Das große Comeback des Joe Biden

Der Herausforderer für US-Präsident Donald Trump wird Joe Biden oder Bernie Sanders heißen.

Joe Bidens Kampagne hatte bereits als gescheitert gegolten. Beinahe über Nacht führt der 77-Jährige nun wieder das Rennen an.
© AFP

Von Floo Weißmann

Washington – Der frühere Vizepräsident Joe Biden ist zurück als Favorit für die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten. Völlig überraschend hat der 77-Jährige, den viele Beobachter schon abgeschrieben hatten, den Abstimmungsreigen am Super Tuesday klar gewonnen.

Nach vorläufigen Ergebnissen sammelte Biden am Dienstag die meisten Stimmen, die meisten Siege in einzelnen Bundesstaaten und die meisten Delegierten für den Nominierungsparteitag. Er gilt damit wieder als wahrscheinlichster Herausforderer von Präsident Donald Trump im November. „Wir sind besser als dieser Präsident. Also steht wieder auf und holt euch­ das Land zurück“, rief Biden seinen Anhängern zu.

Der linksgerichtete Senator Bernie Sanders (78), der als Führender in den Super Tuesday gegangen war, musste sich mit dem zweiten Platz begnügen. Aber auch er kann auf Erfolge verweisen – unter anderem im größten Bundesstaat Kalifornien. Vor Fans gab er sich kämpferisch: „Heute Abend sage ich euch mit absoluter Zuversicht, dass wir die demokratische Nominierung gewinnen und den gefährlichsten Präsidenten in der Geschichte dieses Landes schlagen werden.“

Enttäuschend verlief der Super Tuesday für den New Yorker Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg. Der neuntreichste Mensch der Welt hatte fast eine halbe Milliarde Dollar in Fernsehwerbung investiert, um die Führung an sich zu reißen. Geld allein reiche eben doch nicht aus, lautete gestern der Tenor der US-Kommentatoren. Bloomberg zog noch am Mittwoch die Konsequenz. Er erklärte seinen Rückzug und stellte sich hinter Biden.

Auch die Aussichten der Senatorin Elizabeth Warren haben sich merklich verdüstert. Besonders schmerzlich: Sie wurde am Dienstag in ihrem Heimatbundesstaat Massachusetts nur Dritte. Der Sieg ging an Biden, der dort nicht einmal Wahlkampf betrieben hatte. Warren zählt wie Sanders zum linken Parteiflügel.

Das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten spitzt sich damit auf ein Duell zu. In dieser Hinsicht hat der Super Tuesday die von der Partei erhoffte Klärung gebracht. Zwischenzeitlich waren mehr als 20 Bewerber im Rennen gewesen.

Hinter dem Duell der politischen Veteranen verbirgt sich ein Ringen um gegensätzliche politische Konzepte. Sanders, der selbsternannte demokratische Sozialist, verspricht Amerika eine politische Revolution und eine viel größere Rolle des Staates. Er und seine Fangemeinde greifen das Establishment an – zu dem sie auch die eigene Partei zählen.

Biden steht für eine konventionellere und moderatere Politik, wie sie in ähnlicher Form auch Barack Obama betrieben hat, dem Biden als Vizepräsident diente. Für seine Kritiker am linken Flügel bedeutet dies, einen inakzeptablen Status quo zu verwalten, der nur den Reichen zugutekomme. Am moderaten Parteiflügel hingegen herrscht die Überzeugung, dass Biden viel eher die Wechselwähler in der politischen Mitte ansprechen kann als Sanders. Auch von Trump wird berichtet, dass ihm Biden die größten Sorgen bereitet – was seinen Versuch erklärt, mit der Ukraine-Affäre eine Rufmordkampagne gegen Biden zu starten.

Die gegensätzlichen Konzepte spiegeln sich auch in der Wählerstruktur. Laut Exit Polls punktet Sanders besonders bei Liberalen und jüngeren Wählern sowie Hispanics. Bidens Comeback stützt sich hingegen auf die Mittelschicht in den Vorstädten, ältere Wähler sowie große Mehrheiten bei den Afroamerikanern, die ihn mit dem ersten schwarzen Präsidenten assoziieren.

Der Ex-Vizepräsident war fast das gesamte vorige Jahr hindurch im Mittel der nationalen Umfragen voran gelegen. Doch mit den ersten Abstimmungen im Februar, bei denen Biden nur auf dem vierten und fünften Platz landete, kam der Einbruch. Die Unterstützung für ihn bröckelte, und während der moderate Parteiflügel nach einem neuen Bannerträger suchte, zog der viel besser finanzierte Sanders in den Umfragen davon.

Die Wende kam mit Bidens fulminantem Sieg am Samstag in South Carolina, wo Schwarze die Mehrheit der Vorwahlteilnehmer stellten. Am Montag gaben zwei Mitbewerber am moderaten Flügel auf und empfahlen Biden. Nun steht das Rennen wieder dort, wo es im Vorjahr war. Insider warnen aber davor, Biden schon zum Kandidaten auszurufen. Nächste Woche folgt ein kleiner Super Tuesday mit Abstimmungen in sechs Bundesstaaten, die von ihrer Struktur her Sanders besser liegen könnten als Biden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Führung bald wieder wechselt.


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