren Irritationen. So verliert etwa eine Ente aufgrund eines strengen, dahinterliegenden Rasters einen Teil ihres Kopfes, während Mäuse keineswegs immer nur einen Schwanz haben müssen. In direktem Bezug dazu stehen auch die u.a. in London entstandenen Keramiken, die auf dieselbe Art und Weise organische Formen ins Absurde gleiten lassen. So wollte Strobl „gegen das Klischee der Keramikkunst opponieren“, sagte der Kurator.

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Dass Strobl medienübergreifend arbeitete und sich in vielen Genres zuhause fühlte, untermauern auch ihre installativen Arbeiten und Collagen. Im mumok belegen das auch zwei in die Ausstellungspräsentation eingeschobene Räume, kann doch etwa ihre „Wunderkammer“ der alltäglichen Dinge ebenso durchschritten werden wie „Rumex Alpinus“, eine Werkreihe, die auch auf ihrer Tätigkeit als Sennerin im steirischen Plienten zurückgeht. Ruhig wirkenden Wald- und Wiesenfotografien entlockte Strobl stets ein Momentum des Unbehagens und der indirekten Kritik.

Aber nicht nur mit gesellschaftlichen Konventionen ging die Künstlerin streng ins Gericht, auch ihr eigener Arbeitsethos kannte offensichtlich keine Kompromisse: Im Jahr 1979 schuf sie beispielsweise eine Zeichnung respektive Collage pro Tag, was sich im mumok in einer kleinen Auswahl der insgesamt 365 Arbeiten niederschlug. Es waren Dinge ihres Alltags, die hier Eingang fanden, wie sich beispielsweise an allerlei Erinnerungsstücken einer Indienreise zeigt. Komplettiert wird die umfangreiche Retrospektive durch Videoarbeiten und zahlreiche Fotografien, die scheinbar Nebensächliches in den Fokus rücken. „Sie hat sich für das Verdrängte, Randständige, wenig Beachtete interessiert“, meinte Fuchs.

Parallel zum künstlerischen Universum von Strobl ist auch die abseitige Welt von Steve Reinke im mumok zu erkunden: „Butter“, die erste museale Einzelpräsentation des US-Amerikaners, verknüpft dessen reduzierte, gänzlich in schwarz-weiß gehaltenen Textbilder mit der neuen Videoarbeit „An Arrow Pointing to a Hole“ und seinen kleinformatigen Stickereien. Meist geht es Reinke in seinen Arbeiten um den „Formverlust“, sagte Kuratorin Manuela Ammer. „In der Praxis des Notierens und Kritzelns gründend, stellen sie Bilder dar, die keine Bilder sein wollen, seltsame Hybride zwischen akkurater Ausführung und nebulöser Inhaltlichkeit.“ Hinzu kommt außerdem ein äußerst expliziter Gestus, der sich in Parolen wie „Sometimes Fucking Helps“ oder Fetischsequenzen ausdrückt. Zu sehen ist die kompakte Zusammenstellung bis 21. Juni.

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